In einem fernen Land lebten vor langer Zeit Hexer und Zauberinnen, Trolle, Zwerge, Elfen und Drachen, Magie war allgegenwärtig und gelegentlich mischten sich Götter in die Angelegenheiten der Menschen. Bäume und Gegenstände konnten sprechen, Einhörner und Greife waren kein seltener Anblick und Gut und Böse kämpften damals ebenso gegeneinander wie hier und heute. Alles nur erfunden? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht – willkommen im Reich der Fantasy!

Eine Welt, in der fast alles erlaubt und möglich ist? In der Wesen existieren, die seltsamer, wunderbarer, furchterregender nicht sein könnten? In der Menschen Zauberkräfte haben und für die Liebe, gegen Habgier oder für mehr Macht kämpfen? Die Fantasie der Menschen ist scheinbar grenzenlos; was lag also näher, all die Ideen, die einem im Kopf herumspukten, am Lagerfeuer als unterhaltsame Geschichte zu erzählen? Daraus entstanden Mythen, Sagen und Märchen, die später niedergeschrieben wurden und so der Nachwelt erhalten blieben. Heute ist Fantasy längst ein eigenes literarisches Genre, das auch fröhliche Urständ‘ in der Kunst, im Film und im Gaming feiert.

Kopfkino vom Feinsten

Schon frühe Kulturen versuchten Dinge, die sie rein mit dem Verstand nicht begreifen konnten, auf eine andere Art zu erklären: Fantastische Wesen, Götter, Halbgötter, des Zauberns Kundige und alle dazwischen mussten herhalten, um der Welt eine Ordnung zu geben und sie verstehbar zu machen. Auch in Werken, die heute als Literaturklassiker gelten, tauchen solche Elemente auf: In der "Odyssee" etwa kämpft Odysseus auf der Heimreise nach dem Trojanischen Krieg gegen einäugige Riesen, Sirenen oder Skylla und Charybdis, zwei Seeungeheuer, die Schiffe zum Kentern brachten und Menschen verschlangen. In den griechischen Sagen tauchen Halbwesen wie Kentauren auf, halb Mensch, halb Pferd, oder die Sphinx, ein Fabelwesen mit Löwenkörper und Frauenkopf. Im deutschen Nibelungenlied gibt es Riesen, einen Zwerg mit Tarnkappe und natürlich den Drachen, der von Siegfried getötet wird. König Artus hat einen Zauberer, Merlin, als Mentor, und besitzt das magische Schwert Excalibur.

Eines der ungewöhnlichsten Beispiele früher Fantasy ist "Orlando furioso", der rasende Roland, von Ludovico Ariosto aus dem Jahr 1516: In diesem Epos verliert die Titelfigur aus Liebe den Verstand, worauf der britische Prinz Astolfo auf seinem Hippogryph, einem Wesen, das halb Greif und halb Pferd ist, eine Reise zum Mond unternimmt, wo alle auf der Erde verlorengegangenen Gegenstände sind. Dort findet er Rolands Verstand in einer Flasche und bringt ihn zu seinem Besitzer zurück. Eine unglaubliche Geschichte…

Ebenso unglaublich ist "Niels Klims unterirdische Reise" ("Nicolai Klimii iter subterraneum") des dänisch-norwegischen Dichters Ludvig Holberg aus dem Jahr 1741: Er schildert die Erlebnisse des Protagonisten im Inneren der hohlen Erde, in der sich ein weiterer Kosmos befindet, und lässt Völker mit Fantasienamen, eine Affenrepublik und vernunftbegabte, sprechende Bäume auftreten. Dieser Roman ist außerdem eine Utopie und Satire, die das dänische Königshaus anprangert, weshalb Holberg ihn in Deutschland und nicht in Dänemark veröffentlichte.

In der Frühromantik überschlug sich die Begeisterung für das Magische, Übersinnliche und Außergewöhnliche und Autoren erfanden die fantastischsten Geschichten – Kopfkino vom Feinsten. Die Kunstmärchen und Bildungsromane spielten oft in mittelalterlich anmutenden Welten, die gemeinsam mit fantastischen Elementen prägend für die spätere Fantasy-Literatur waren. Später banden Autoren wie E. T. A. Hoffmann oder Edgar Allen Poe das Übernatürliche immer stärker in ihre Erzählungen ein, verknüpften sie geschickt mit Elementen der Schauer- oder Abenteuerromane und legten so den Grundstein für ein eigenes, neues Literaturgenre, das damals als Phantastik bezeichnet wurde. Jules Verne, George Wells, Mary Shelley, Bram Stoker oder Robert Lewis Stevenson verhalfen der jungen Gattung zu einem rasanten Aufschwung und einer zahlreichen Lesergemeinde.

Ein neues Genre entsteht

Doch erst mit John Ronald Reuel Tolkien entstand das, was wir heute als Fantasy bezeichnen. Seine Werke wie "Der Hobbit", "Der Herr der Ringe" oder "Das Silmarillion" gelten als Klassiker.

