Mit Videospielen lässt sich Geld verdienen. In Polen aber dienen sie auch der Diplomatie. Als US-Präsident Barack Obama im Jahr 2011 Polen besuchte, schenkte ihm Premierminister Donald Tusk eine Sonderedition von "The Witcher 2" - ein Videospiel, das vom polnischen Entwickler CD Projekt entwickelt wurde. Bei einem erneuten Besuch im Jahr 2014 bedankte sich Obama explizit für das Geschenk. Ihm sei gesagt worden, dass das Spiel "ein gutes Beispiel für Polens Stellung in der neuen Weltwirtschaft ist", sagte der US-Präsident.

Die Episode zeigt, welcher Wert der Gaming-Branche in Polen eingeräumt wird. Sie hat sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor gemausert. Laut dem polnischen Gaming-Branchenreport 2021 sind mittlerweile 470 Videospielentwickler und Herausgeber in dem Land tätig. 12.110 Menschen sind in der Branche beschäftigt, 969 Millionen Euro erwirtschaftete sie im Jahr 2020 - Tendenz stark steigend. Zum Vergleich: In Österreich gibt es laut Daten der Wirtschaftskammer und Branchenvertretern 87 Studios, die jährlich insgesamt rund 24 Millionen Euro Umsatz machen.

Namhafte polnische Studios mischen am Weltmarkt mit. Da wäre eben CD Projekt, das mit seiner Fantasy-Rollenspielserie "The Witcher" erfolgreich war. Die 11 Bit Studios konnten mit der Überlebenssimulation "This War of Mine" und dem Strategiespiel "Frostpunk" reüssieren. Nächsten Freitag erscheint das viel erwartete Zombie-Horrorspiel "Dying Light 2" von Techland, ein weiteres Zugpferd der Branche.

Ein wesentlicher Faktor für den Erfolg ist: Polnische Videospiel-Unternehmen kommen wesentlich einfacher an privates Kapital als etwa deutsche Firmen. Private Investitionen in die Branche seien in Deutschland sehr gebremst, sagt Odile Limpach, Professorin am "Cologne Game Lab" an der Technischen Hochschule Köln, gegenüber der "Wiener Zeitung".

Einerseits seien Investitionen in Videospiele mit einem hohen Risiko behaftet: "Da muss man sich in der Branche gut auskennen. Bei deutschen Banken und Investoren ist aber oft nur wenig Fachwissen da", sagt Limpach, die jahrelang als Führungskraft für das französische Videospielunternehmen Ubisoft arbeitete. Andererseits gebe es in Deutschland zahlreiche größere, wichtigere und weniger risikoreiche Branchen, in die investiert werden könne, erklärt sie.

"Es musste lange gegen Vorurteile gekämpft werden"

In Polen, wo die Produktion aufgrund geringer Lohnkosten auch günstiger ist, kommen die Gaming-Unternehmen einfacher an Kapital. Einige Videospiel-Unternehmen sind längst an der Warschauer Börse vertreten. Für aufstrebende Jungunternehmen, vor allem aus dem High-Tech-Sektor, hat die Warschauer Börse den Ableger "New Connect" geschaffen. Über die alternative Handelsplattform können sich die Firmen einfacher Kapital beschaffen als bei einem aufwendigeren Gang über die reguläre Börse.

Der wirtschaftliche Erfolg einiger polnischer Unternehmen war vorbildhaft für die Branche und nahm Investoren die Angst: "Solche Unternehmen weisen den Weg", sagt Limpach. Derartige Branchenerfolge im großen Stil gebe es in Deutschland nicht.

Das trug auch zum Renommee der Branche in der polnischen Gesellschaft und Politik bei. Früh wurden Anreize wie Steuererleichterungen für Videospiel-Unternehmen geschaffen. In Ländern wie Deutschland habe es viel länger gedauert, bis Videospiele in der Mitte der Gesellschaft als Kulturgut und wertvolle Industrie angekommen seien, sagt Limpach: "Es musste lange gegen Vorurteile angekämpft werden." Daher seien in Deutschland vermehrt auch erst in den vergangenen Jahren Förderungen für die Gaming-Branche etabliert worden.

Kultur von
Blockbuster-Titeln

Auffallend findet Limpach, dass es polnischen Studios früh gelungen sei, eine Kultur von Blockbuster-Spielen zu etablieren. "Es gibt viele gute, hochwertige und aufwendige Produktionen - im Vergleich zu anderen europäischen Ländern", sagt die Videospiel-Expertin. Das macht Polens Gaming-Branche für Investoren, aber auch für fachkundige Mitarbeiter interessant. An solchen bestehe weltweit derzeit ein enormer Mangel, sagt Limpach. Denn diese würden vor allem dort arbeiten wollen, wo es große, interessante Projekte gibt.

Dass es bei polnischen Gaming-Unternehmen aber stets nach oben gehen muss, ist keine ausgemachte Sache. "Cyberpunk 2077", das neueste Werk von CD Projekt, wurde in einem fragwürdigen Zustand veröffentlicht und strotzte vor technischen Fehlern. Der vorhin gute Ruf des Studios war ramponiert, der Aktienkurs sank in den Keller. US-Präsident Joe Biden, er hätte mit diesem Spiel als Geschenk keine Freude gehabt.