Der 13. März 2020 war ein kühler Vorfrühlingstag. Doch das, was die Bundesregierung unter dem damaligen Bundeskanzler Sebastian Kurz in einer eilig einberufenen und live im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz zu sagen hatte, ließ keinen kalt. War es doch in der Geschichte dieses Landes beispiellos: Schließung aller Geschäfte bis auf die Grundversorgung, Verbot des Betretens öffentlicher Orte ohne wichtigen Grund. Schulen und Universitäten: geschlossen. Die Grenzen wurden schon zuvor geschlossen, Milizsoldaten und bereits abgeleistete Zivildiener wurden zum Dienst einberufen. Der Lockdown als letztes Mittel gegen die heranrollende Covid-19-Welle trat wenige Tage später in Kraft. Österreich war geschlossen.

Es waren vor allen die Bilder aus dem schwer getroffenen Norditalien gewesen, die Österreich in Angst und Schrecken versetzt hatten. Völlig überlastete Spitäler, in denen Menschen zu Hunderten hilflos erstickten. Es mangelte an so gut wie allem, was zur Bewältigung der Krise nötig war. Schutzkleidung, Masken, medizinisches Material. In Akten der Verzweiflung bastelten Techniker selbstentwickelte Weichen, mit denen man mehrer Menschen an ein und dasselbe Beatmungsgerät anschließen konnte, um sie vor dem sicheren Tod zu bewahren. Der Tod war allgegenwärtig. Und Österreich war sein nächstes Ziel.

Heute sind zwei Jahre und mehrere weitere Wellen von Covid-19 vergangen. Die Lernkurve dabei war ebenso steil wie schmerzhaft. Nach der unbestritten gut gemeisterten ersten Welle scheiterte Österreich bereits an der zweiten spektakulär. Grund war auch das voreilige Versprechen, die Pandemie sei nun bewältigt. Lockdown? Nie wieder! Bis im November 2020 die Mutter aller Lockdowns ausgerufen werden musste, um das Allerschlimmste zu verhindern. Protagonist dabei: die neuen Varianten.

Wir haben Schritt für Schritt gelernt, mit dem Virus umzugehen. Was zunächst einen ungewohnten Kulturwandel bedeutete, ist längst Selbstverständlichkeit. Maske rauf, Geschäft betreten, Maske wieder runter. Tausendmal gemacht, die Handgriffe sitzen und die Anfangsschwierigkeiten sind überwunden. Mal gilt die Pflicht, mal nicht. Die meisten haben den Maskengebrauch ohnehin längst automatisiert. Selbst die kleine, laute Minderheit der Gegner hat ihren Widerstand von der Maske auf die Impfung verlegt.

Die Frage, wann Corona denn nun vorbei ist, wird seltener gestellt. Immer deutlicher wird klar, dass das Virus wohl nicht einfach über Nacht wie durch ein Wunder verschwinden wird. Sondern der Prozess der Normalisierung ein langsamer und phasenweiser sein könnte. Immer wieder Wellen, immer wieder Phasen der Normalität. Das ist die "neue Normalität", mit der sich sicher niemand endgültig abgefunden hat, die niemand gut findet, zu der uns jedoch keine Alternative bleiben wird. Die viel zitierte "endemische Phase", in die das Virus eintreten soll, bedeutet ja nicht, dass das Virus dann erledigt ist. Sie bedeutet nur, dass das Virus bestehen bleibt und ein Umgang damit gefunden wird, der es weniger zur Ausnahmesituation, sondern zur Routine macht. Und die verhindert, dass man die dunkle Triade aus Lockdown, Ausgangssperre und Schließungen weiterhin anwenden muss, weil man einen Weg gefunden hat, der es nicht so weit kommen lässt.

Wie bei Dieter Bohlen

Möglicherweise müssen wir uns mittelfristig damit zurechtfinden, dass das Leben generell saisonaler wird. Dass in den warmen Monaten so gut wie alles möglich ist, was vor dem heimtückischen Virenangriff möglich war: Große Feste, Festivals, Konzerte, riesige Veranstaltungen. Im Sommer bekanntlich kein Problem. Wer auf seinem traditionellen Termin im November oder Februar beharrt, wird womöglich von Jahr zu Jahr erneut feststellen, dass eine Abhaltung wieder einmal nicht möglich ist. Hier ist im Vorteil, wer sich anpassen kann. Tradition hin oder her, es ist kein Naturgesetz, dass etwa Bälle in der Viren-Hochsaison stattfinden müssen. Wer feiern will, wird wohl einige Zeit noch flexibel sein müssen. In den Wintermonaten wird hingegen ein gewisses Biedermeier-Dasein seine Renaissance erleben.

Da fragt man sich doch, was einer flexiblen Anpassung an die neuen Rahmenbedingungen entgegensteht. Möglicherweise ist es unser eigenes Mindset, das den Wandel nicht zulässt. Wäre es ein Einknicken vor dem Virus, mit einer großen Feier auf die warme Jahreszeit zu warten? Wohl nicht. Vielmehr ist es der noch immer nicht erschütterte Glaube an das "Nur noch einmal"-Narrativ. Nur einmal noch Omikron durchlaufen lassen, dann sind alle immun. Nur diesen Winter noch durchhalten, dann ist das Virus vorbei. Nur einmal noch Lockdown, dann ist es geschafft. Es verhält sich ein bisschen wie bei Dieter Bohlen: dreimal Nein!

Es wird Zeit, zu verstehen, dass das Wunder womöglich nicht so bald eintreten wird. Wenn doch: wunderbar. Aber wenn nicht, müssen wir uns wohl oder übel darauf einstellen. Was auch nicht unbedingt hilft, ist das Warten, dass irgendeinem Wissenschafter schon etwas einfallen wird. Die Impfungen wirkten zwar gut, wurden aber bereits von der nächsten Variante unterlaufen. Aller Wahrscheilichkeit nach werden sie wohl gegen die übernächste Variante auch nicht besser wirken und Anpassungen dauern zu lange. Noch schlechter läuft es mit den synthetischen Antikörpern, die sind seit der Subvariante weitgehend wirkungslos. Und Wundermittel sind zumindest nicht so bald in Sicht, dass es sich auszahlt, darauf zu warten.

Dass das Händeschütteln verschwunden ist und sich ausgerechnet die Ghetto-Faust als Gruß durchgesetzt hat, sollten wir nochmals überdenken. Auch das ständige Hände-Desinfizieren hat sich mittlerweile weitgehend durchgesetzt. Überall stehen Ständer bereit. Schlechte Zeiten also für Magen-Darm-Viren, ob es die Covid-Situation verbessert, ist unklar.

Zwei Jahre neue Normalität haben uns zu vielen Veränderungen gezwungen. Nicht alles sind von Nachteil. Alleine was an neuem, flexiblem Denken in der Arbeitswelt Platz gegriffen hat, wäre sonst wohl in zehn Jahren nicht passiert. Hier hat Corona einen Neuerungsschub induziert, der beachtlich ist und der zu einem Neudenken von Arbeit führen wird. Und er begann an einem kühlen Vorfrühlingstag vor zwei Jahren, an dem man keine Wahl hatte.