Eigentlich hätte am Beginn dieses Artikels eine Warnung stehen sollen, man möge sich nicht von der Homepage des Novelty Automation Museums abschrecken lassen. Nach einer ausgiebigen Visite scheint nur das Gegenteil mehr möglich und man hat genau deswegen die Sammlung zu besuchen, weil ihre Webpräsenz alles hält, was sie verspricht: Eine abgedrehte Spielhalle, die man nicht für möglich gehalten hätte.

Geschaffen hat dieses Außenseiteruniversum der Allrounder Tim Hunkin. Mit britischem Humor, technischem Know-how und subversiver Leidenschaft konstruiert der schmächtige 1950er-Jahrgang bis heute seine Geräte in Handarbeit, andere gehen weiter zurück als seine eigene Lebenszeit. Wenn er sich an meist verschollene, über 100 Jahre alte Maschinen erinnert, funkeln seine Augen: Da werden Elektroschocks durch Körper gejagt, Spielzeugautos in Schrottpressen zerquetscht, einer Stripperin ihre letzten Fetzen vom Körper geschossen. Ein anderer Automat aus den 1940er Jahren, an den er gerne zurückdenkt, heißt selbsterklärend "Smash Hitler". Hunkin berichtet aus einer anderen Zeit. Ab 1976 schuf er hunderte aufblasbare, fliegende Schweine und Schafe für Pink Floyds Amerikatour, auf der sie ihr Album "Animals" bewarben. "Ich habe für sie Pyrotechniken entworfen, die mitten am Firmament explodieren und dann zwei Meter lange Schweine und Schafe aus Seidenpapier fallenlassen, die sich im Flug mit Luft füllen." Oft ist das leider nicht passiert. Die meisten Städte schoben Hunkins explosiven Himmelsfantasien den Riegel vor.

Blinkende Schilder

Seit 2015 stehen ausgewählte Exemplare mit teils riskantem Mehrwert in seinem Museum in Holborn, London. Schon von außen deuten blinkend rotierende Schilder auf das Haus aus dem 17. Jahrhundert, in das man am besten zu zweit kommt: Immerhin gibt es auch einen am Spielautomaten inszenierten Scheidungskrieg. Eintritt zahlt man keinen, man ersteht einen mit Tokens gefüllten Kübel gewünschter Größe und spielt sich durch das kleine, aber überbordende Museum.

Eine Mutprobe: "Test Your Nerve" mit sabbernden Kampfhund. 
- © Charlotte Maconochie

Eine Mutprobe: "Test Your Nerve" mit sabbernden Kampfhund.

- © Charlotte Maconochie

Hunkin schraubt gerade an "Barry’s Love Line" herum, einem roten Telefonapparat, aus dem eine Brummbärenstimme, die direkt von Barry White stammen könnte, romantische Ratschläge gibt. "Die meisten Stimmen haben meine Frau und ich selbst eingesprochen", offenbart der verschmitzte Hausherr, der schon als Teenager an Samstagen in Spielhallen ausgeholfen hat. "Ich habe nie gedacht, dass das zu irgendwas führen könnte", fügt er schulterzuckend hinzu: "Beliebte Automaten waren damals ‚The Drunk in the Graveyard‘, ‚The Haunted House‘, und speziell Exekutionen: Aufhängen, Guillotine, elektrischer Stuhl – fantastisch!"

Die guten alten Zeiten

Dass es so einen abstrusen Ort im Herzen Londons gibt, wo ansonsten jeder Quadratzentimeter effizient durchkalkuliert ist, grenzt an ein Wunder. Als langdienender Spitzbub hat sich Hunkin mit den Hausbesitzern gut einigen können. Eines seiner dezidierten Ziele ist es, hier einen Kontrapunkt zur gnadenlosen Kommerzialisierung zu setzen – und zu übertriebener Political Correctness, die zwar eigentlich aus dem links-intellektuellen Milieu kommt, sich aber immer wieder in ihr Gegenteil verkehrt. "Ich grenze niemanden aus, ich verscheißere alle! So kann sich niemand beschweren", sagt Hunkin lachend: "Der Vorteil, wenn man in so einer kleinen Nische wie ich arbeitet: Man kommt damit durch." Frei nach dem einstigen US-Präsidenten Harry S. Truman: "If you can’t convince them, confuse them."

