Die Polizei in Großbritannien hat mit schweren Imageproblemen zu kämpfen. Die sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern basieren auf eingefahrenen strukturellen Missständen und ihren rassistischen und sexistischen Entladungen. Nicht gerade hip mag es also wirken, den angeschlagenen "Bobbies" ein Museum zu widmen - doch das seit Mai letzten Jahres bestehende Police Museum in der Bow Street 28 im Londoner Bezirk Covent Garden begreift sich als historisches Haus. Somit wird eine Auseinandersetzung mit dem derzeit heftig strampelnden Polizeiapparat geschickt umschifft - vorerst zumindest.

Zugegeben: Geschichte gibt es hier mehr als genug, die Bow Street beansprucht eine Pionierstellung im Polizeiwesen. 1749 wurden ein paar Hausnummern weiter die Bow Street Runners gegründet, Großbritanniens erste organisierte Polizeieinheit. 1992 fiel die Station der Zentralisierung zum Opfer, das im selben Gebäude untergebrachte Gericht schloss 2006. Es folgte ein jahrelanger Leerstand, bis sich die internationale Sydell Group den Bau aneignete und hier 2021 einen Standort der NoMad-Hotelkette eröffnete. In einem historischen Trakt, der aus Denkmalschutzgründen nicht geschleift werden durfte, befindet sich nun das Museum.

Im schicken Lifestyle-Hotel werden fünf Sterne vergeben, auf den Holzpritschen in den kargen Kerkerzellen schläft heute niemand mehr. "Diese Kombination ist tatsächlich ungewöhnlich", sagt die aufgeweckte Museumsmanagerin Vicki Pipe, "aber es ist eine gute Partnerschaft." Wer im Hotel seine 400 Pfund fürs einfache Doppelzimmer hinblättert, darf gratis ins gegenüber dem Royal Opera House liegende Museum, wo die Geschichte der Polizeiarbeit und der Strafjustiz vom 18. bis ins 20. Jahrhundert erzählt wird. Vier Stockwerke waren früher belegt mit Zellen, Polizeibüros, einer Kantine und zwei Gerichtssälen. Wo sich die Hafträume für Frauen befanden, übernachten heute Touristen. Sieben Zellen für Männer sind jedoch im Originalzustand erhalten und Teil des Museums. Die Inhaftierten saßen maximal 24 Stunden ein und kamen danach entweder ins anliegende Gericht zur Verhandlung, in ein anderes Gefangenenhaus oder wurden freigelassen.

Nicht immer rosige Zeiten

Der Jugend des Museums sei geschuldet, dass es noch einiges aufzuarbeiten gilt. "Die Archive sind gigantisch", nickt Pipe. Ihr Zugang ist ein professioneller, Polizeidienst hat sie aber keinen durchlaufen. Im Museumsteam allerdings sitzen pensionierte Polizisten, die hier jahrzehntelang ihre Schichten verrichtet haben und ihr angestammtes Wissen miteinfließen lassen. Sie sind froh, ihr Erbe zu bewahren. Auch wenn die Zeiten nicht immer rosig waren.

Die Bow Street Runners

Das Bow Street Museum ist zeitgemäß und offen arrangiert - anders als das "Crime Museum" vom Scotland Yard: In dieses obskure Stiefgeschwisterchen neben dem Big Ben darf nur, wer tatsächlich dazugehört. In Manchester gibt es ein weiteres Police Museum, ebenfalls in einer aufgelassenen Wachstation. Dort hocken hinter schweren Verhörtischen pensionierte Polizisten, die einem 1970er-Jahre-Film entsprungen sein könnten.

Die Geschichte hier geht noch weiter zurück. Erzählungen besagen, dass die Gründung der Bow Street Runners auf einem Zwischenfall 1749 beruht: Eine Gruppe von Matrosen soll von Prostituierten ausgeraubt worden sein, woraufhin die Seemänner Bordelle in Flammen steckten. Es folgten Krawalle - und es fehlten organisierte starke Männer, um diese unter Kontrolle zu bringen. Pipe kann diese Legende weder als Seemannsgarn abtun noch bestätigen, wundern würde sie sich aber nicht: "In Covent Garden mischten sich früher Tavernen, Bordelle und Armut mit dem reichen Theaterpublikum", sagt sie, "und deswegen liegt hier wohl auch der Ursprung unseres Polizeiwesens - unter dem Regime von Fielding."

Henry Fielding, eigentlich Satiriker und Dramatiker, war die treibende Kraft zur Etablierung eines moderneren Polizei- und Justizsystems. Als leitender Gerichtsbeamter in der Bow Street bat er die Zentralregierung um finanzielle Unterstützung, um vertrauenswürdige Männer aus dem Rayon als professionelle, bezahlte Schutzmänner anzustellen. "Das waren die ersten Bow Street Runners", so Pipe: "Davor schlüpften einfache Zivilisten in die Rolle von Aufsehern." Die wurden "Charlies" genannt und schritten, wenig geachtet, durch die Abend- und Nachtstunden: "bewaffnet" mit einer Glocke, einer Laterne und einem Stecken. Sie waren oft Kriminelle, die es verstanden, mit dieser eigentlich unbezahlten Arbeit doch etwas Schmattes einzustreifen: Die Halbweltler erpressten ihre Kollegen mit ihnen bekannten Schlupfwinkeln, Schleichwegen und Methoden. Fielding war sich der Korruption und sozialen Probleme Europas damals größter Stadt mit ihren 700.000 Einwohnern bewusst.

