Das ist doch watscheneinfach, das Vieh zu buchstabieren: Anton - Nordpol - Anton - Siegfried - Paula - Ludwig - Anton - Theodor - Ypsilon - Richard - Heinrich - Ypsilon - Nordpol - Cäsar - Heinrich - Otto - Siegfried. Alles tulli?

Nö, die Chose geht ganz anders: Aachen - Nürnberg - Aachen - Salzwedel - Potsdam - Leipzig - Aachen - Tübingen - Ypsilon - Regensburg - Hannover - Ypsilon - Nürnberg - Cottbus - Hannover - Oldenburg - Salzwedel.

Das klingt wie der DB-Fahrplan, wenn die DB einmal fährt.

Und das Andere wie ein Lehrer, der in der Volksschule die Anwesenheitsliste vorliest.

Nicht einmal beim Buchstabieren lassen die beiden weltunterschiedlichsten Sprachen aller Zeiten, also österreichisches Deutsch und deutsches Deutsch, ansatzweise Gemeinsamkeiten erkennen.

Oder doch: Das Ypsilon rettet den sprachlichen Nachbarschaftsfrieden. Ausgerechnet das Ypsilon.

Das muss ihm erst einmal einer nachmachen, dem Ypsilon!

Ja, das Buchstabieren: Über dem großen Teich drüben, wo man Marshmallows grillt und die Baseballregeln versteht, gibt es regelrechte Buchstabierwettbewerbe. Am Ende führt man die auch nordwestlich der Alpenrepublik noch ein. Man kann die politische Korrektheit in allen Kleinigkeiten schließlich nicht früh genug verankern.

Doch es gibt einen ernsten Hintergrund dafür, dass Deutschland via DIN 5009 die Buchstabiertafel im Jahr 2022 neu gestaltet hat. Schon 2016 war Matthias Heine in einem Artikel in der "Welt" aufgefallen: "Wir buchstabieren immer noch wie die Nazis".

1934 hatten die Nationalsozialisten in ihrem antisemitischen Furor das Buchstabieren arisiert. Jetzt hieß es Dora statt David, Jot statt Jakob, Nordpol statt Nathan, Siegfried statt Samuel und Zeppelin statt Zacharias. Zwangsläufig wurde das ebenso in der nachmaligen kurzzeitigen Ostmark zur Norm. Und weil sich‘s eingebürgert hat wie Kirchensteuer- und Tierschutzgesetz, hat nachher keiner mehr daran gerüttelt.

Konrad mit C wie Cäsar

Gerade einmal das zackige Jot hat Österreich zum Julius besänftigt: Meinl-Kaffee ist besser als Marschieren. Außerdem ist aus dem deutschen Kaufmann ein österreichischer Konrad geworden. Konrad mit K wie Konrad, nicht mit C wie Cäsar wie der Heinz Conrads oder der Conrad, wie man den Treibsatz des Ersten Weltkriegs, den Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf, ganz offiziell genannt hat. Deshalb buchstabiert der Österreicher oft: Konrad mit K wie Karl. (Und dass beim Karl ja keiner an den Schöpfer der "Carmina burana" denkt, an den Orff, Vorname Carl mit C wie Cäsar.)

Nun hätte man in Deutschland auf die alte vornazistische Buchstabiertafel zurückgreifen und David, Jakob, Nathan, Samuel und Zacharias wieder in ihre Rechte einsetzen können. Recht und billig wäre das gewesen. Aber zu billig für das Deutsche Institut für Normung e.V. Irgendwie muss man Pep hineinbringen, wenn man wieder einmal Anton - Nordpol - Anton - Siegfried - Paula - Ludwig - Anton - Theodor - Ypsilon - Richard - Heinrich - Ypsilon - Nordpol - Cäsar - Heinrich - Otto - Siegfried buchstabieren will. Vornamen? - Öde wie ein Telefonbuch! Obendrein ist Change per se beautiful.

Zumal man politisch korrekt sein muss: Man stelle sich den woken Aufschrei vor, entspräche das Verhältnis der Namen nicht der Zusammensetzung der deutschen Gesellschaft mit all ihren türkischen, arabischen, italienischen und am Ende gar österreichischen Einwanderern. Was soll man da tun? Sch wie Schorsch? S wie Sissi? (Vorsicht: Die war aus Bayern! Doch lieber R wie Rosi?)

Dann die Idee, eines Salomo (mit S wie Samuel) würdig: An Städtenamen kann keiner was politisch unkorrekt finden. Mit Städtenamen kann man die Buchstabiertafel endgültig entnazifizieren.

Und man muss wirklich ein Spielverderber sein, wenn man anmerkt, dass L-eipzig ab 20. Dezember 1937 die "Reichsmessestadt", M-ünchen ab 8. August 1935 die "Hauptstadt der Bewegung" und N-ürnberg ab 7. Juli 1936 die "Stadt der Reichsparteitage" war. Und B-erlin. . . - ja, eh. Aber Hauptstadt bleibt Hauptstadt. B wie Bonn - das hätte Charme gehabt.

Auch Stuttgart wurde in letzter Minute gegen Salzwedel nicht etwa ausgetauscht, weil Stuttgart ab 11. September 1936 die "Stadt der Auslandsdeutschen" war, sondern weil Stuttgart Schtuttgart gesprochen wird und man am Ende buchstabieren müsste: Mit S wie Schtuttgart, Schtuttgart mit S wie Salzwedel. Sonst käme am Ende noch jemand auf die Idee, Schtaarbrücken zu schreiben, wegen Schtuttgart.

Nur das Ypsilon, das in Augsburg - Nürnberg - Augsburg - Stuttgart - Potsdam - Leipzig - Augsburg - Tübingen - Ypsilon - Regensburg - Hannover - Ypsilon - Nürnberg - Cottbus - Hannover - Oldenburg - Stuttgart doppelt vorkommt und das buchstäbliche Bindeglied zwischen Deutschland und Österreich darstellt, das Ypsilon ließ die Köpfe rauchen. Wer kennt denn schon Yorckgebiet oder Yach? Zumal das nur Stadtteile sind, Yorckgebiet von Chemnitz, Yach von Elzach.

Ypsilon mit Ypsilon wie Ybbs

Als stets kommunikativer Österreicher hätte man natürlich jederzeit mit Ybbs an der Donau ausgeholfen. Zumal wir hierzulande ja auch international buchstabieren und Z wie Zürich sagen, obwohl wir Zwölfaxing, Zell und Zirl haben.

An eine neue österreichische Norm ist nicht gedacht. 2019 ist sie ausgelaufen. Jetzt buchstabiert jeder auch ganz offiziell, wie er mag. Warum nicht mit Maya-Gottheiten buchstabieren. Eben! Zitrone mit Z wie Zacuuayayab. Schade eigentlich. Man könnte ja schöngeistig die Namen österreichischer Künstler verwenden: B wie Beethoven. (Die haben uns einmal den Mozart geklaut, Rache ist süß). Blumen (M wie Mückenhändelwurz) und Berge (Q wie Querkogel) wären gleichfalls eine Möglichkeit.

Hauptsache bleibt freilich, dass man vor lauter Buchstaben noch die Wörter sieht. E-n-t-e ist Ente. Watscheleinfach! - Es sei denn man will griechisch prunken mit Anton - Nordpol - Anton - Siegfried - Paula - Ludwig - Anton - Theodor - Ypsilon - Richard - Heinrich - Ypsilon - Nordpol - Cäsar - Heinrich - Otto - Siegfried.

Wozu man die ganze Buchstabiererei überhaupt braucht? Man frage einen Menschen namens Meier . . .


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