In seinem Film "Das grüne Leuchten" aus dem Jahr 1986 thematisiert der französische Regisseur Éric Rohmer jene mystischen Sekunden des Sonnenuntergangs, in dem das tiefe, fast orange Gelb der in das Wasser eintauchenden Sonne für Sekundenbruchteile grün leuchtet. Rohmer nimmt dabei Anleihe bei Jules Verne, der wieder Anleihe bei alter Poesie bretonischer Küstenbewohner nahm. Dieses kurze, grüne Leuchten kommt auch in Erzählungen amerikanischer Naturvölker vor - und auch in Überlieferungen aus Skandinavien. Und es ist heute noch da: Poetisch veranlagte Menschen suchen es Jahr für Jahr an den Küsten von Atlantik und Pazifik, der Nordmeere oder des Indischen Ozeans. Das grüne Leuchten ist ein Wanderpokal in den Storys esoterisch angehauchter Bürger. Und freilich finden sich unter jenen, die das grüne Leuchten am Horizont suchen, jede Menge Impfgegner und Maßnahmenskeptiker.

Ja, das ist ein weiter Bogen. Aber er darf gespannt werden. In einer Welt, die in der Pandemie dem Gefühlten dem Kampf angesagt hat. Klar: Gefühltes hat nichts mit Wissen zu tun, dem wissenschaftlich Festgemachten, das in einer weltumspannenden Virenwelle als einzig gültiges Maß zu gelten hat. Doch in den letzten beiden Jahren werden die Gewehre geladen, großkalibrige Geschoße gegen alles Esoterische, gegen alles Mystische, gegen alles Gegenweltliche abzuschießen, das für viele Menschen ein sicher oft fragwürdiger, aber oft notwendiger Unterbodenschutz ihres Fahrzeugs Leben geworden ist. Gelten jedoch soll fürderhin nur, was bewiesen ist; das Unbewiesene, damit im Schlusssatz auch das Unterbewusste, muss der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Ist das die Welt, in der wir leben wollen?

Gewiss: Den meisten hier gehen die sogenannten Schwurbler und ihre Protagonisten wie etwa der abgezäumte Journalist Ulf Ulfkotte oder der ins türkische Exil geflüchtete Vegankoch Attila Hildmann schwer auf den Nerv, die Verschwörungstheorien herunterbeten, als wären diese verbriefte Wirklichkeit - um Wahrheit geht es ohnehin nur mehr gering. Diese Leute, die Pharmakritik mit oft krasser, meist rechtsextremer Staatsfeindlichkeit vermengen und sich selbst, ihren Antisemitismus nicht erkennend, mit den verfolgten und ermordeten Juden der Hitlerzeit gleichsetzen, sind aber größtenteils keine spirituellen Menschen, sondern jener Teil des Volkes, der auch schon früher schwer mit Demokratie, Pluralismus, Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit zurechtkam. Jetzt begreift diese Minderheit Social Media als ihre Batterie schwerer Geschütze, die für Machtübernahme und Klarheit ballert. Diese Menschen werden nach Ende der Pandemie nicht vergehen, so wie das Virus nicht vergeht. Doch sind sie ein Fall für Soziologie und Politik.

Am anderen Rand manifestiert sich eine neue Radikale von seelenlos wirkenden Maßnahmenfetischisten, die etwa auf der Facebook-Seite des deutschen Keynote-Speakers und Autors Dirk Specht ihr größtes Sammelbecken findet. Bei Specht, der auch Leute kommentieren lässt, die sich bewiesen falsch als Journalisten oder sogar Ärzte ausgeben, kann es nicht sein, dass das Virus an Bedeutung verliert; in immer neuen Postings, mit immer neuen Tabellen und oft sehr eigen interpretierten Zahlenwerken warnt Specht vor dem Irrtum, die Variante Omikron gelassener zu sehen als Delta oder Alpha. Und wenn Medien dem Tenor von Specht und Spechts Anhängern widersprechen, dann entfacht dieser eine Mediendebatte, in der derselbe Quatsch Platz greift wie in den Foren der sogenannten Querdenker. Das Bonmot der anderen, aber doch auch gleichen, Seite der Medaille: Hier passt es treffend.

