Was wäre eine Fantasy-Geschichte ohne einen Helden oder eine Heldin? Mit wem würden wir mitfiebern, wen würden wir bewundern, mit wem würden wir leiden, lieben und lachen? Wen würden wir infrage stellen?

Als Held wird man allerdings nicht geboren, diesen Titel muss man sich hart erkämpfen. Dazu bedarf es eines längeren Weges, einer sogenannten Heldenreise oder Quest. Diese ist durch bestimmte archetypische Situationsabfolgen gekennzeichnet, die der Autor James Joyce "Monomythos" nannte. Die klassische Heldenreise findet sich besonders deutlich in den mythologischen Erzählungen, die der US-amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell analysiert hat. Er fand in den Strukturen eine stets gleiche Abfolge von Separation, Initiation und Rückkehr der zentralen Figur. Campbell gliederte diese Abfolge in 17 Schritte auf, der US-amerikanische Drehbuchautor und Publizist Christopher Vogel reduzierte sie auf zwölf, wobei er noch die Archetypenlehre des Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung einbezog.

Ein langer Weg

Im ersten Schritt sehen wir unseren Helden, wie er seinem täglichen Leben nachgeht. Egal ob es ihm Spaß macht oder ihn langweilt, er hinterfragt es nicht. Doch im zweiten Schritt taucht eine Person, die später meist auch der Mentor des Helden wird, auf, und verspricht ihm Abwechslung: Ein Abenteuer wartet auf unseren Helden. Im dritten Schritt verweigert der jedoch die angebotene Heldenreise – zu viele Unsicherheiten liegen vor ihm. Doch der Mentor hat gewichtige Gründe und schließlich ist der Ruf des Abenteuers und die versprochene Belohnung zu verlockend – der vierte Schritt ist geschafft.

Schon bald kommt unser Held an einen Punkt auf seiner Reise, an dem er sich entscheiden muss. Hat er sich fürs Weitermachen entschieden, gibt es keine Umkehr mehr; Schritt fünf der Heldenreise ist absolviert. Nun kommen die wahren Bewährungsproben auf unseren Helden zu, aber zum Glück hat er Freunde und Gefährten, die ihm zur Seite stehen und ihre Loyalität und Kampfkraft beweisen. Dieser sechste Schritt ist ein Vorgeschmack auf den Hauptkonflikt und bereitet den Helden auf diesen vor.

Mit dem siebten Schritt beginnt die wahre Heldenreise, das letzte Wegstück zum Hauptkonflikt, der im achten Schritt in der eigentlichen Prüfung besteht. Die Lösung des Konflikts muss jedoch nicht unbedingt mit der Tötung des Gegners enden. Nun wartet die Belohnung – der neunte Schritt.

Die Heldenreise ist allerdings noch nicht zu Ende: Unser Held tritt die Heimreise an, als "anderer" Mensch, geprägt von seinen Erlebnissen, gereift und weiser. Endlich daheim angekommen, wird ihm erneut Anerkennung für seine Taten zuteil – die Schritte zehn bis zwölf sind die letzten laut Voglers Charakteristik der Heldenreise. Eines der bekanntesten Beispiele aus der Fantasy-Literatur für diese Quest ist Frodo Beutlin aus der "Der Herr der Ringe"-Trilogie.

Helle und dunkle Seiten

Doch die Helden haben in der Geschichte der Fantasy einen langen Weg hinter sich – waren sie in Märchen und Sagen stets die Guten, die dem Bösen unbeirrt widerstanden und sich für die Schwachen und Unterdrückten in den Kampf stürzten, geradlinige Kämpfer ohne Tadel, so schummelten sich immer öfter Charaktereigenschaften ein, die die dunklere Seite des Helden zeigten. Sie waren nun nicht immer gegen das Böse gefeit und auch nicht gegen negative menschliche Emotionen wie Hass oder Boshaftigkeit. Gier nach Macht oder Reichtum brachte sie von ihrer Mission ab, aber zum Glück nur kurzfristig. Aber sind wir ehrlich: Menschen sind nicht eindimensional, warum also sollten es Helden sein? Und wer genau hinschaut, erkennt, dass der Held und sein Gegenspieler einander oft ähnlicher sind als wir glauben wollen – sie sind zwei Seiten einer Medaille, wie der deutsche Fantasy-Autor Wolfgang Hohlbein einmal gesagt hat.

Anpassungsfähig

Dass sich das Heldenbild wandelt, ist nur natürlich, denn sie sind meist ein Spiegelbild ihrer Zeit. Egal ob Reiche zerfallen, Seuchen wüten, Hungersnöte die Population dezimieren oder endlich Frieden herrscht, der Held passt sich an: Er kämpft gegen Usurpatoren, unterstützt die Hungernden und regiert weise, wenn auch mitunter mit harter Hand.

Noch deutlicher ist das im Film zu beobachten: Als 1924 Fritz Langs Epos "Die Nibelungen" in die Kinos kam, da verkörperte Siegfried etwas Spezielles: Nationalstolz. Wenn der großgewachsene blonde Jüngling den Drachen tötet und den Hunnen Etzel in die Schranken weist, dann repräsentiert er den zwar schwermütigen, aber siegreichen Helden, den die Deutschen nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg so dringend brauchten. In den USA dagegen kam im selben Jahr "Der Dieb von Bagdad" von Raoul Walsh in die Lichtspieltheater. Douglas Fairbanks gab einen leichtfüßigen, abenteuerlustigen Draufgänger, der die Freuden der Welt genießt und sich nicht mit einer tiefgehenden Innenschau aufhält.

