Der Jänner ist ein sonderbarer Monat. Erstens, und das wissen viele nicht, ist der Jänner der längste Monat des Jahres. Wenn zum Beispiel der 15. Jänner ist, dann wäre das in einem anderen Monat längst der 28. Mindestens. Nie, in keinem anderen Monat denkt man sich jemals: Ah, ist ja noch immer Jänner. Sondern immer nur: Wo bitte ist eigentlich der März, Mai, September und ganz besonders der Dezember hin! Manchmal, wenn der Februar beginnt, denkt man sich: Das war ein ganz schön herausforderndes Jahr, dieser Jänner, aber wir haben auch das geschafft.

Vielleicht liegt es an diesem trügerischen Versprechen von unaufhörlicher Zeit, dass der Jänner meistens mit guten Vorsätzen beginnt. Die halten dann freilich nie ein Jahr. Oft nicht einmal ein Jänner-Jahr. Jedenfalls haben nicht nur die Fitnesscenter hohen Zulauf in den ersten Jännertagen, auch werden niemals wieder im Jahr so viele Menschen mit Walking-Stecken auf den Straßen gesehen und der Begriff "Detox" ist für wenige Tage kein mysteriöses Fremdwort. Und viele Menschen nehmen nun lange liegengebliebene Aufgaben in Angriff.

Ein beliebtes Instrument, um sich Überblick über solche Arbeiten zu verschaffen, ist die To-do-Liste. Diese praktische Aufzählung von zu Erledigendem, gerne mit Kasterln oder Kugerln für Hakerl verziert, hat übrigens eine lange Tradition. Schon Thomas Alva Edison hat sich am 3. Jänner 1888 zur besseren Übersicht auf fünf Seiten notiert, was er noch erfinden will. Phonograph, Glühbirne und Kinematograph konnte der Amerikaner ja abhaken. "Tinte für Blinde" hätte er aber auch noch gerne erledigt. Außerdem war auf dieser Liste noch angeführt: das "Elektrische Klavier" und "künstliches Elfenbein".

Triumphales Gefühl

Noch früher war Leonardo da Vinci dran: Er hat schon 1489 eine To-do-
Liste verfasst - in Spiegelschrift. Darauf vermerkte er, was er in der Anatomie noch erforschen wollte: Etwa, welcher Nerv verantwortlich ist für die Augenlider und die Lippen, wie es zum Gesichtsausdruck der Überraschung kommt und was Niesen ist.

Nun mögen die Aufgaben auf der durchschnittlichen To-do-Liste nicht immer ganz so ambitioniert sein. Aber was dem einen eine epochemachende Erfindung ist, kann dem anderen schon eine aufgeräumte Garage sein: ein triumphales Gefühl. Dieser befriedigende Moment des Abhakens ist oft mehr Genugtuung als der Prozess der Aufgabe. Gut, das ist nicht schwer, wenn es etwa die dringend nötige Reinigung einer Fritteuse ist oder die der schleimigen Dachrinne. Dass die Hakerl auf der Liste immer mehr werden und die To-dos immer weniger, kann die Stimmung schon beachtlich heben. Und auch die Motivation. Kein Wunder, dass diese so einfache wie effektive Antriebssteigerung auch schon die Wissenschaft beschäftigt hat. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts machte die russische Psychologin Bluma Zeigarnik wohl zum ersten Mal die ohnehin naheliegende Feststellung, dass uns Aufgaben, die noch vor uns liegen, mehr beschäftigen als jene, die wir bereits erledigt haben. Der "Zeigarnik Effekt" bezog sich auf Kellner, die sich nur vor dem Servieren an die bestellten Speisen erinnern konnten, nach dem Servieren wussten sie nicht mehr, wer Soljanka und wer Borschtsch bestellt hatte. Das Gehirn hakte das sozusagen ab. Das bedeutet freilich, dass sich das Gehirn mit unerledigten Aufgaben sehr wohl belastet - und uns damit auch nicht in Ruhe lässt. Und da kommt die Erleichterung durch die To-do-Liste ins Spiel: Studien haben gezeigt, dass die Sorge, die wir uns um unerfüllte Missionen machen, sich schon allein dann verkleinert, wenn wir eine Liste schreiben, in auf der wir diese alle aufzählen. Es kommt Struktur ins Chaos und das zwanghafte Rattern unseres Gehirns um diese Themen wird ruhiggestellt. Da ist die Erfüllung der To-dos dann sozusagen nur mehr ein Bonus.

