Es war einmal . . .

So beginnen alle wahren Geschichten.

Also: Es war einmal eine stolze Königin, die hatte einen Zauberspiegel und eine unbotmäßige Schwiegertochter. Einmal fragte die Königin den Zauberspiegel: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Beliebteste im ganzen Land?" Da antwortete der Spiegel: "Deine Schwiegertochter." Da fühlte die Königin ihr Reich erzittern. Aber dann ist es doch ganz anders gekommen, und jetzt hat sie gerade ihr 70-jähriges Thronjubiläum gefeiert, die stolze Königin von England.

Und es war einmal auch ein König weit oben im Norden, und auch das ist eine wahre Geschichte, der hat Widerstand geleistet gegen die Horden aus dem Süden, die in sein Land eindrangen und ihre Hakenkreuzfahnen hissten, und seither liebte sein Volk nicht nur ihn, Håkon VII., sondern auch seinen Sohn Olav VI., der nach ihm König wurde, und dessen Sohn Harald V., der am 21. Februar 85 Jahre alt wird. Gibt das ein Fest!

Ja, das Volk liebt sie, seine Königinnen und Könige. Als Österreicher, der ja schon für das Führen eines "von" mit Geldstrafen bis zu 14 Cent belangt wird (ist das monatlich oder jährlich zu bezahlen oder jedes Mal, wenn der Titel geführt wird, im schlimmsten Fall täglich?), schaut man auf diese monarchischen Freuden und hat dafür so gar kein Verständnis.

Monarchische Gelüste

Blödsinn! Und wie man Verständnis dafür hat, speziell als Wiener mit der Hofburg, der Hofreitschule, dem Titel Titel Hofrat, den Zuckerbäckern, die ohne ihr K.u.K. nicht der wahre Demel und nicht der wahre Gerstner und und nicht der wahre Heiner und nicht der wahre Zauner wären und es beinahe so ausschaut, als gäbe es überhaupt nur K.u.K. Zuckerbäcker in Wien und Bad Ischl, was bedeuten würde, dass der Kaiser Franz Joseph eine ziemliche Naschkatze gewesen sein dürfte, und am Ende die Sisi auch, Stichwort: Veilchenkonfekt, was, konsequent weitergedacht, hieße, dass die Zuckerbäckerei von K.u.K. Zuckerbäckern nicht dick macht, sonst wäre es aus gewesen mit einem Taillenumfang von 51 Zentimetern - bei der Sisi, naturgemäß, nicht beim Franz Joseph.

Apropos: Da sieht man, welche Fremdenverkehrswirkung so ein gekröntes Haupt hat, sogar nach seinem Tod. Und das, obwohl er, sagen wir’s doch bitte mit aller republikanischen Ehrlichkeit, insgesamt ein ziemlicher Versager war als Kaiser.

Aber er war halt ein Kaiser, und zu so einem schaut man auf - trotz Königgrätz und Erstem Weltkrieg. Man war es halt schon gewohnt, dass Habsburger wichtige Schlachten verlieren. Die erfolgreiche Heiratspolitik kam nicht von ungefähr.

Und Hand auf‘s Herz: Wär’s nicht schön, einen König zu haben oder gar einen päpstlich gesalbten Kaiser?

Die sind doch recht glücklich mit ihren Kroneträgern in Europa: Belgien, Dänemark, Niederlande, Norwegen, Schweden, Spanien, Großbritannien, dazu kommen die Fürstentümer Andorra, Liechtenstein, Monaco, das Herzogtum Luxemburg und der Sonderfall Vatikan.

Unter den außereuropäischen Monarchien sind in Asien Japan, Jordanien, Kuwait und Saudi Arabien, und in Afrika Eswatini (Swasiland), Lesotho und Marokko.

Aber bleiben wir zu Hause, in Europa.

Deutschland hat mit seinem letzten Kaiser, Wilhelm II., und Österreich mit seinem vorletzten, eben dem Franz Joseph, Pech gehabt. Als König oder Kaiser kann man eine Schlacht verlieren, aber wenn man einen ganzen Krieg verliert, weil man nicht erkennt, wann man aufhören muss, das eigene Volk dem Stolz zu opfern, geht die Sache schief. Sogar, wenn der Nachfolger, Kaiser Karl I., ein legitimer Anwärter auf eine Heiligsprechung ist.

Vor allem gilt es, mit einem Vorurteil aufzuräumen: Monarchien seien per se schlechtere Staatsformen als Republiken, weil der Staatsrepräsentant das Ergebnis einer dynastischen Erbfolge ist und nicht der Volkswille.

Es geht darum, wie man die eigene Nation versteht. Republiken mit ihren relativ schnell wechselnden Staatsoberhäuptern strahlen Wandlungsfähigkeit und Dynamik aus. Könige hingegen ihre Nationen tief in der Geschichte, sie repräsentieren nicht allein Land und Volk, sondern auch die Geschichte von Land und Volk.

Glanz ohne Macht

Dementsprechend schwingt in der österreichischen Monarchie-Nostalgie immer die Sehnsucht nach der ehemaligen Größe mit, nicht nur nach einer geografischen Ausdehnung, sondern auch die nach einer überzeitlichen Bedeutung.

So verstehen sich die Könige Europas. Allesamt haben sie kaum so viel Macht wie der österreichische Bundespräsident. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher etwa führte den Falkland-Krieg, ohne dass Königin Elisabeth II. eine formelle Kriegserklärung unterzeichnet hätte.

Europas Königinnen und Könige sind längst nur noch auf dem Papier Herrscher. In ihrer Funktion sind sie, über die Repräsentation der Nation nach innen und nach außen hinaus, um es Neudeutsch zu sagen, Role Models und Influencer. Wobei natürlich, wie es bei Role Models und Influencern geschieht, das Beispielgeben auch einmal gehörig danebengehen kann. Erjagte Elefanten und unklare Finanzen ihres Königs steckten den Spaniern so tief im Hals, dass Juan Carlos im Jahr 2014 zugunsten seines Sohns Felipe abdankte, der das Ansehen der Monarchie wiederherstellte.

Insgesamt aber knabbern Klatsch und Tratsch den Königshäusern nicht die Beliebtheitswerte ab. Im Gegenteil: Dass die Gekrönten grad dieselben Probleme haben wie ihre Untertanen, macht sie zu ungleichen Ihresgleichen. Wenn Elisabeth und Charles streiten, dann kann auch Jack mit seiner Mom Krach haben, Hauptsache die Versöhnung folgt. Weshalb es bei den Monarchen auch nie zu heftig hergehen darf. Auch der Skandal und seine Bewältigung muss schließlich Beispielfunktion haben.

Und so leben denn die Völker mit ihren Königinnen und Königen irgendwie als eine Nation, in der sich die Familie spiegelt und umgekehrt. Das lässt man sich auch etwas kosten. Billig sind die Monarchen nicht. Aber man erhält sie gerne, weil man dafür im Gegenzug Glanz und Geschichte bekommt.

Also doch verborgene Sehnsucht nach der Monarchie? Reden wir weiter bei einem Kaiserschmarrn vom K.u.K. Hofzuckerbäcker Demel. Einfach märchenhaft!