Muskeln und Hirn

Ein unkonventioneller Held, der in vielen Bereichen aus dem Rahmen fällt, ist Conan. Die Titelfigur, geschaffen von Robert E. Howard, trat erstmals 1932 in einer Reihe von Fantasy-Geschichten im "Weird Tales"-Magazin auf.

Fast schon ikonisch: Arnold Schwarzenegger als Conan, hier in einer Szene aus "Conan der Zerstörer", Universal Pictures, 1984. 
- © Glasshouse images / Ullstein

Fast schon ikonisch: Arnold Schwarzenegger als Conan, hier in einer Szene aus "Conan der Zerstörer", Universal Pictures, 1984.

- © Glasshouse images / Ullstein

Die meisten kennen ihn als einsamen Kämpfer, der kein höheres Ziel verfolgt, sondern bloß Rache nehmen will an denen, die seine Eltern getötet und sein ganzes Dorf ausgelöscht haben. Und dazu nimmt er das Gesetz in die eigenen Hände. Als ehemaliger Sklave steht er zwar am Rand der Gesellschaft, erkämpft sich aber seinen Weg an deren Spitze. Dieses Bild vermitteln uns zumindest die Filme "Conan der Barbar" von 1982 und "Conan der Zerstörer" von 1984. Beide Male verkörpert Arnold Schwarzenegger die Titelfigur, ein Muskelpaket, das ein riesiges Schwert locker mit einer Hand schwingt und seine Feinde mühelos aus dem Weg räumt. Doch die Romanfigur hat Howard anders gezeichnet: Conan der Cimmerier ist ein lebenserfahrener, weitgereister Mann, der dem Kriegshandwerk nachgeht und sich später sogar zum König ernennt. Er ist ein erfahrener Kämpfer, geborener Anführer, Taktiker, Stratege, verfügt aufgrund seiner Reisen über eine breite Allgemeinbildung und spricht mehrere Sprachen fließend. Also keineswegs das, was wir landläufig unter einem Barbaren verstehen – Howard benutzt diesen Begriff als Bild für den unverdorbenen Menschen, der sich nicht blenden lässt, seinen Weg geht und sein Reich regiert.

Helden und Heldinnen wie wir

Und die Helden von heute? Sie sind vielschichtig, emotional, arrogant, naiv, humorvoll, unsicher, stur, nachtragend, zornig, sanft – mit einem Wort: Sie sind zuallererst einmal Menschen. (Selbst wenn sie ein Gott sind wie Thor in den "Avengers"-Filmen.)

Und es gibt immer mehr Heldinnen – starke Frauen, die zwar oft in hautenge, knappe Kostüme gesteckt werden (ein Faktum, das man bei "Red Sonja", die 1985 im Film eine Art Kettenhemd-Bikini trägt, heftig als sexistisch oder schamlos bezeichnet hat), die aber immerhin endlich die tragende Heldenrolle übernehmen dürfen. Vorbei sind die Zeiten, als Frauen in der Fantasy-Literatur oder im Fantasy-Film hübsches oder weniger hübsches Beiwerk waren, die böse Hexe oder die edle Prinzessin geben durften, aber nicht mehr.

Heute kämpft Katniss in der "Die Tribute von Panem"-Trilogie in den Hungerspielen um das Leben ihrer kleinen Schwester. Oder kennen Sie Zélie Adebola? Sie ist die Hauptfigur in "Children of Blood and Bone" von Tomi Adeyemi. Sie ist das Kind einer Magierin, die vom König getötet wurde, damit sie seine Macht nicht gefährden kann. Zélie schwört Rache und bedient sich dabei eines magischen Artefakts. Ungewöhnlich ist auch die Geschichte von Hirka. Sie ist anders als die Menschen in ihrem Dorf, denn sie ist ein Odinskind, ein Wesen aus einer anderen Welt. "Odinskind – Die Rabenringe" ist ein ziemlich düsterer Roman von Siri Pettersen, der mit einer spannenden Geschichte und einer außergewöhnlichen Hauptfigur aufwartet. Eine interessante erwachsene Heldin ist etwa Myfanwy Thomas aus "Codename Rook", die als Agentin Großbritannien gegen übernatürliche Bedrohungen verteidigen soll. Daniel O’Malley hat eine ziemlich witzige, unkonventionelle Protagonistin geschaffen, die einem schnell ans Herz wächst.

Wonder Woman, eine der beliebtesten Heldinnen im großen Universum der Fantasy. 
- © Independent Photo Agency Int. / Imago

Wonder Woman, eine der beliebtesten Heldinnen im großen Universum der Fantasy.

- © Independent Photo Agency Int. / Imago

Und wer denkt bei Fantasy-Heldinnen nicht an Wonder Woman? Sie hatte ihren ersten Auftritt in der Ausgabe des "All Star Comics" vom 21. Oktober 1941 und ist damit die erste Superheldin des DC-Comic-Verlags. Geschaffen wurde sie von William Moulton Marston: Der Feminist und Psychologe war von der moralischen Überlegenheit der Frauen überzeugt und empfand es als ungeheuerlich, dass im DC-Comic-Universum keine Heldinnen vertreten waren. Wonder Woman änderte das und rettet sogar die Welt, indem sie gegen Thanos antritt und ihn bravourös besiegt. Ob das wohl ein kleiner Seitenhieb auf das Marvel-Universum ist? Wie auch immer, die Frauenpower in der Fantasy-Welt ist heute vielfältig und wir dürfen gespannt sein, wer und was als nächstes auf uns wartet…