Auf einem Käfigautomaten steht "Test Your Nerve", hinter den Stäben bleckt ein Kampfhund seine Zähne. Die Mutprobe besteht darin, die eigene Hand möglichst lange ins Gitter zu halten. Doch der Hund knurrt immer grantiger, sabbert zusehends auf die Hand. Was sich ankündigt: kein schöner Tod. Erwachsene kommen nicht ohne Schrecken davon, "aber bei Kindern sieht es lustigerweise anders aus", sagt Hunkin: "Die eine Hälfte fürchtet sich schon von Weitem, die andere findet den Hund lustig und ist ganz verliebt."

Bei einem anderen Gerät im Kuriositätenkabinett fliegt man mit Drohnen in eine Celebrity-Villa, um einschlägige Paparazzi-Fotos von Madonna, George Clooney oder Tony Blair zu schießen. Auch einem gewissen Boris begegnet man in eher misslicher Lage, und die "Instant Eclipse" ist nichts für all diejenigen, denen schon ein Dixie-Klo eng vorkommt. Es folgt ein Nuklearkraftwerk, das man selbst steuert und bei dem man am Schluss den gustierlichen Atomabfall mitnehmen darf; eine Traumsimulation, bei der Sigmund Freud lange Augen kriegt; ein privater Sicherheitscheck, der auch den Schritt nicht auslässt; eine Apparatur zur Schlankheitskur mit sofortiger Wirkung: alles Marke Eigenbau, und wenn die Schrauben locker sitzen, legt der Chef persönlich Hand an. Wer sonst würde sich damit auskennen? Bei manchen Spielkästen bezieht sich der Gelehrte seines Faches auf alte Prototypen, etwa bei jenem, wo man Zombies ausweichen muss: "Das geht auf die amerikanischen ‚Black Light Machines‘ aus den 1960ern zurück, die mit Venezianischen Spiegeln arbeiteten", erklärt Hunkin: "Als ob sie Videospiele gewollt hätten, bevor die Technik soweit war."

Tim Hunkins in seinem Automatenmuseum. 
- © Charlotte Maconochie

Tim Hunkins in seinem Automatenmuseum.

- © Charlotte Maconochie

Seine Automaten sind eine Mischung aus detailliertem Modellbau und hinterfotziger Ausführung. Wenn das Korsett des guten Geschmacks und der Ernsthaftigkeit zu eng wird, dann wird es dem in Cambridge studierten Ingenieur zu blöd und er rächt sich mit ansteckendem Humor. Durch das Museum dringt lautes Lachen, man sieht kreischende Erwachsene und Kinder mit großen Augen. "Ich habe mein Glück erst langsam erkannt, als ich meine Sammlung öffentlich gemacht habe", sagt der unprätentiöse Hunkin: "Wenn du etwas machst, das sonst keiner macht, gibt es keine Bürokratie. Wer soll das hier inspizieren?! Dazu gibt es niemanden, und das ist ein wichtiger Punkt."

Kontrollierte Anarchie

Durchs Novelty Automation Museum strömen furchtlose Fantasie und anarchistischer Humor, die durch Jahrzehnte gegangen sind, aber nach wie vor funktionieren. Die BBC hat in den letzten 100 Jahren gute Erziehung für die Allgemeinheit geleistet: "Monty Python", "The Young Ones", "Bottom", "The Two Ronnies", "Fawlty Towers" – um nur einige wenige große Lehrmeister zu nennen. Hunkin allerdings war für einen anderen Fernsehsender tätig: Auf Channel 4 hatte er ab Ende der 1980er seine eigene Serie, "The Secret Life of Machines", in der er handelsübliche Haushaltsgeräte unkonventionell zerlegte und erklärte. Dass es dabei öfter "Rumps!" machte, gehörte zur Kür: Fernsehtürme brannten, Staubsauger flogen mit Raketenantrieb durch die Luft. Daneben verfasste Hunkin Kolumnen und Bücher, in denen er etwa Anleitungen gibt, wie man einen Apfel als Orange verkauft.