Mit ihm wurde das Fantasy-Genre weltberühmt:  John Ronald Reuel Tolkien (1892-1973), Autor der "Der Herr der Ringe"-Trilogie, hier in seinem Studienzimmer 1955.  
- © Haywood Magee / Picture Post / Hulton Archive / Getty

Mit ihm wurde das Fantasy-Genre weltberühmt:  John Ronald Reuel Tolkien (1892-1973), Autor der "Der Herr der Ringe"-Trilogie, hier in seinem Studienzimmer 1955. 

- © Haywood Magee / Picture Post / Hulton Archive / Getty

Doch sei auch auf C. S. Lewis oder E. R. Edison hingewiesen, die mit "Die Chroniken von Narnia" beziehungsweise "Der Wurm von Ouroboros" der Fantasy ebenfalls eine stabile Basis lieferten. Viele rechnen auch Robert E. Howard dazu, der ab 1932 "Conan" durch verschiedene Ausgaben des "Weird Tales"-Magazins schickte. Diese Geschichten gelten als Beginn eines Subgenres der Fantasy, nämlich der Low Fantasy.

Immer mehr Autoren und Autorinnen widmeten sich wundersamen Anderswelten, ließen in archaischen Welten ohne Errungenschaften der modernen Zivilisation Völker mit erfundenen Namen gegeneinander kämpfen, konstruierten eigene Sprachen und setzten weiterhin auf Zauberei, Drachen und magische Artefakte. Und die Götter durften auch mitspielen und sich einmischen. Musterbeispiele dafür sind Buchreihen wie "Percy Jackson" oder "Eragon" sowie natürlich "Harry Potter". Neben den Überschneidungen mit anderen Genres wie Science Fiction oder Horror gibt es heute eine Vielzahl von Fantasy-Genres, deren Grenzen oft fließend sind.

Die Qual der Wahl

Ganz oben steht die sogenannte High Fantasy, deren Helden in einer Fantasiewelt agieren, in der Magie eine große Rolle spielt. Zu diesen oft epischen Werken gehören neben der "Der Herr der Ringe"-Trilogie unter anderem auch "Das Rad der Zeit" von Robert Jordan, "Erdsee" von Ursula K. Le Guin und natürlich "Das Lied von Feuer und Eis" von George R. R. Martin. Im Gegensatz dazu spielen in der Low Fantasy eher Schwerter und Muskeln die Hauptrollen. Der meist unbedarfte Held muss sich jedoch auch realen und nicht nur übernatürlichen Gegnern stellen. Bekanntestes Beispiel: der bereits erwähnte "Conan der Cimmerier".

Wer genug von Blut und Rache hat, kann sich der Romantasy widmen. Ihre Geschichten spielen sowohl in der realen als auch in einer fiktiven Welt, Romantik und Fantasy haben den gleichen Stellenwert. In der Contempory und der Urban Fantasy verschmilzt die reale mit der magischen Welt, die Protagonisten gelangen oft durch Portale in diese Anderswelten (wie der Bahnsteig in "Harry Potter", das Buch in Michael Endes "Die unendliche Geschichte", der Kaninchenbau in "Alice im Wunderland", der Schrank in "Die Chroniken von Narnia" – oder der Bifröst, wenn der Donnergott Thor einen Ausflug in eine andere Welt unternehmen will). Und mitunter spielen Götter ihr perfides Spiel mit den Menschen, ohne dass sie von ihnen auf den ersten Blick zu unterscheiden wären ("American Gods" von Neil Gaiman, "Percy Jackson" von Rick Riordan).

In der Animal Fantasy sind zwar Tiere die Hauptdarsteller, doch die Anspielungen auf bestimmte menschliche Charaktere sind unübersehbar ("Die Wölfe der Zeit" von William Horwood, "Watership Down" von Richard Adams, "Warrior Cats" von Erin Hunter). Die Science Fantasy hat eine besondere Variante hervorgebracht, nämlich den Steampunk: Dabei werden moderne technische Funktionen mit Errungenschaften des (idealisierten) viktorianischen Zeitalters verknüpft, was dem Ganzen einen interessanten Retro-Look verleiht. Steampunk stellt sich also die Zukunft aus der Perspektive früherer Zeiten vor. Autoren greifen dabei auf Motive von Jules Verne und H. G. Wells zurück und kombinieren sie mit Elementen des Abenteuerromans des frühen 20. Jahrhunderts. Als erste Erzählung im Stil des Steampunks gilt "Homunculus" aus 1986 von James Blaylock.

Die Dark Fantasy bedient sich gerne beim Horror-Genre und lässt das Düstere und Unheimliche in die Welt der Fantasy einziehen. Dazu noch eine Portion Erotik und fertig sind Romane wie "Die Geralt-Saga" von Andrzej Sapkowski oder "The Twilight Series" von Stephenie Meyer. Und weil so mancher Roman, der für ein junges Zielpublikum gedacht war, oft auch Erwachsene anspricht, wird dieses Subgenre kurzerhand als All Age Fantasy bezeichnet. Dazu gehören die "Harry Potter"-Bücher von J. K. Rowling oder "His Dark Materials" von Philip Pullman.

