"In der Schweiz", meint Rudolf Niedersüß, Chef des Herrenausstatters Knize, "habe man sich immer nach Mailand orientiert." Dort aber gäbe es keine guten Frackschneider mehr. "Also kommen die Schweizer nach Wien." Die Deutschen auch. Im Büro - es gleicht eher einer Kajüte und ist, wie alles im Geschäftslokal am Graben Nr. 13, von Adolf Loos entworfen - hängen Porträts eleganter Stars, die ihrem Schneider eine Huldigung widmeten. Wie der Star-Tenor Jose Carreras. Niedersüß: "Carreras hat die italienischen Edelmarken Kiton und Brioni getragen, doch er kommt zu mir: ‚You are the best.‘"

Nun hat Rudolf Niedersüß und sein Team aus den Werkstätten es amtlich: Der Wiener Frack ist Weltkulturerbe, eingereicht vom 1858 gegründeten Traditionshaus Knize und der Schneiderinnung. Aus der Begründung der Unesco-Kommission: "Das komplexe Herstellungsverfahren erfordert viel Erfahrung und Wissen über Anatomie, Bewegungsmuster, Schnitte, Stoffeigenschaften und Etikette. Jedes Element des Fracks (Jacke, Hose, Weste, etc.) hat etablierte gestalterische Merkmale und Herstellungsprozesse. Der/die Schneidermeister/in braucht dazu viel Fingerspitzengefühl, welches durch jahrelange Erfahrung (in beispielsweise Schnitttechniken oder komplizierte Handnähtechniken und Ähnlichem) oder der Arbeit in einer entsprechenden Werkstatt erworben wird."

Zeitlose Eleganz ganz in Schwarz. - © Knize & Comp.
Zeitlose Eleganz ganz in Schwarz. - © Knize & Comp.

Der Frack
in der Literatur

Bei Knize werden Fracks in zwei Kategorien angeboten: der maßgeschneiderte Frack und Fracks, die für Knize in Italien vorgefertigt und im Wiener Herrensalon angepasst werden. Das Lager ist nach zwei entfallenen Gesellschaftssaisonen voll. "Das Glück ist, dass unsere klassische Herrengarderobe zeitlos ist." Ein Wiener Bonmot über Knize bringt es auf den Punkt: "Unmodisch seit 150 Jahren".

Rudolf Niedersüß, der Mann, dem die Frackträger vetrauen. - © Atelier Olschinsky / Knize & Comp.
Rudolf Niedersüß, der Mann, dem die Frackträger vetrauen. - © Atelier Olschinsky / Knize & Comp.

In der Literatur hat der Knize-Frack längst seinen Ruhm erlangt. In "Wittgensteins Neffe" schreibt Thomas Bernhard über seinen Freund Paul Wittgenstein (1907 bis 1979): "Einmal hat er sich beim Knize, dem besten und teuersten Schneider von Wien, zwei weiße Fracks liefern lassen. Als die Kleidungsstücke fertig gewesen waren, hat er der Firma Knize mitteilen lassen, dass es doch absurd sei, ihm tatsächlich zwei weiße Fracks auf einmal zu liefern, wo er nicht einmal einen schwarzen hätte bei der Firma Knize schneidern lassen, ob die Firma Knize vielleicht glaube, daß er verrückt sei. Tatsache ist, daß er wochenlang in die Firma Knize gegangen ist nur zu dem Zweck, andauernd Änderungen an den beiden von ihm bestellten Fracks vornehmen zu lassen."

Handarbeit für ein immaterielles Kulturerbe. - © Atelier Olschinsky / Knize & Comp.
Handarbeit für ein immaterielles Kulturerbe. - © Atelier Olschinsky / Knize & Comp.

"Es gibt keinen weißen Frack", erklärt Rudolf Niedersüß, "das war ein Jux von Paul Wittgenstein und ist aus einer Champagnerlaune geboren worden."

Großer Gesellschaftsanzug

Eine Skizze aus dem Knize-Archiv. (Zeichner unbekannt, eventuell Ernst Deutsch-Dryden) - © z.V.g. Archiv Knize & Comp
Eine Skizze aus dem Knize-Archiv. (Zeichner unbekannt, eventuell Ernst Deutsch-Dryden) - © z.V.g. Archiv Knize & Comp

Ein schwarzer Frack wird ausschließlich nach 18 Uhr getragen. Er ist der sogenannte Große Gesellschaftsanzug des Abends, das Pendant des Tages ist der Cutaway. Beide entwickelten sich aus dem Gehrock, dem mit der Zeit die vorderen Rockschöße abgeschnitten wurden. Die Wiener Institution Elmayer dazu: "Der Frack ist das eleganteste Kleidungsstück für den Abend, das Männern erlaubt, souverän und makellos auszusehen, vorausgesetzt Sie haben jemanden gefunden, der Ihnen beim Ankleiden behilflich war, so Sie darin nicht geübt sind." So weit Thomas-Schäfer Elmayer, Leiter der renommierten Tanzschule. So einfach ist das leider nicht, dieses souverän und makellos Aussehen.