Der Museumsdirektor bereitet auch Erwachsenen schwache Momente, die Spielhöllenkoryphäe weiß aus eigener Erfahrung: Wer früher die Möglichkeit hatte, besuchte statt der Schule lieber Automatenwelten. Mit Klassikern wie "Pacman", "Space Invaders", und dem mit viel Liebe als Tennis begriffenen Archetyp "Pong", der bereits ab 1972 den eher gemütlichen Sportlertyp anlockte, wurde die goldene Ära eröffnet, die bis in die 1980er bestehen sollte. Der Wechsel zur Farbdarstellung wurde meisterlich vollzogen, die Grafiken immer ausgefeilter, irgendwann begannen sich die Automaten zu rütteln, bis man plötzlich auf Rennmaschinen saß und sich in die Kurve legen konnte.

"Instant Eclipse" ist nichts für all diejenigen, denen schon ein Dixie-Klo eng vorkommt. 
- © Charlotte Maconochie

"Instant Eclipse" ist nichts für all diejenigen, denen schon ein Dixie-Klo eng vorkommt.

- © Charlotte Maconochie

Diese halbstarken Sündenpfuhle gehörten, wenn schon nicht zum regelmäßigen Fixum, dann in unseren Breiten zumindest zum jährlichen Jesolo-Urlaub. Bei anziehender Wirkung surrealer Klanglandschaften und dem Sog wild durcheinanderblinkender Lichter saßen die 500-Lire-Münzen locker. So locker, wie es die Eltern eben zuließen: ein harmloses Vergnügen, bis auf die Abschiedstränen, die sich in einem überdimensionierten Granita-Becher mit radioaktiver Farbkraft auflösten. Fundamentaler als die Urlaubstränen sind die existenziellen hinter jenen Spielautomaten, die gigantische Gewinne so greifbar nah wie eine Fata Morgana machen: Hier klopft oft schon beim Spielen der Exekutor von hinten auf die Schulter – was freilich erst recht dazu antreibt, den einarmigen Banditen zu füttern. Irgendwann muss man ja gewinnen. Oder so. Die vergleichsweise harmlosen Spielhallen sind bis auf wenige Ausnahmen ausgetrocknet, gezockt wird heute viel eher mit Konsolen und Virtual-Reality-Brillen in privaten Wohnzimmern. Was man in gegenwärtigen Vergnügungsparks noch findet sind Wahrsager, Liebestester, Kraftmesser. Die großen Fragen des Schicksals werden nie alt.

Mit dem Niedergang der Automatenhallen wurde das Cabaret Mechanical Theatre, das von 1984 bis 2000 in London stand, umso wichtiger – musste aber wegen steigender Mieten zusperren. Hunkin trägt diese Fackel mit seinem Novelty Automation Museum also bis heute weiter und sagt: "Sue Jackson, die Gründerin vom Cabaret Mechanical Theatre, schmiss wunderbare Parties und brachte uns komische Käuze zusammen, die sonst in ihrer Werkstatt alleine arbeiten", und meint damit Kollegen wie Peter Markey, Paul Spooner und Ron Fuller. "Das war mein Stamm. Und das ist er bis heute. Wir helfen uns noch immer gegenseitig."

Hunkin verschreibt sich einer speziellen Traditionspflege und wohnt schon seit Jahren am Land nahe dem Küstenstädtchen Southwood, wo er 2001 sein erstes Automatenmuseum aufzog: "Am frühen Morgen den Pier runterzuspazieren und an meinen Automaten rumzubasteln – besser ist es nie geworden." Doch wenn er in London ist, hat er Gelegenheit, sich seinem liebsten Großstadthobby zu widmen: Baustellenschauen. "Ich liebe Kräne und Bagger – ich könnte ihnen den ganzen Tag zuschauen." Und ab und zu liefern sie Inspiration, etwa beim Geldwäscheautomaten, wo man mit einem Kran das Schwarzgeld aus der City of London in Sicherheit bringen muss. Auch wenn er keine Erfolge am Finanzmarkt vorzuweisen hat, so genießt er dort wohl doch Respekt, meint Hunkin: "Einmal spielten sich Leute von der Finanzmarktaufsichtsbehörde durch das Museum und kamen hinterher zu mir, um zu sagen, dass bei mir die Geldwäsche viel schwieriger wäre als im echten Leben. Ich bin sehr stolz, den Markt besser zu regulieren als die Regierung."

Tim Hunkin also statt Boris Johnson? Der Museumsleiter lacht und schüttelt den Kopf. Da schaut er sich doch lieber Baustellen an.