Ein Spiegelbild ihrer Zeit

Der Fantasy wird oft vorgeworfen, sie sei trivial, eskapistisch, rassistisch, sexistisch und/oder reaktionär, weil sie meist in einer mittelalterlichen Welt mit einer streng hierarchischen Gesellschaft spielt, auf die rassischen Unterschiede zwischen einzelnen Völkern setzt und die Geschlechterrollen klischeehaft bedient. Das mag für viele Werke zutreffen, doch bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass diese erfundenen Welten mit ihren Zivilisationen und Problemen nur ein Deckmantel für tatsächliche Gesellschaftsstrukturen, kriegerische Auseinandersetzungen, politische Strömungen, religiöse Spannungen oder philosophische Fragen sind – und zwar von den Anfängen der Fantasy-Literatur bis zu zeitgenössischen Werken. Und so wie die Anderswelten und ihre Bewohner nicht komplett frei erfunden, sondern aus ihrer Zeit gewachsen und damit ein Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaft, des Gedankengutes und des historischen Umfelds sind, sind auch die Helden oft Spiegelbilder ihrer Zeit.

Emilia Clarke als Daenerys Targaryen in der Serie "Game Of Thrones": Eine starke Heldin und ein Drache – die perfekte Kombination. 
- © Mary Evans / Imago

Emilia Clarke als Daenerys Targaryen in der Serie "Game Of Thrones": Eine starke Heldin und ein Drache – die perfekte Kombination.

- © Mary Evans / Imago

Heute haben wir meist bestimmte Bilder im Kopf, wenn wir an Fantasy denken. Diese Bilder sind hauptsächlich geprägt von den Verfilmungen von "Game Of Thrones", "The Witcher", "Die Chroniken von Narnia", "Alice im Wunderland", "Das Rad der Zeit" und natürlich der "Der Herr der Ringe"-Trilogie. Doch "Fantasykunst" gibt es schon viel länger als den Film mit all seinen technischen Möglichkeiten. Künstler zeichneten und malten Drachen, Greife, Hexen und Zauberer, fremde Welten und Völker als Ausdruck ihrer Imagination, ihrer Fantasie.

Einen besonderen Stellenwert bekam Fantasykunst jedoch mit dem Aufkommen der sogenannten Pulp-Magazine, die auch Pulps genannt wurde. Sie brachten "Schund"- oder Trivialliteratur unters Volk, ihren Namen haben sie vom groben, billigen Papier, auf dem sie gedruckt wurden. Eines dieser Magazine, das "Weird Tales"-Magazin, das 1923 erstmals auf den Markt kam, bot die Umschlagseiten, die aus hochwertigerem Papier waren, Künstlern zur Bebilderung des Inhalts (der auch von bekannten Autoren wie Isaac Asimov, Philip K. Dick, H. P. Lovecraft, Raymond Chandler, Edward Rice Burroughs oder Frank Patrick Herbert stammte) an – eine neue, eigenständige Kunstform war geboren. Die Beliebtheit der Pulp-Magazine nahm jedoch langsam ab und in den 1950er Jahren war kaum eines übriggeblieben.

Doch in den 1960er Jahren tauchten Magazine wie "Creepy", "Vampirella" oder "Eeerie" auf, Frank Frazetta schuf atemberaubende Cover, die sofort eine riesige Fangemeinde fanden, und ab den 1970er Jahren sorgten das französische Magazin "Métal Hurlant" und sein amerikanisches Gegenstück "Heavy Metal" für Furore. Sie alle zeichneten sich durch Bilder mächtig bemuskelter, halbnackter Helden, fast ganz nackter schöner Frauen und monströser Kreaturen aus. Wurden damit Klischees bedient? Sicher. Doch die Inhalte der Erzählungen prägten die Künstler, wie unter anderem Philippe Druillet, Julie Bell, die Brüder Greg und Tim Hildebrandt, Luis Royo, Roger Dean, HR Giger, Jeffrey Catherine Jones, Rodney Matthews, Boris Vallejo, John Howe, Michael Whelan, Alan Lee, Josh Kirby, Vic Prezio, Hannes Bok oder Sanjulian.

Das ist nur eine kleine Auswahl, die keine Wertung der Qualität der Fantasy-Künstler sein soll, aber alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. So wie wir unmöglich alle Fantasy-Autoren auflisten können, deren Werke die Regale in den Buchhandlungen füllen. Fantasy ist ein Genre, dessen Name Programm ist, und dessen Werke – egal ob aus Literatur, Kunst oder Film – uns in ferne und doch reale Welten entführen, denn sie sind nicht nur der Fantasie des Künstlers entsprungen, sie sind, mehr oder weniger verschlüsselt, ein Abbild ihrer Entstehungszeit. Und sie beflügeln die Leser und Betrachter – damals wie heute. Diese Form von Eskapismus muss uns gestattet sein…