Blackpool erinnert mich an Bertolt Brechts ‚Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny‘", sagt Robert Kaldy-Karo bei einer Verschnaufpause in einer Bar der Magic Convention: "Auf der einen Seite die viktorianischen Prachtbauten, auf der anderen der allgegenwärtige Zerfall. Da liegt ein morbider Reiz in der Luft." Kaldy-Karo muss es wissen, ist er doch nicht zum ersten Mal hier. Der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums und seit einem halben Jahrhundert aktiver Zauberer kommt seit mehr als zehn Jahren mit einer Gruppe Gleichgesinnter jeden Februar in die Stadt an der englischen Westküste, die einst als Unterhaltungsperle galt. Heute pendelt Blackpool zwischen Zauber- und Schauderstadt. Außerhalb der geschützten Convention säumen geschlossene Rollläden, Abbruchhäuser und desolate Zustände die Straßen. Die einstige Touristenhochburg leidet nicht erst seit Covid, sondern seit die Engländer entdeckt haben, dass der Urlaub in Spanien günstiger und wärmer ist.

Zauber und Entzauberung

Doch der österreichische Magierexport ist auch dieses Jahr angekommen, zumindest ein Teil davon: Heuer besteht die Gruppe aus zehn Aficionados der Zauberkunst, vor Corona waren es meist 20. Aber nicht nur die anhaltende Pandemie hat einigen Magiern einen Strich durch die Rechnung gemacht, sondern zusätzlich akute Unwetter und Stürme, die zahlreiche Zugverbindungen kappten und Straßen sperrten. Geschafft haben es in die illustre Runde nach Blackpool diesmal etwa Christian Dinter, der mit Kaldy-Karo bereits seit 40 Jahren zaubert; Magier und "Enfant terrible" Hans Kelli; und Manfred Klaghofer, der die weltgrößte Sammlung an Zauberkästen besitzt und nahe dem Schloss Schönbrunn in seinem eigenen Museum einen Teil davon ausstellt. "Normalerweise sind auch die Zauberkünstlerin Monika und der Wiener Universitätsprofessor Manfred Hochmeister mit dabei", so Dinter. Kaldy-Karo erinnert sich, wie er den Pathologen Hochmeister, der auch international maßgeblich zur Entwicklung der DNA-Analyse beitrug, vor etlichen Jahren kennengelernt hat: bei der Bergung einer Leiche. Kaldy-Karo, damals neben seiner Zauberkarriere hauptberuflich Kommandant bei der Wiener Berufsfeuerwehr, wurde nach Neustift gerufen. Hochmeister, als Gerichtssachverständiger vor Ort, und Kaldy-Karo kamen bald auf ihre gemeinsame Leidenschaft für die Zauberei zu sprechen: Seither arbeiten die beiden vor allem auf dem Unterhaltungssektor zusammen und der Professor der Gerichtsmedizin wird regelmäßig zum verrückten "Professor Bombasti".

Hier wird der blutige Anfänger genauso fündig wie der erfahrene Zaubermeister. - © Clemens Marschall
Hier wird der blutige Anfänger genauso fündig wie der erfahrene Zaubermeister. - © Clemens Marschall

Die Blackpool Magic Convention findet seit 1953 statt, 2015 schaffte sie es mit 3.613 registrierten Magiern offiziell als größte Zauberkonferenz ins Guinness-Buch der Rekorde. In den historischen Winter Gardens geht die Messe seit 1978 über verschiedene Bühnen. Der 100 Jahre zuvor erbaute Unterhaltungskomplex ist eine permanente Baustelle, ähnlich dem Stephansdom. In diesen prunkvollen Anlagen sind bereits Helden wie Charlie Chaplin und Enrico Caruso aufgetreten. Verlässt man die gesicherte Zone der Zauberer, sieht man einheimische Trannies mit Kriegsveteranen und Hooligans schon tagsüber tschechern: in Pubs mit Happy Hour oder den traditionellen Working Men’s Clubs und Veteranenvereinen.

Die Abendshow zeigt die Doctor Diablo’s Sideshow, in der ein gebogenes Schwert verschluckt wird. - © Clemens Marschall
Die Abendshow zeigt die Doctor Diablo’s Sideshow, in der ein gebogenes Schwert verschluckt wird. - © Clemens Marschall

Im Blindflug am Österreich-Ring

Auf der vom traditionellen Blackpool Magicians Club veranstalteten Convention sind dieses Jahr vor allem britische Künstler zu Gast. Tagsüber besuchen sie verschiedene Vorträge und Workshops, decken sich mit neuen Zauberartikeln an den Marktstandln ein, bis es am Abend Galashows und kuriose Aufführungen hagelt. Das Angebot der Verkaufsstände in Blackpool reicht von traditionellen Taschenspielertricks, gezinkten Karten, historischen Fachbüchern bis zu hochpreisigem modernen Zauberequipment: Der blutige Anfänger wird hier genauso fündig wie der erfahrene Zaubermeister. Die Auftretenden sind zwar weltberühmt - aber das wohl nur in der Zauberwelt: Da wären etwa die Schwebekünstlerin Janna Felicitas, der Luftballonartist Graham Lee und die Close-up-Magierin Laura London, um nur drei zu nennen.

