Heute kann man sich das schwer vorstellen: Tagsüber gegen jene zu kämpfen, die man am Abend medizinisch behandelt", sagt Sarah Wilkinson, die Kuratorin des Londoner Museums of Saint John. Sie spricht damit ein grimmiges Kapitel jenes christlichen Ordens mit militärischem Arm an, der bei Kreuzzügen im Nahen Osten Pilgerhospitäler aufbaute. Der "Most Venerable Order of the Hospital of Saint John of Jerusalem" - so der volle Name des englischen Zweiges - ging aus dem katholischen Orden der Johanniter (ab dem 16. Jahrhundert genannt Malteser) hervor. "In ihrem Spital in Jerusalem kümmerten sie sich um jeden Menschen, der durch ihr Tor kam, ganz gleich welcher Religion oder Nationalität", so Wilkinson. Wie also geht das zusammen: mit einem Fuß im Hospital, dem anderen im Kriminal? "Gute Frage. Die schlüssigste Antwort ist vielleicht, dass das für sie die absolute Hingabe an Christus war. Sie sahen jeden Menschen als Repräsentation Gottes."

Jerusalem geht als heiliger Ort für Juden, Christen und Muslime seit jeher durch zahlreiche Konflikte. Ein nicht unwesentlicher davon waren die Kreuzzüge, 1095 von Papst Urban II. angeordnet. Vier Jahre später hatten christliche Krieger Jerusalem erobert und gründeten Kreuzfahrerstaaten. Gegen die muslimischen Nachbarn wurden weitere Kämpfe geführt, jedoch wenig erfolgreich: Das Königreich Jerusalem erlitt 1187 eine schwere Niederlage, und mit Akkon fiel im Jahre 1291 die letzte Festung der Kreuzritter.

Der englische Zweig

Die Gruft unter der Ordenskirche mit einem historischen Transportwagen. - © Clemens Marschall
Die Gruft unter der Ordenskirche mit einem historischen Transportwagen. - © Clemens Marschall

Die Johanniter zogen nach Zypern, später nach Rhodos, 1522 nach Malta: ein strategisch wichtiger Punkt zwischen Europa, Nordafrika und dem Osmanischen Reich. "Für die karge Insel hatten die Johanniter dem spanischen Kaiser den symbolischen Zins eines gefangenen Falken pro Jahr zu geben", so Wilkinson. Der Autor Dashiell Hammett machte daraus 1930 einen Krimiklassiker, in dem der "Malteser Falke" kein lebendiger, sondern ein mit Juwelen besetzter aus Gold ist. Sein Buch wurde mehrmals verfilmt, in der erfolgreichsten Version 1941 von John Huston mit Humphrey Bogart. Übrigens: Napoleon war die Jahrespacht eines Falken nicht genug und er vertrieb den Orden 1798.

In der Sammlung des Londoner Museums erfährt man anhand von historischen Exponaten wie einem Messbuch aus Rhodos, Rüstungen und pharmazeutischen Behältnissen sowie zeitgemäßen Videodarstellungen über die Geschichte des Ordens. Sie bleibt kompliziert - sagen auch jene, die im Museum arbeiten: Durch den Verlust des gemeinsamen Zentrums Malta wurde die Bewegung in alle Windrichtungen zerstreut. Im Fokus der Schau liegt die Entwicklung des gesamten Stammes, aber dennoch sei festgehalten, dass der Orden in England seinen Sitz im 1500 erbauten Johanniterkloster in Clerkenwell, London hat, in dem sich auch das Museum imposant zeigt. Direkt darüber im Saint John’s Gate ist eine festliche Halle mit Wappen und Emblemen der zentralen Gestalten an den Wänden. Unzählige Male sieht man das achteckige Ordenskreuz mit Einhörnern und Löwen. Es riecht nach Ritterburg und Ritualen.

Die Rolle des Masters

Doch 1540 verbot Henry VIII., der Begründer der Church of England, sämtliche Orden und das Haus hatte nun andere Zwecke zu erfüllen: Im 16. Jahrhundert etwa als Hauptquartier vom Master of the Revels, der in königlichem Dienste sämtliche Kultur- und Unterhaltungsformen studierte und kontrollierte. Fast 30 von Shakespeares Stücken hatte dieses Amt zu durchlaufen, mussten auszugsweise vorgeführt werden und wurden zensuriert, wenn der "Master" zu viel Subversion witterte.

Später wohnte der Maler William Hogarth hier, der sich von Todsünden wie Wollust und Völlerei inspirieren ließ: Sein Vater, ein verarmter Lateinlehrer, betrieb nämlich ein Kaffeehaus im entweihten Ordensgebäude. "Er bestand darauf, dass in seinem Etablissement ausschließlich Latein gesprochen wurde, am Tisch und auch bei den Bestellungen. Die Sprache war damals schon tot, also ging das nicht lange gut", schmunzelt Wilkinson beim Gang durch die Sammlung. Um 1760 wurde daraus ein Pub, wo Künstler und Schriftsteller wie Charles Dickens ihre Pints hoben: Die Old Jerusalem Tavern, die dann um 1880 vom Orden zurückgekauft und wieder ihrem eigentlichen Zweck gewidmet wurde.

