Der Mensch ist beschränkt. Man muss schlafen, essen und stoffwechseln, dazwischen Arbeit und dann noch Weggehen. Wie soll man da bloß immer sein Bestes geben? Es müsste doch eine Möglichkeit geben, sich selbst noch besser zu machen? Kreativer, fitter, weniger Schlaf und damit noch erfolgreicher. Ein neuer Trend setzt auf Selbstoptimierung mit Drogen, eine Renaissance der Suchtmittel sozusagen. Wäre man in Wien-Favoriten auf die Idee gekommen, mit Rauschmitteln nachzuhelfen, um mehr Leistung abzuliefern, wäre es möglicherweise kein Welterfolg gewesen. Man wäre eher im Gefängnis gelandet. Wenn man aber im Silicon Valley über Selbstoptimierung mittels Drogen spricht, dann wird es ein Trend - der nicht ganz ungefährlich ist, seltsame Blüten treibt und immer heftiger diskutiert wird. Der neueste Trend: "psychedelisches Wasser", das auch über eine US-amerikanische Modekette vertreiben wird.

Psychedelika erobern den Mainstream, meinen die Befürworter der aktuellen Entwicklungen. Vor allem in den USA ist die Wiederentdeckung von Rauschmitteln in den letzten Jahren immer weiter vorangeschritten. Die Entkriminalisierung von Marihuana, aber auch von sogenannten "Magic Mushrooms" - den "narrischen Schwammerln" - veränderte den Umgang mit den Drogen. Der Einsatz von Psilocybin, Ayahuasca und Meskalin in der Psychotherapie wird ebenso diskutiert, wie er schon in diversen Selbsterfahrungsseminaren ausprobiert wird. Im Fahrwasser dieser Entwicklungen erleben auch LSD, MDMA und Ketamine einen neuen Höhenflug. Gerade auch in der Corona-Pandemie haben Angstzustände deutlich zugenommen, die Hoffnung auf schnelle Auswege - ohne Psychotherapie, verschreibungspflichtige Psychopharmaka und Angsthemmer - weckte das Interesse an psychoaktiven Substanzen. Im Rahmen des britischen Microdosing Research Programms wird untersucht, ob die Mikrodosierung von Psilocybin bei der Behandlung von pandemiebedingten Angstzuständen hilft.

Der begleitete Trip

Seit etwa zehn Jahren erlebt die Mikrodosierung von Drogen eine Renaissance. Dabei wird nur eine sehr kleine Menge der Substanz unter Aufsicht einer Begleitperson, selten ein Arzt, wesentlich öfter selbsternannte Tripbegleiter, eingenommen. Man soll sich besser konzentrieren können, kreativer arbeiten, und außerdem Depression und Angstzuständen entgegenwirken - ganz ohne Trip, der Halluzinationen auslösen würde. Psychedelika haben eine aktivierende Wirkung auf den 5HT2A-Serotoninrezeptor und lösen so eine Veränderung des Bewusstseins (etwa die sensorische Wahrnehmung, die Stimmung, das Denken und das Ich-Bewusstsein) aus. Im Unterschied zum Rausch (etwa durch Alkoholkonsum) ist der Betroffene dabei hellwach und die Sinne sind sogar noch geschärfter. Wie die Wirkungen am Rezeptor zustande kommen, ist aktuell Gegenstand der Forschung.

Allerdings sind derzeit generell signifikante Effekte von Hirndoping auf die kognitive Leistungsfähigkeit kaum nachweisbar, weder bei Energydrinks noch bei Amphetaminen, so die Experten. Die Wirkung dieser sogenannten "Neuro-Enhancer" kann im Einzelfall sehr unterschiedlich ausfallen. Von der leichtfertigen Einnahme psychoaktiver Substanzen raten Fachleute dringend ab, da meist negative physische und psychische Begleiterscheinungen überwiegen. Eindeutig lässt sich die Frage nach dem Zeitpunkt des Wiederaufloderns der psychedelischen Forschung nicht beantworten.

Als wichtige Pionierarbeit gilt jedenfalls eine Studie, die 2006 an der Johns Hopkins Universität vom Psychopharmakologen Roland Griffiths durchgeführt wurde und gezielt mystischen Erlebnissen unter Einfluss von Psilocybin auf der Spur war. Gut zwei Drittel der Teilnehmer an der ersten doppelblinden, Placebo-kontrollierten klinischen Studie seit Jahrzehnten reihten das Experiment noch Monate später unter die fünf wichtigsten Erfahrungen ihres Lebens.

In Europa ist das Imperial College London der wichtigste psychedelische Knotenpunkt. Aufbauend auf mehr als zehn Jahre entsprechender Forschung, wurde dort 2019 ein eigenes Centre for Psychedelic Research ins Leben gerufen. Unter der Leitung des Neuropsychopharmakologen David Nutt und vor allem auch des Psychologen Robin Carhart-Harris wurden etwa klinische Studien durchgeführt, die auf schwer depressive Patienten abzielten. Laut den Forschern erlaube die Droge den Betroffenen, festgefahrene negative Denkmuster zu durchbrechen. In Österreich gibt es zumindest in der Datenbank des Wissenschaftsfonds FWF nur ein Projekt, das sich mit Psilocybin beschäftigt. In einem Kooperationsprojekt zwischen FWF und der Deutschen Forschungsgemeinschaft sehen sich ein Team um Bernhard Rupp (MedUni Innsbruck) und Dirk Hoffmeister (Universität Jena) die molekularen Strukturen der Enzyme, die an der natürlichen Herstellung von Psilocybin im Pilz beteiligt sind, mit Hilfe der Röntgenstrukturanalyse genauer an.

Ein Hype, der aus Fehlern lernt

Die Sozialwissenschafterin Claudia Schwarz-Plaschg, die im Rahmen des von der Europäischen Kommission geförderten Marie Skodowska-Curie Projekts "ReMedPsy" die Medikalisierung, Entkriminalisierung und Legalisierung von Psychedelika in den USA untersucht hat, resümiert: "Psychedelika sind ein echter Hype. Aber wir müssen vorsichtig sein, nicht zu ‚high‘ zu werden und am Boden zu bleiben." Was alle Forscher und Aktivisten der Zivilgesellschaft vermeiden wollen, ist, das Debakel der 1960er zu wiederholen, als Politiker wie US-Präsident Richard Nixon Psychedelika stigmatisierten, um engstirnige politische Ziele zu erreichen und politische Gegner und marginalisierte Gruppen einzusperren.

Während man altbekannte Stoffe wiederentdeckt und hofft, einen neuen Umgang und nützliche Anwendungen zu finden, geht die menschliche Fantasie und Kreativität schon einen Schritt weiter. In Zukunft sollen nicht mehr nur psychoaktive Substanzen den Geist beeinflussen, sondern auch technologische Innovationen. Elektrische Stimulationen, etwa über eine implantierte Computerschnittstelle, wie sie Elon Musks Firma Neuralink entwickelt, sollen direkt im Gehirn wirken und so das Denken und Fühlen verändern. Die Frage ist dann nur, wer kontrolliert diese Chips?