Die Wiener Zaubergruppe erinnert sich noch an Auftritte von Uri Geller, der auch außerhalb der Szene mit verbogenen Löffeln für offene Münder sorgte. "Wir sind hier für die Shows, aber auch um Kontakte zu knüpfen und neue Artikel zu kaufen", erzählt Kaldy-Karo bei einem kleinen Cider: "Theoretisch kann man die heute auch übers Internet kaufen, aber hier sieht man, wie sie vorgeführt werden und ob sie, wie man so schön sagt, ein Klumpert sind oder man damit arbeiten kann." Auf der Traditionsmesse sind um die 120 Händler, in besseren Jahren waren es doppelt so viele. Einen österreichischen Stand gibt es nicht, aber Kaldy-Karo & Co haben von den 1990er Jahren bis 2005 die Magie im großen Stil nach Hause gebracht und Kongresse in Wien und Eisenstadt organisiert. Die Spur, die diese Truppe gezogen hat, ist eine ansehnliche: teils der Verwandlung, teils der Verwüstung, etwa bei Festivals auf der Donauinsel, bei denen sie in die Luft gingen. Knochenbrüche und Bauchschüsse wurden als Berufsrisiko akzeptiert.

Zudem hat ihre Unterabteilung "Masters of Sensation" spektakuläre Aktionen gerissen: Kaldy-Karo etwa wurde einmal engagiert, im Blindflug auf einem Motorrad bei einem Formel-1-Rennen am Österreich-Ring die Publikumsmasse anzuheizen: "Niki Lauda hat mir damals die Augen verklebt und alleine dafür 2.000 Schilling verlangt", erinnert sich Kaldy-Karo: "Mein Manager hat bezahlt, und daraufhin ist mein Zauberkollege Michael Swatosch-Doré im Auto hinter mir gefahren und hat mich ‚gedanklich gesteuert‘. Ich hab einmal Gas gegeben, bin irrsinnig schnell geworden, konnte aber nichts sehen und habe nur brüllende Menschen gehört. Ich habe ja keine Ahnung vom Motorradfahren, auch nicht sehend." Fast scheint der "Master of Sensation" sich selbst zu wundern, diesen Stunt unverletzt überlebt zu haben: Das eben ist auch Magie.

Kaldy-Karos Cider allerdings kommt aus keinem nie enden wollenden Zauberkrug, und danach wird es Zeit für die Abendshows.

Am folgenden Tag, Samstag trifft man sich wieder vormittags zwischen den Verkäuferständen. Die Wiener Zaubergruppe hat noch Sternchen in den Augen von Doctor Diablo’s Sideshow am Vorabend: "Das war das erste Mal, dass ich jemanden gesehen habe, der ein Schwert in der Form eines Halbkreises geschluckt hat", sagt Kaldy-Karo anerkennend. Die gebogene Körperhaltung des Schwertschluckers kann man sich vorstellen. Weiters im Programm waren Feuerschlucker, Fakire, eine Schlangentänzerin, eine die Elektrizität beherrschende Dame - und Humor, der an die längst vergangenen Freakshow-Traditionen anknüpft, sie aber zeitgemäß humorvoll präsentiert.

Blackpool wie es leibt und bebt

Das Eventprogramm ist überbordend, und wenn es den österreichischen Magiern an den vier Messetagen zu viel wird, lassen sie sich in der Gebäudeikone nebenan verzaubern: dem Blackpool Tower mit einem der schönsten Ballsäle, in dem auch Fernsehshows à la "Dancing Stars" gedreht werden. Hier spielt eine Theaterorgel Cha Cha Cha und Foxtrott, das Publikum genießt seine "Tea Time" oder schwingt elegant das Tanzbein auf dem soeben kostspielig renovierten historischen Holzboden.

Der Gegensatz zur schimmernden Scheinwelt von gestern zur herrschenden Realität könnte dramatischer kaum ausfallen. Sowohl die Magie in den Unterhaltungspalästen als auch die Abgründe in den Straßen lassen sich schwer in Worte fassen. Lassen Sie sich also verzaubern, und sehen Sie, was Sie nicht für möglich gehalten hätten! Nicht nur auf den Bühnen Blackpools.