Um 1750 kümmerten sich sechs Bow Street Runners um die ambitionierten Aufgaben, bis 1800 wuchs ihre Zahl auf 68. Sie galten als Elite im Kriminalwesen, und wer herausfordernde Fälle hatte, versuchte, die Bow Street Runners zu engagieren. "Fielding war, anders als die typischen Gerichtsbeamten, ein feinfühliger Mensch", sagt Pipe: "Er verstand die desaströsen Verhältnisse." Wurde ein armer Schlucker wegen einer verhältnismäßigen Bagatelle auf die Anklagebank gesetzt und konnte nicht zweifelsfrei überführt werden, so entschied sich Fielding für den Angeklagten.

Nachdem sich die Bow Street Runners mehr als 80 Jahre zur Vorzeigetruppe hochgearbeitet hatten, wurde 1839 der "Metropolitan Police Act" besiegelt, mit dem Ziel, die verschiedenen Polizeieinheiten Londons zu vereinheitlichen. Die Bow Street Runners galten als Vorbild, "sagten aber: ‚Nein danke!‘", lacht Pipe. Sie wurden dennoch eingegliedert, verloren ihre Unabhängigkeit und gehörten ab nun zur Met Police. Das gallische Dorf musste sich beugen.

Gummiwürstchen für Frauen

All das geschah zwar in der Bow Street, aber in anderen Gebäuden der nur 200 Meter langen Straße, wo die Polizei ab Mitte des 18. Jahrhunderts verschiedene Adressen belegte, darunter ehemalige Pubs. Das 1881 erbaute Haus, in dem heute das vom Hotel ummantelte Museum liegt, war das erste zweckmäßig geschaffene. Pipe geht in eine der Zellen, dreht sich einmal im Kreis und sagt: "Das fühlt sich an wie eine Einzelzelle, aber in einer ausgelasteten Nacht waren hier auch drei, vier Männer untergebracht."

In der nächsten Kabine läuft ein Video, in dem ehemalige Polizisten "von früher" erzählen: Darunter Norwell Roberts, der ab 1967 als erster Schwarzer der Met Police diente. Oft fühlte er sich von den umliegenden Marktstandlern eher akzeptiert als von seinen Kollegen.

Auch Lee-Jane Yates hat einen Auftritt: Sie begann ihren Dienst hier 1981 als erste weibliche chinesische Beamtin der Met Police - strategisch in der Nähe zur Chinatown stationiert. Zwar wurden Frauen seit dem Ersten Weltkrieg in der Londoner Polizei aufgenommen, aber sie hatten nicht denselben Status wie ihre männlichen Kollegen: Die Uniformen waren eher auf Eleganz denn auf Funktionalität getrimmt. Während die Männer einen Helm trugen, bekamen die Frauen ein schickes Stoffhäubchen, und ihre Gummiwurst war deutlich kleiner als die der männlichen Mehrheit: "Die Knüppel mussten in die Handtäschchen passen und waren vollkommen sinnlos", sagt Pipe kopfschüttelnd: "Eine Polizistin erzählte uns, wenn sie wirklich einmal den Schlagstock brauchte, hat sie direkt mit der Handtasche zugeschlagen."

Von Pinochet bis LGBTQ+

Der Gang durchs Museum zeigt gesellschaftliche Paradigmenwechsel im Zeitraffer. Auch Weltautoren fanden sich hier ein: Charles Dickens besuchte regelmäßig Gerichtsverhandlungen als Reporter, während Oscar Wilde 1895 homosexuelles Handeln vorgeworfen wurde - damals streng verboten. Der Dandy wurde zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer Zwangsarbeit verdonnert.

1908 hatten sich federführende Suffragetten wie Emmeline Pankhurst und ihre Tochter Christabel auf der Anklagebank zu verteidigen. Sie bekamen drei Monate Haft. 1968 wurden die Londoner Gangster "Kray Twins" wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt; und im selben Jahr wurde vom hiesigen Gericht die Auslieferung in die USA von James Earl Ray veranlasst, dem Mörder von Martin Luther King. "Ähnlich war es mit Augusto Pinochet", sagt Pipe: "Er war zwar nie in diesem Gebäude, aber aufgrund seiner historischen Bedeutung bekam die Bow Street den delikaten Auslieferungsprozess zugeteilt."

Bis zu ihrem Ende sorgte die Bow Street für Schlagzeilen, auch Pete Doherty wurde einmal hierhergebracht: zu einer Verhandlung, nicht in die Ausnüchterungszelle. Die ist allerdings im Museum erhalten, und ehemalige Polizisten erinnern sich an die von ihnen "The Tank" genannte Zelle vor allem wegen des beißenden Aromas: Kein Wunder, wurden hier betrunkene Querulanten im zweistelligen Bereich festgehalten. "Den ‚Tank‘ halten wir spartanisch, weil wir ihn für Installationen und temporäre Ausstellungen nutzen möchten", sagt Pipe, die ein historisches Museum mit einem lebendigen Flügel entwickelt: "Wir organisieren zahlreiche Veranstaltungen, etwa ‚Walking Tours‘, die sich die Bow Street in Bezug auf die LGBTQ+-Community und Entwicklungen in der Gesetzgebung anschauen."

Ein weiteres Forschungsprojekt, das dem Haus am Herzen liegt, ist die reziproke Wirkung zwischen Gesellschaftsentwicklung und Rechtssystem. Es gibt also viel zu tun.