Fast 300 Jahre aber, bis in die 1830er, war es turbulent um den Orden bestellt, der in England gegen Ende des 19. Jahrhunderts besondere Fortschritte zur Versorgung von Kranken und Notleidenden leistete. "Nicht nur mit Ambulanzen, sondern besonders auf dem Gebiet des Krankentransportes hatten sie eine Pionierstellung", sagt Wilkinson und zeigt auf einen Holzwagen, den "Ashford Litter": "Das ist ein altes Modell, man konnte es leicht zusammenklappen und auch auf unbefestigtem Gelände ziehen. Hauptsächlich eingesetzt wurden sie bei Kohleminen und in industriellen Betrieben" - eine Notwendigkeit, die bis dahin im durchindustrialisierten England vernachlässigt wurde.

Offiziell als staatlicher Ritterorden anerkannt wurde der Order of Saint John 1888 mit einer königlichen Satzung von Queen Victoria, die von der Arbeit am Gesundheitssektor beeindruckt war. Seit damals wird der Großprior durchgehend von einem Mitglied der britischen Königsfamilie gestellt: Prince Richard, Duke of Gloucester, Enkel von König George V. und Cousin der amtierenden Queen Elizabeth II., hat diesen Posten seit 1975 inne. Die englische Abteilung ist ökumenisch und nicht zuletzt durch die Queen reformatorisch geprägt. Vom katholischen Malteserorden anerkannt wurden die Geschwister in England erst 1963.

Heute gibt es fünf Hauptstränge, die bestimmen, wer dazugehört und wer nicht: Die Johanniter in Österreich wuchsen 1974 aus der deutschen Gruppe heraus, die holländische wurde lange Zeit nicht akzeptiert, die russische wird bis heute nicht anerkannt, weil die historische Linie nicht verifizierbar scheint. Ritter kann man nur auf Einladung werden. Wie oft das noch pro Jahr in Clerkenwell, dem organisatorischen Zentrum für die englische Einheit passiert, kann man an den Fingern von einer, maximal zwei Händen abzählen. Die Feiern sind sehr persönlich, werden in den Festsälen mit von der Queen unterschriebenen Zertifikaten zelebriert und von royalen Mitgliedern begleitet.

Unterirdische Kirchenfenster

Geht man aus dem Museum und einmal über die Clerkenwell Road, gelangt man zur Ordenskirche, unter der eine ehrwürdige Gruft liegt: ein Teil romanisch, der andere gotisch - und man mag sich wundern, warum im Untergeschoss bunte Bleiglasfenster leuchten. "Als die Kirche gebaut wurde, war sie an der Oberfläche", erklärt Wilkinson: "Erst im Laufe der Jahrhunderte wurde eine neue Schicht über Teile der Stadt gebaut, so auch über diese Krypta. Aber zu Beginn des Zweiten Weltkriegs haben sie aus Vorsichtsmaßnahmen die Buntglasfenster von oben in die Gruft unten eingebaut." Die Kirche wurde zerbombt, die Gruft überlebte. Daneben liegt ein Bildungszentrum, draußen der friedliche Klostergarten, wo noch immer medizinische Kräuter angebaut werden. Teile des imposanten Gebäudekomplexes kann man zu privaten oder kommerziellen Zwecken mieten: Von Hochzeiten bis zu Events der Fashion Week kam schon alles in die Krypta. Der Order of Saint John muss nur vorsichtig sein, keinen Schimmer der Anzüglichkeit zu präsentieren: Der Master of the Revels schläft nicht.

Mittlerweile ist der Orden eine globale Organisation in mehr als 40 Ländern. Der Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela, übrigens auch ein Ordensritter, bewunderte sie für ihren "Fokus auf die medizinische Grundversorgung, insbesondere für die Ärmsten der Armen", wie er sagte.

Die Ordensmitglieder geben hunderttausende Erste-Hilfe-Kurse im Jahr, helfen und pflegen, wo sie können, und arbeiten mit dem offiziellen Gesundheitssystem zusammen. "Der Orden nahm sich immer aktueller gesellschaftlicher Zwecke an, auch im Ersten und Zweiten Weltkrieg", so Wilkinson. "Heute sind wir bei großen Veranstaltungen, sei es Sport oder Musik, und ein weiteres wichtiges Feld waren jetzt die Covid-Impfstationen." Nicht nur in England übrigens, auch in Österreich. "Jeder Mensch hat eine Verbindung zur Ersten Hilfe und erkennt den Wert darin, Leben zu retten", kommt Wilkinson auf den eigentlichen Grundgedanken zurück.

Pülcher kommt also zwar von Pilger, aber heute steht der Orden mit beiden Füßen im Hospital.