Da ist kein "Hoppla, ich wäre fast geflogen" mehr. Zumindest kein Stolpern, das auf ein Lächeln und dem dadurch ausgelösten Verdrehen des Kopfes folgt. Denn da ist zwar vielleicht noch ein Moment des Entflammens zwischen Menschen, die aneinander vorbeigleiten. Die einen auf dem Weg nach unten, die anderen auf dem Weg nach oben in der U-Bahn, im Kaufhaus, im Flughafen. Aber dieser flüchtige Flirt, der die Rolltreppe zum romantischen Ort machen kann, versteckt sich hinter einer Maske. Einer Maske, die uns seit zwei Jahren nicht nur vor einem gefährlichen Virus, sondern auch vor unerwartetem Herzklopfen schützt. Die Romantik der Rolltreppe ist verflogen.

An romantisches Herzklopfen haben Jesse W. Reno und George A. Wheeler vermutlich nicht gedacht, als sie vor 130 Jahren Rolltreppen-Geschichte schrieben. Reno war der Erste, der einen wesentlichen Beitrag dazu leistete, dass Menschen nicht mehr Treppen steigen mussten, sondern ein Gefühl bekamen, das dem Schweben nahekam. Am 15. März 1892 erhielt er ein US-Patent für eine Art Förderband aus Holzplatten. Das war noch keine echte Rolltreppe, aber schon nahe dran. US479864A gilt heute als die Ur-Rolltreppe. Unter dieser Nummer hat die US-Behörde am 2. August 1892 den "Elevator", also den Aufzug von George A. Wheeler patentiert. Auf der Zeichnung, die er Anfang März in New York eingereicht hatte, sind keilförmige Stufen zu sehen, die in der Art eines Förderbands geführt werden.

Schwebend nach oben: Rolltreppen haben Magie, besonders hier im Illum-Kaufhaus in Kopenhagen. - © picturedesk / Picture Press / Kaleidoskop
Schwebend nach oben: Rolltreppen haben Magie, besonders hier im Illum-Kaufhaus in Kopenhagen. - © picturedesk / Picture Press / Kaleidoskop

Was vor 130 Jahren noch abenteuerlich klang, ist heute längst eine Selbstverständlichkeit. Abenteuerlich wird es für viele Menschen heute erst, wenn diese Selbstverständlichkeit ausfällt. Bei den Wiener Linien gehört die mehr oder weniger freundlich gestellte Frage, was denn nun mit dieser oder jener defekten Rolltreppe sei, zu den häufigsten Kundenanliegen. Dass es da öfter Anlass zur Nachfrage gibt, hängt vor allem damit zusammen, dass die Wiener Linien viele Rolltreppen haben. Zurzeit sind es 344.

6.117.696 Kilometer pro Jahr

Und die leisten einiges. In einem Jahr ist eine Fahrtreppe, so lautet die fachlich korrekte Bezeichnung für die Rolltreppe, "theoretisch circa 7.600 Stunden in Betrieb", sagt Lisa Schmid von den Wiener Linien. 6.117.696 Kilometer fahren die 344 Fahrtreppen also jedes Jahr, also etwas mehr als 150 Mal um die Welt. "Dies sind aber sehr theoretische Werte ohne jegliche Störungen, Wartungen, Reparaturzeiten", betont Lisa Schmid. 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich an 365 Tagen im Jahr um die Reparaturen und um den Störungsdienst dieser Rolltreppen. "Sie sorgen dafür, dass eine Rolltreppe nach durchschnittlich 25 Jahren Betrieb circa 445.000 Kilometer zurückgelegt hat und Millionen Fahrgäste sicher und bequem befördert wurden", sagt Lisa Schmid. Etwa 10.000 Euro kostet die Vollwartung einer Rolltreppe im Jahr. "In diesem Betrag sind sämtlichen Störungsbehebungen, Reparaturarbeiten und Materialkosten inkludiert", erklärt Lisa Schmid.