Psychologen um Michael Scullin von der amerikanischen Baylor University haben herausgefunden, dass eine To-do-Liste sogar bei Schlafstörungen helfen kann. Nun würde man denken, dass, wenn man kurz vor dem Bettgehen noch eine elendslange Liste schreibt, was man morgen alles so vorhat, die Grübelei darüber das Einschlafen doch eher verzögert. Das Gegenteil war der Fall: Bei dem Versuch musste die eine Hälfte der Teilnehmer vor dem Hinlegen eine Liste der am verstrichenen Tag geschafften Aufgaben anfertigen, die andere Hälfte widmete sich dem, was ihr nach dem Aufstehen blüht. Letztere schliefen im Schnitt nach 16 Minuten ein, die anderen erst nach 25. Und je länger die Aufgaben-Kataloge waren, desto rascher fanden die Probanden in den Schlaf.

Große Brocken sprengen

Weil es den meisten dann aber doch nicht genügt, dass die Liste das Gehirn nur befriedet, sondern die Listeneinträge auch wirklich gemacht werden sollten, stellt sich dann das nächste Problem. Schnell zu Erledigendes ist behände abgehakt, aber die großen Brocken machen sich breit auf der Liste, von wo sie dann oft auf die nächste Liste übersiedelt werden. Und die übernächste. Experten empfehlen, solche den Schweinehund herausfordernde Aufgaben in kleinere und vor allem detaillierter formulierte aufzusplitten. Also nicht "Küche in Ordnung bringen", sondern "Häferlkastl aussortieren", "Tupperware ohne Deckel wegschmeißen" und "Zuckersackerlsammlung an nur einem Platz vereinen". Zum Beispiel. Das dauert dann zwar vielleicht länger. Passiert aber dafür auch nicht nie.

Bei diesem Downsizing und Gehirn-Anschwindeln hilft ein Trend, der schon länger in den Apps Stores aufscheint: Gamification. Das ist eine Kulturtechnik, bei der an sich seriöse Handlungen spielerisch verwertet werden. Für Schüler und Schülerinnen gibt es etwa die Anton App, die mit einem Belohnungssystem für geschaffte Lernerfolge arbeitet. Aber es gibt solche Apps auch für Erwachsene.

"Prost!"

"Waterdo" etwa setzt jede Aufgabe in eine Wasserblase, die man nach erfolgter Erledigung zerplatzen lassen darf. Dann erscheint ein lustiger Seelöwe, der mit den Worten gratuliert: "Prost! Du hast alle Aufgaben geschafft! Lass uns abhängen!" Das ist schon recht putzig, aber so richtig Dopamin hagelt es, weil man für jede geploppte Blase Edelsteine und andere Geschenke bekommt, mit denen man Inseln gestalten kann und Charaktere freischalten. Nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert der Renner unter den User-Empfehlungen: "Habitica" ist ein Rollenspiel, das durch gemeistertes Zeitmanagement erst richtig Fahrt aufnimmt. Wenn man oft genug belohnt wird, hat man eine bessere Ausrüstung zum Drachentöten und so weiter. Man kann sich auch mit Freunden vernetzen. Am besten mit faulen, das erhöht die Gewinnchancen.

Gratis ist die Selbstoptimierung freilich nicht, "Waterdo" kostet nach einer freien Testwoche als Jahresabo 9,99 Euro, "Habitica" ist zwar gratis, aber mit In-App-Käufen ist zu rechnen. Man kann sich freilich auch noch mehr Luxus gönnen und sich "Do it (Tomorrow)" um fünf Euro leisten: Diese App ist ein auf dem Smartphonebildschirm nachempfundenes Notizbuch, in dem man ganz easy alles, was man heute nicht besorgen konnte, auf morgen verschieben kann. Und mehr kann die App auch gar nicht. Wie so ein Blatt Papier eigentlich.