Die Eisheiligen müssen sich kalt anziehen, heuer!

Der Mamertus, von dem es heißt: "Mamerz / hat ein kaltes Herz", kommt heute im Poloshirt.

Der Pankratius hat die Badehose herausgelegt für den Donnerstag.

Der Servatius zieht am Freitag die kurze Hose an. "Pankraz und Servaz sind zwei böse Brüder / was der Frühling gebracht, zerstören sie wieder"? - Offenbar sind die beiden in sich gegangen.

Der Bonifatius, von dem man sagte: "Der Bonifazi ist ein frostiger Bazi", schaut sich in den Spiegel, ob er am Samstag mit nacktem Oberkörper gute Figur macht beim Beachvolleyball.

Und die Sophie, die kalte Sopherl, von der man weiß: "Vor Nachtfrost du nie sicher bist, / bis Sophie vorüber ist", die also legt schon den Bikini heraus für den Sonntag auf dem Gänsehäufel.

Erfahrung macht Regeln

Anders gesagt: Es ist unziemlich heiß, dieser Tage der Eisheiligen. Die ganzen schönen alten Bauernregeln macht der Klimawandel zunichte. Kein Schad’ drum, waren sowieso alle nur Mumpitz? - Nicht unbedingt.

Nur bedarf es des feinen Unterscheidens (wo nicht?). Natürlich haben einige Bauernregeln und Wettersprüche einen Ja-eh-Gehalt; aber es gibt eben auch andere.

Die einen klingen in etwa so: "Ein heiterer März erfreut des Bauern Herz", oder: "Lacht die Sonne, eitel Wonne", oder: "Erste Lieb’ und der Mai, gehen selten ohne Frost vorbei". Dergleichen kann man flugs selber reimen: "Gewittert’s im Mai, / ist der April vorbei", oder: "Kriechen Schnecken im Gras / ist’s warm und nass", oder: "Reicher Erntesegen / kommt dem Bauern gelegen."

Doch da sind eben auch die anderen bäuerlichen Wetterregeln, diejenigen, die durchaus einen Inhalt vermitteln. In immer stärker urbanisierten Zeiten, in denen die eine Hälfte der Kinder glaubt, die Chicken Nuggets wachsen in der Billa-Tiefkühltruhe, und die andere, das Brot kommt aus dem Spar-Backshop, kennt man diese Regeln nicht mehr - und wenn man sie kennt, macht man sich lustig über sie. Was wollen denn schon die Bauern von Anno dazumal gewusst haben? Heute gibt’s Wettersatelliten, die ganz genau prognostizieren, wie viel Tropfen Regen am Donnerstag zwischen 14:17 Uhr und 15:11 Uhr in der Wiener Brigittenau fallen werden.

Aber schon einmal darüber nachgedacht, wie Regeln zu Regeln werden? Vielleicht durch Naturbeobachtung? Und könnte dann doch was dran sein, selbst an so simplen wie "der April / macht, was er will", die das wechselhafte Wetter am Übergang zum Sommer beschreibt?

Bauern sind näher dran an der Natur als Städter. Das muss so sein. Ein Friseur, eine Raumfahrttechnikerin, ein Lehrer, eine Installateurin (und, ja: auch ein Journalist) holt ja wirklich seinen Tagesbedarf an Gemüse, Obst, Fleisch, Wurst, Käse und Brot in den entsprechenden Läden. Ihnen ist es egal, auf welche Weise die Produkte zustande kommen, Hauptsache, man findet sie im Regal.

Der Bauer hingegen ist vom Wetter abhängig - und das heute ebenso wie vor hundert, zweihundert und mehr Jahren, Jahrhunderten, Jahrtausenden. Alle moderne Bewässerungstechnik und Düngemittelchemie mindert diese Abhängigkeit, hebt sie aber nicht auf.

In der Vor-Wettersatelliten-Ära war der Bauer auf Naturbeobachtungen angewiesen. Die bäuerlichen Wetterregeln waren Hilfsmittel, um Vorhersagen für Wachstum und Ernte zu treffen, um zu wissen, was unter welchen Umständen zu befürchten oder zu erwarten ist, etwa: "Juniregen - reichster Segen", oder: "Wenn gedeihen soll der Wein, / muss der Juli trocken sein", oder: "Juliregen / nimmt den Erntesegen."

Regionale Regeln

Naturgemäß sind diese Regeln auf mehr oder minder eng begrenzte Regionen bezogen. "Maientau / macht grüne Au" wäre etwa in Hammerfest so unsinnig wie in Dubai.

Bezieht man freilich die geografischen Gegebenheiten ein, dann erweist sich, dass die Altvorderen das Wetter recht gut in ihren Spruchweisheiten abgebildet haben. Die Trefferquoten liegen zwischen 60 und 70 Prozent. Die sogenannte Schafskälte, die zwischen 4. und 20. Juni eintreten kann, zumeist auf die Tage um den 11. Juni fällt und ihren Namen von den zu diesem Zeitpunkt bereits geschorenen Schafen hat, ist sogar meteorologisch nachgewiesen: Im beobachteten Zeitraum von 1921 bis 1990 trat sie zu 73 Prozent ein.

Seither allerdings frieren die Schafe immer seltener. Auch andere alte Wetterregeln liegen zunehmend daneben. Liegt das an den Regeln, die eben doch nur laienhaften Beobachtungen ohne wissenschaftliches Fundament entspringen? Oder könnte es am Klima liegen, das sich wandelt? Man braucht nicht lange herumzureden und muss wahrhaftig ein Hardcore-Konsument von YouTube-Verschwörungstheoretiker-Videos sein, wenn man es leugnet: Das Klima hat was. Es stimmt etwas nicht mehr mit ihm.

Ginge es einem Menschen so wie dem Klima, würde er sich schleunigst zu einem Arzt begeben und sich durchuntersuchen lassen. Die Schere zwischen den alten Wetterregeln und dem tatsächlichen Wetter öffnet sich immer weiter - auch dann, wenn man das kühle Wirken der "Eisheiligen" um neun Tage auf den Zeitraum um den 21. Mai verlegt und die Schafskälte auf irgendeinen kühleren Juni-Tag - falls sich einer ergibt.

Störenfried Klimawandel

Die Wettermuster sind längst durcheinandergeraten. Es wird nicht einfach nur wärmer, sondern die Wetterphänomene werden extremer. Vielleicht bedarf es angesichts des Klimawandels neuer Bauernregeln: "Kommt im Juni der Zyklon, / ist der Weizen in der Scheuer schon", oder: "Nimmt der Regen am 1. Jänner seinen Anlauf, / hört er drei Monate nimmer auf", oder: "Läufst Du im Februar ohne Socken, / bleibt‘s bis Mai staubtrocken". Damit solche neuen Wetterphänomene freilich nicht regelbildende Funktion bekommen, bedarf es eines unverzüglichen Umdenkens, zu dem jeder Einzelne seinen Beitrag leisten kann.

Und die Sophie, die kalte Sopherl, die nimmt nicht einmal den gerade gekauften Bikini mit, die geht nämlich baden in die Dechantlacke.

Die Winterjacken brauchen wir dann vielleicht wieder im August.