Die Behauptung, dass die jungen Menschen von heute nichts mehr taugen, ist vermutlich ungefähr so alt wie die Menschheit selbst. Schon in der Familie Feuerstein dürften derartige Klagen geführt worden sein. Insofern klingt es nicht rasend überraschend, wie der deutsche Psychologe Rüdiger Maas - er leitet auch das angesehene "Institut für Generationenforschung" - sein jüngstes Buch nennt: "Generation lebensunfähig". Das haben wahrscheinlich schon ziemlich viele Generationen über ihre Nachfolger gedacht.

Durchaus lesenswert ist das Buch trotz dieses scheinbaren Makels. Denn Maas geht, mit gutem Grunde, ganz besonders auf den Einfluss der digitalen Welt auf die Sozialisierung des Nachwuchses ein, der ersten Generation in der Geschichte, die sozusagen online aufwächst. Mit nicht nur günstigen Folgen. Und zweitens wissen wir ja seit Woody Allen, dass auch eine Paranoia nicht vor Verfolgung schützt - durchaus möglich also, dass die "Generation lebensunfähig" hält, was der Titel verspricht.

Helikopter-Alarm

Ausgangspunkt des Buches sind harte Fakten, die der Autor und sein Team mit sozialwissenschaftlichen Methoden erhoben haben. "Kinder und Jugendliche sind unglücklicher als je zuvor - sogar seit es Aufzeichnungen gibt. Also ungefähr seit den sechziger Jahren", berichtet Maas. Studien haben ergeben, dass "jedes vierte Kind in Deutschland unglücklich ist. Jedes vierte Kind hat Schwierigkeiten, Freunde zu finden. Jedes vierte Kind berichtet inzwischen von depressiven Symptomen." Und: "Während der Pandemie wurde die Misere noch einmal verschärft." Das klingt nicht gerade nach idealen Startbedingungen ins Leben. Aber warum ist das so? Maas hat ein Bündel von Faktoren identifiziert, die die Lebensfähigkeit einer ganzen Generation beschädigen könnten.

Darunter so analoge wie das Bedürfnis vieler Eltern, ihren Kindern in jeder Hinsicht ein perfektes Leben zu bieten, indem sie zu "Helikopter-Eltern" werden, die den Kids jedes Problem abnehmen, bevor dieses überhaupt entstanden ist: "Aus einem ständigen Sicherheitsbedürfnis heraus und dem Wunsch, alles richtig zu machen, geben viele (...) Eltern heute ihren Kindern gar keine Chance mehr, Dinge selbst zu entdecken. Alle Herausforderungen werden für sie weggewischt oder weggemäht, damit das Kind freie Bahn hat und Probleme gar nicht erst auftreten."

Das steigert natürlich die Fähigkeit junger Menschen, ihr Leben später in die eigene Hand zu nehmen, nicht eben: "Hatten wir nie die Chance, kleinere oder größere Schwierigkeiten selbst zu bewältigen, haben wir auch keine Bewältigungsstrategien entwickelt. Die Verhaltenstherapeuten klagen heute über fehlende Coping-Strategien bei vielen Jugendlichen, das heißt, die Bewältigungsstrategien, um mit einer schwierigen Situation umzugehen, sind nicht vorhanden. In der Psychologie spricht man auch davon, dass die Resilienz - also die psychische Widerstandfähigkeit - fehlt, das heißt, es wurde schlicht nicht trainiert, mit Niederlagen, Schwierigkeiten oder Hindernissen umzugehen. Etwa 15 Prozent der Eltern behüten ihre Kinder so sehr, dass diese später eine geringe Frustrationstoleranz und Resilienz aufweisen."

Was Maas nicht erwähnt, das Problem aber noch viel größer macht: In China, dem großen strategischen und ökonomischen Antagonisten des Westens, werden Kinder in aller Regel eher resch dazu erzogen, Probleme selbst zu lösen. Für den künftigen Wettbewerb der Kontinente lässt das wenig Gutes erwarten - für uns.

Wenig Anlass zum Optimismus geben auch andere Studienergebnisse. "Bezogen auf die Sprachentwicklung lassen sich bei etwa jedem zehnten Kind starke, nicht altersentsprechende Auffälligkeiten finden. Infolgedessen zeigen im Schnitt zehn Prozent der Kinder eine nicht altersentsprechende, starke Auffälligkeit beim Sprechen. Seien es Wortfindungsstörungen, eine falsche Grammatik, Aussprachefehler oder Verständnisprobleme (bezogen auf die Muttersprache Deutsch). Hierbei beobachten viele Pädagogen sogar einen ansteigenden Trend. Und die Erzieher berichten, dass immer mehr Kinder mit fünf Jahren oft nur in Zwei-Wort-Sätzen sprechen." Was das in einem hochkompetitiven Arbeitsmarkt bedeutet, kann man sich gut vorstellen. Zumal damit auch andere Defekte verbunden sind: "Wir wissen, dass Kinder infolge der Digitalisierung Alexa und Siri bedienen können, aber viele Alltagsgegenstände nicht mehr. (...) Dass man heute 20-Jährigen ein Kopiergerät erklären muss, ist in vielen Firmen keine Seltenheit." Nicht nur Eltern muss das Grund zur Sorge geben, auch die ältere Generation hat da keinen Anlass, sich in der ersten Reihe fußfrei zu wähnen. Denn deren Pensionen müssen ja irgendwann von der "Generation lebensunfähig" erarbeitet werden. Das könnte noch heiter werden.