Auf sich zurückgeworfen sein; isoliert von den Anderen; die sozialen Kontakte auf ein Minimum reduziert; alleine und vielleicht sogar einsam. Das Herausgerissen-Sein aus dem gewohnten gesellschaftlichen Strom, aus dem Geflecht an Begegnungen und Beziehungen: Das war und ist wohl eine der persönlichsten Herausforderungen, die diese Pandemie mit sich gebracht hat. Tröstlich nur, dass dieses Einzeln-Sein als kollektiv geteilte Erfahrung wieder alle miteinander verbunden hat.

Doch was macht sie mit uns, diese ungewollte oder auch gezielte Auseinandersetzung mit uns selbst? Was können wir in dieser Rückbesinnung erfahren oder gewinnen? Und wem wenden wir uns zu in dieser Innenschau - dem Nichts, der Natur, Gott? Philosoph Rüdiger Safranski hat die Geistesgeschichte durchkämmt mit diesen Fragen im Gepäck. Er konzentriert sich in dem Band "Einzeln sein" auf konstruktive Positionen zu dieser Begegnung des Menschen mit sich selbst. Einsamkeit ist nicht die Kategorie, die ihn dabei interessiert, vielmehr beleuchtet er Stufen von gesellschaftlicher Entwicklung und den sich wandelnden Blick, den Philosophen dabei auf die Stellung des Individuums im Kollektiv - und damit auf sich selbst - eingenommen haben.


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Über Einsamkeit als Quelle des Glücks diskutieren am 3. März 2022 ab 19 Uhr Anita Eichinger, Direktorin Wienbibliothek im Rathaus, Ruth Mateus-Berr, Professorin an der Angewandten, und Cosima Sablatnig von Youth Empowerment Participation. Moderation: Walter Hämmerle, Chefredakteur der "Wiener Zeitung". Zu sehen im Livestream.

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Zentral ist Safranski dabei nicht nur die Frage, "wie viel Einzelheit der Mensch überhaupt will und verträgt, sondern auch, welche gesellschaftlichen Begünstigungen oder Beeinträchtigungen er dabei widerfährt." Der oder die Einzelne ist also ohne das jeweilige Kollektiv nicht denkbar, wie wir einzeln sind - auch das ist eine gesellschaftliche Prägung. Diese Grundannahme in und hinter Safranskis Ausführungen, steckt das Spannungsfeld ab, dass das Buch dramaturgisch trägt. Der historische Bogen, den er daraus spinnt, lässt sich also auch lesen als eine Analyse des Verhältnisses der Menschheit zu sich selbst.

Gespräch in der eigenen Seele

Safranski beginnt beim Menschenbild der Renaissance, als der Einzelne beginnt, sich künstlerisch als unverwechselbar zu begreifen. Die weiteren Konzepte der Individualisierung unterscheiden sich vor allem in dem, was da gefunden wird, durch die Abkehr von der (einmal als nährend, einmal als bedrohlich beschriebenen) Gesellschaft - einmal ist es der intime Gottesbezug, dann die unverfälschte Naturerfahrung, dann das eigene innere Gesetz, die absolute Selbstkontrolle oder das blanke Nichts der Existenz, dass der sozialisierte Mensch nach Belieben zu formen im Stande ist.

Was alle vorgestellten Konzepte bis ins 20. Jahrhundert eint? Die Begegnung mit sich selbst wird als herausfordernd, doch stets lohnend beschrieben, als Quelle der Kraft. "Jeder ist ein Einzelner. Aber nicht jeder ist damit einverstanden und bereit, etwas daraus zu machen." Variantionen dieser Analyse Safranskis zieht sich durch alle philosophischen Positionen - bis hin zum Leser, zur Leserin.

Und auch wenn das Buch die Gegenwart ausspart, so lässt es sich als schillernde Anregung heranziehen für die Herausforderung, eine Einzelne zu sein. Bis zum Idealzustand dieser Begegnung mit sich bei Hannah Arendt: "Allein sein, heißt mit sich selbst umzugehen; einsam sein, heißt alleine sein, ohne sich in das Zwei-in-einem aufspalten zu können, ohne sich selbst Gesellschaft leisten zu können."