Das Dahingleiten ist manchem allerdings viel zu langsam. Deshalb stehen die Eiligen nicht auf der Rolltreppe, sondern gehen darauf nach oben oder unten. Damit das reibungslos funktioniert, gibt es eine Regel: Rechts stehen, links gehen. So wurde die Rolltreppe vom Fortbewegungsmittel zum Forschungsgegenstand. Die sozialwissenschaftliche Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München hat vor neun Jahren Rolltreppen für eine "empirische Untersuchungen zur Durchsetzung sozialer Normen im Alltag" genutzt.

In dem Experiment wurden Passanten, die Rolltreppen hoch- oder runtereilen, "bewusst behindert", wie die Uni erklärt. Dabei wurden deren Reaktionen beobachtet und dokumentiert. Was die Forscher unter anderem interessierte: Spielt das Geschlecht oder die Kleidung der "Normverletzenden", also derer, die links im Weg standen, eine Rolle dabei, wie die von ihnen im Vorbeieilen behinderten Passanten reagierten?

"Im Ergebnis zeigt sich, dass beide Faktoren Einfluss haben", heißt es im Bericht der Fakultät. Elegante Kleidung sorgt dafür, dass man als Störfaktor weniger oft und weniger heftig angegangenen wird. Frauen werden "schneller sowie verbal häufiger und stärker" auf ihr Fehlverhalten hingewiesen. Bei Männern kann es dagegen auch schon einmal zu stärkeren Rempeleien kommen, hat das bayerische Experiment gezeigt.

Sozialwissenschafter sind nicht die einzigen Forscher, die Rolltreppen interessant finden. Auch für Historiker sind sie ein spannendes Objekt. Aus deren Sicht fing alles mit dem Seil an. "Das Seil, eine grundlegende Notwendigkeit für die Aufzugindustrie, wurde von den frühen Menschen verwendet, um Flüsse oder Schluchten zu überqueren", erklären die US-Wissenschafter, die online das Elevator Museum betreiben und sich dort mit der Rolltreppe als speziellem Aufzug beschäftigen.

Die Aufzugindustrie habe sich jedoch hauptsächlich mit dem vertikalen Heben von Materialien und dann später auch von Personen beschäftigt. "Die Philosophie änderte sich, als es notwendig wurde, Menschenmengen über eine kurze Strecke zu unterirdischen oder erhöhten Bahnhöfen zu bringen", beschreiben sie den Beginn der Rolltreppen-Geschichte.

Beförderung und Geld

Es ging um reibungslose Beförderung von Menschen - und um Geld. Deshalb "waren Ingenieure und Hersteller motiviert, sichere und effiziente Geräte zu entwickeln, die kontinuierlich, Stunde für Stunde, Passagiere befördern würden, ganz anders als die schnelleren vertikalen Aufzüge, die Passagiere in relativ kleinen Chargen beförderten", erklärt das Museum.

Der in England erfundene Paternoster war zwar durch seine kontinuierliche Bewegung auch recht effektiv. "Ein auf die Seite gelegter
Aufzug", wie erste Rolltreppen beschrieben wurden, war allerdings noch besser geeignet, "Millionen von Europäern schnell und kostengünstig" noch unten und nach oben zu befördern.

Während für die amerikanischen Rolltreppen-Pioniere der Traum von der effektiven Bewegung der Massen in Erfüllung ging, hat sich die Rolltreppe ihrerseits in die Träume vieler Menschen bewegt. Wer im Schlaf auf einer defekten Rolltreppe steht oder auf einer nach unten fährt, der macht sich Sorgen um seine berufliche Entwicklung, sagen Traumdeuter. Die auch in ihrem Unterbewusstsein Selbstsicheren fahren nachts auf der Rolltreppe nach oben. Wer mit 0,65 Meter pro Sekunde, in dieser Geschwindigkeit ist man auf einer Rolltreppe der Wiener Linien unterwegs, dahingleitet, kann aber auch tagsüber ins Träumen kommen.

Echten Romantikern reicht vielleicht auch ein Blickkontakt, um das Knistern zu spüren, das der deutsche Liedermacher Achim Reichelt mit "Mein Herz schrie Feuer auf der Rolltreppe im Kaufhaus, du nach unten, ich nach oben, hoppla, ich wäre fast geflogen" beschreibt. Und irgendwann fallen dann auch die Masken, und sie hat wieder alle Chancen der Welt: die Romantik der Rolltreppe.