Widmung von Willi-Forst an seinen Frackschneider. - © z.V.g. Archiv Knize & Comp
Widmung von Willi-Forst an seinen Frackschneider. - © z.V.g. Archiv Knize & Comp

Dahinter steckt Präzision bei der Wahl des Materials, beim Maßnehmen, beim Schnitt und in der Verarbeitung. "Der Frack schaut nur gut aus, wenn die Proportionen stimmen", erklärt Rudolf Niedersüß. Da ist zuallererst die hohe Taille, die trotz des tiefsitzenden Hosenbunds der gegenwärtigen Anzugsmode unbeirrbar oben bleibt. Da ist der richtige Waffelpikee für die Weste - speziell für Knize in Italien gewebt. "480 Meter ist die Mindestabnahme." An Frackwestenstoff herrscht kein Mangel, eher schon an guten Schneidern, die immer schwieriger zu finden sind. Auch ein Grund die Kenntnisse der Wiener Frackschneiderei zu dokumentieren, um sie somit zu bewahren. "Auch die Weste hat so ihre Tücken", erklärt Niedersüß, "damit die Westenkante gerade wirkt, darf man sie nicht gerade, sondern in einer flachen Kurve zuschneiden - der Anatomie folgend. Alle anderen Westen zipfeln und stehen unten weg." Das sieht der Meister bis in die entferntesten Ecken des Ballsaals.

Die kleinen Dicken, die Sitzriesen, die langen Stangen, die mit zu kurzen oder zu langen Armen - der Schneidermeister im 86. Lebensjahr kennt sie alle. "Oft kommt ein Kunde resigniert zu mir und meint, dass bei ihm nichts zu machen sei. Wie erstaunt ist er dann bei der letzten Anprobe, wenn ihm ein gutaussehender Herr aus dem Spiegel entgegenblickt."

Ein Frack, um den Werbeslogan eines Uhrenherstellers zu bemühen "gehört einem nie ganz allein". Oft wird ein Frack von einer Generation an die (über-)nächste weitergegeben und dem neuen Besitzer angepasst. Da der Frack immer wieder geändert und angepasst werden kann, ist er ein besonders langlebiges und nachhaltiges Kleidungsstück. Ein Teil seiner Kundschaft, vor allem jene aus dem Ausland, lässt ihren Frack bei Knize aufbewahren.

Steckknöpfe, Stehkragen vulgo Vatermörder, versteckte Laschen, rätselhafte Schlitze im Frackhemd, Masche binden: Wer, wenn nicht Berufsfrackträger, wie Dirigenten und Thomas Schäfer-Elmayer, beherrscht das aus dem Effeff? Deshalb gibt es bei Knize den Ball-Service, der vor Bällen wie Techniker-Cercle, Philharmoniker- und Opernball angeboten wird. "Wir machen das bei den großen Hotels bekannt und haben bis 21 Uhr geöffnet", so Niedersüß.

Die Telefone laufen heiß

Dann beginnen die Telefone heiß zu laufen. Frackhemd vergessen. Frackhemd mit Smokinghemd verwechselt. Frackhemd gewaschen, aber nicht gesteift - und wer kann das heute noch? Der Herrensalon kann und gleicht in der Saison einem Bienenhaus.

Angeregt plaudernd wartet die Kundschaft auf das Rundumservice des Traditionsschneiders. "Die Damen sind glücklich darüber", weiß Herr Niedersüß. "Denn sie haben ihre Nägel schon gemacht und laufen nicht mehr Gefahr, sie mit den Manschettenknöpfen zu ruinieren." Es dient auch dem Haussegen, wenn Mann seiner Partnerin nicht vorwerfen kann, kein Mascherl binden zu können. Das macht der Chef persönlich.

"Viele gemeinsame Schlachten geschlagen", lautet die Widmung eines Hollywoodstars der 1920er-Jahre in der Porträtgalerie der Chef-Kajüte. Nun kann die Abendgarderobe wieder im Frack-Safe verstaut werden. Dort hängen sie alphabetisch geordnet, dicht an dicht und sorgsam gegen Motten gesichert. Rudolf Niedersüß, Doyen der Wiener Schneider, dreht das Licht ab und verschließt die Tür, bis es endlich wieder heißen wird: Alles Walzer!