Andersdenkende verbannt

Wer anders denkt, der wird verbannt oder gelöscht. Diskurs ist das Gestern und wird im Heute bestenfalls geheuchelt. Hier wie dort. Auf die Morgenröte des schamlosen Halali auf alles Gefühlte, Unbewiesene und Nichtbeweisbare folgt nun aber schnell die Tagwache der Atheisten des Alles, der streng nach Tabellen, Statistiken und publizierter Wissenschaft lebenden Erbsenzähler, die nun ihre lang unterdrückte Empörung loswerden, dass auch vieles, nicht empirisch Bewiesenes in Medien und Foren publiziert und breitgetreten wird. Natürlich ist eine Wende bei der Betrachtung der sachlich wirkungslosen Homöopathie angebracht und das Versagen der Arzneimittelbehörden anzuprangern, die den Wirkmitteln dieser Gegenmedizin positive Bescheinigungen ausstellten.

Doch ist auch das Suchen nach Gegenmedizin anzuprangern, das aus den einschneidenden Erfahrungen vieler Menschen mit der kalten, übersachlichen universitären Medizin entstand und entsteht? Darf es sein, dass ein Autor eines deutschen Nachrichtenmagazins vor Jahren seinen Augentumor bei einer Ayurveda-Kur in Sri Lanka heilen ließ, obwohl ihn die Klinikmedizin verloren gab? Selbstredend wird da auch das Wünschen einen Teil zur Heilung beigetragen haben. Will man dieses Wünschen der Lächerlichkeit preisgeben? Könnte sein sechsseitiger Artikel in einer der meistgelesenen deutschsprachigen Publikationen heute so erscheinen? Sicher nicht!

Tatsache bleibt weiterhin, dass viele tausend Menschen seit Jahrzehnten darüber berichten, dass Homöopathie half, ihre oft chronischen Leiden zu lindern. Und ja: Es darf vermutet werden, dass bei all diesen Tausenden vielerlei Gründe für ihr Genesen vorliegen, vielerlei Gründe, die mit Homöopathie genau gar nichts zu tun haben. Doch was macht es für einen Vorteil, all diese Tausenden pauschal zu Irren zu deklarieren, die in einer Gesellschaft des Empirischen den Narrensaum der Zivilisation verkörpern. Aufklärung? Ja! Wenn sich aber Menschen gegen das Bewiesene und für oft seltsames Gefühltes entscheiden, so ist das, wenn sie dabei andere nicht gefährden, alleine ihr Ding. Geht es nach den Posaunisten der jetzt dräuenden Wissenschaftshörigkeit, so ist jeglich’ gefühlter Gewissheit der Schemel unter den Füßen wegzutreten wie dem zum Galgen geführten Delinquenten.

Gerne wird zudem vergessen, dass viel Spirituelles des Esoterischen von Erfahrungen mit bewusstseinserweiternden Drogen herrührt, die in den späten 1960er Jahren erstmals in die Mitte der Gesellschaft vordrangen und nun, ausgerechnet, wissenschaftlich neu beurteilt werden. Liest man in Foren der sich inzwischen frei bekennenden Nutzer dieser Drogen nach, dann liest man von als reell wahrgenommen Gegenwelten, liest man von vielen, vielschichtigen, allesamt irrealen Erfahrungen, die sich sicher nicht wissenschaftlich festmachen lassen - außer in einer Hirnstrommessung. Es ist nur natürlich, dass viele Menschen, die mit LSD, MDMA, Magic Mushrooms oder lateinamerikanischen Kaktussäften experimentieren oder einst experimentiert haben, dieses "Shining" als übersinnlich, manche sogar als Gottesbeweis interpretieren, andere hingegen, ohne Pathos, als Teil ihres Bewusstseins, das lediglich als Tor in ein erweitertes Wahrnehmen und Denken betrachtet werden kann.

Suche nach der Poesie

In der sich nun versucht als einzig gültigen Welt der nüchternen, empirischen Wissenschaft etablierenden Gesinnungsgemeinschaft hat Derartiges, zu Ende gedacht, genauso wenig Platz wie Homöopathie, Impfskepsis oder alternatives Denken im Generellen. Wer dann das grüne Leuchten noch als mystisch begreift und nicht nur als kurze, wissenschaftlich leicht erklärliche aber mithin bedeutungslose Erscheinung des Lichtspektrums, der wird sich vielleicht auf der Seite der Feinde der Wissenschaft erklärt finden. Obwohl diese Menschen bei ihren Beobachtungen lediglich die Poesie suchten.