EEs ist ein stattliches kollektives Gedächtnis, das das Architekturzentrum Wien (AzW) mittlerweile mit seiner Sammlung besitzt. Und es wächst kontinuierlich. 100 Vor- und Nachlässe von Architektinnen und Architekten umfasst es aktuell - und ist damit die umfangreichste Sammlung zur österreichischen Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts.

Diesen kulturgeschichtlichen Speicher immer wieder neu zu befragen, immer wieder neue Einblicke in seine stillen Schätze zu geben, diese Aufgabe übernimmt die Dauerausstellung des AzW im Museumsquartier. 17 Jahre lang tat dies eine Schau, die mit einer chronologischen Erzählung heimischer Baugeschichte befasst war. Nun ist sie einer völlig neu kuratierten wie gestalteten Präsentation gewichen.

Ein Paternoster der Österreichischen Architektur ist ein Herzstück der neuen Dauerausstellung "Hot Questions - Cold Storage" im Architekturzentrum Wien. - © Lisa Rastl
Ein Paternoster der Österreichischen Architektur ist ein Herzstück der neuen Dauerausstellung "Hot Questions - Cold Storage" im Architekturzentrum Wien. - © Lisa Rastl

Bei "Hot Questions - Cold Storage", übersetzbar etwa mit "Heiße Fragen - Stiller Speicher" steht nicht mehr eine chronologische Meistererzählung im Vordergrund, die sich zum Ziel gesetzt hat, ein (historisches) schillerndes Porträt österreichischer Architektur zu zeichnen. Es sind sieben Fragen, die Kuratorin Monika Platzer mit auf den Weg ins Archiv genommen hat und für die sie die Beständen nach Antworten durchforstet hat. Die Fragen - von "Wer macht Stadt?" über "Wer sorgt für uns?" bis hin zu "Wie überleben wir?" - sind bewusst in der Gegenwart verortet. Sie sollen helfen, das Archiv zum Sprechen zu bringen und mit dem Blick in die Vergangenheit vielleicht sogar Handlungsoptionen für die Zukunft erschließen.

Architektur als Gesellschaftskommentar bei Hans Hollein und seiner "Car Sculpture" aus dem Jahr 2011. - © Architekturzentrum Wien, Sammlung
Architektur als Gesellschaftskommentar bei Hans Hollein und seiner "Car Sculpture" aus dem Jahr 2011. - © Architekturzentrum Wien, Sammlung

Im Zentrum standen bei der Auswahl der Modelle und Möbel, Zeichnungen und Fotos, Lego-Nachbauten und Filme nicht nur die Exponate an sich, die Beschäftigung mit Möglichkeiten der Ausstellungsarchitektur (durch die Büros tracing spaces und seite zwei) selbst, spielt eine ebenso große Rolle - mehr noch, sie wird selbst zu einem der zentralen architektonischen Inhalte der Schau.

Architektur als Trägerin von Versorgung am Beispiel Bildung: Modell von Helmut Richters Schule der Stadt Wien am Kinkplatz, 1992-1994. - © Architekturzentrum Wien, Sammlung
Architektur als Trägerin von Versorgung am Beispiel Bildung: Modell von Helmut Richters Schule der Stadt Wien am Kinkplatz, 1992-1994. - © Architekturzentrum Wien, Sammlung

Interaktivität sowie kräftige, kontrastreiche Farben dominieren die Ausstellung. Die Farben grenzen die unterschiedlichen Bereiche mit Schaukästen und Wänden von einander ab, die sich in den Raum wölben, ihn umschließen und umfangen. Hier geht das AzW definitiv neue Wege. Etwa mit dem knallig orangefarbenen Depot-Pater-Noster mit Modellen, der neben seinem praktischen Wert auch die Idee des Speichers an sich repräsentiert. Oder mit den ausfahrbaren Schiebewänden, über die sich Projekte durchstöbern lassen. Die Präsentation selbst wird zum begehbaren stilisierten Miniatur-Archiv.

Bestechende Buntheit

Das inhaltliche Spektrum der 400 Exponate - sie entsprechen etwa einem Prozent des Depots - reicht geografisch von der Vorarlberger Baukunst bis zum Burgenländischen Brutalismus, streift das Rote Wien und den Sozialen Wohnbau ebenso wie die bauliche Umsetzung konfessioneller Vielfalt oder die Bauten gewordenen Symbole der Macht - von der Synagoge über die Staatsoper bis zur Stadthalle und zum Rechenzentrum. Thematisch geht es dabei ebenso um Partizipation und Nachhaltigkeit wie um soziale Verantwortung, gestreift werden Lebensbereiche vom Kindergarten bis zum Krematorium. Die Idee, statt stolz Nationalgeschichte subtil Kulturgeschichte zu erzählen, durchzieht alles.

Trotz ihrer bestechenden Buntheit und spielerischen Interaktivität ist es eine Schau, die erschlossen werden will, sich nicht im Vorübergehen konsumieren lässt. Auch wenn die Fragen groß über den einzelnen Bereichen appliziert sind, die Antworten werden nicht auf dem Silbertablett präsentiert, sondern wollen erarbeitet werden. Eine definitiv innovative wie ansprechende und lohnende Schau, bei der jedoch der dramaturgische Bogen und die zu vermittelnden Inhalte im Schatten der kreativen Architektur- und Ausstellungspräsentation stehen, ja mitunter sogar von dieser überstrahlt werden.