Am Anfang war das Wort, und das Wort war Sex" - so könnte das Evangelium nach Ruth Westheimer, der legendären TV-Beischlafberaterin, beginnen. Gut, Evangelien machen normalerweise in Jüdischen Museen keine Meter - aber Sex eigentlich auch nicht. Mit der Ausstellung "Love me kosher" ändert das Jüdische Museum Wien Letzteres. Und dass der Sex schon in der Bibel am Anfang steht, darauf verweist gleich der Raum, der einen bei dieser Schau in Empfang nimmt: Zum ersten Mal wird André Hellers "Paradiesgarten" öffentlich gezeigt.

Überhaupt legt die Ausstellung großes Augenmerk auf die Darstellung von - meist biblischer - Sexualität in zeitgenössischer Kunst. Vor allem Batseba und ihr für König David folgenreiches Bad hat eine Menge Künstler inspiriert, hier sind etwa Arbeiten von Ernst Fuchs, Arik Brauer und Pablo Picasso zu sehen. Eine Vasen-Skulptur von Marc Chagall mit dem Titel "Die Verlobten" vereint zwei innig Umschlungene, eine hält den Kopf der anderen anrührend zärtlich.

"Chassidim in Love" von Benyamin Reich. - © Benyamin Reich
"Chassidim in Love" von Benyamin Reich. - © Benyamin Reich

Herzerlstrumpfhose

Aber auch andere Kunstformen lassen sich auf das Thema abklopfen: So zeigen Fotos von Revuen in den auch in Wien freizügigen 20ern und frühen 30ern des letzten Jahrhunderts vier Herzköniginnen, die einen als Amor in Herzerlstrumpfhosen verkleideten Karl Farkas umringen. Den findet man zwar in keiner Bibel, aber dafür sie: Ein Filmplakat erinnert an Hedy Lamarr als Delilah - die als Hedwig Maria Kiesler geborene Schauspielerin (und Erfinderin) wurde außerdem bekanntlich mit dem Skandalfilm "Ekstase", der sie nackt und höchst erregt zeigt, berühmt. Die Sopranistin Lola Beeth, vom Publikum verehrt Anfang des 20. Jahrhunderts, zeigt wiederum, dass Begehren sich auch in ganz kleinen Dingen ausdrücken kann - in diesem Fall in einem Püppchen mit Lola-
Beeth-Gesichtszügen, das in einer Streichholzschachtel schläft - die Brust neckisch entblößt.

Die Ausstellung konzentriert sich in einem großen Komplex denn auch auf jene Zeit, in der sich Wien dank Sigmund Freuds Erkenntnissen zu einem Hotspot der modernen Sexualwissenschaft entwickelte, was dann in weiterer Folge dazu führte, dass gerade Künstlerinnen dem weiblichen Körper eine neue Freizügigkeit und Natürlichkeit gönnten: Das zeigen etwa Trude Fleischmanns Frauenakt-Fotografien, die vom in den 20ern aufkommenden Nackttanz inspiriert wurden.

Natürlich gilt es auch in dieser Schau, Vorurteile durch Unwissen und böswillig verbreitete, klar antisemitische Vorstellungen zu entkräften. Harmlos ist da etwa die Ansicht, dass orthodoxe Juden nur via Loch im Leintuch Geschlechtsverkehr haben - es stimmt nicht. Anders verhält es sich mit einer Einladung zu einer "Massenversammlung", die über den "Juden als Sexualverbrecher" aufklären will. Da ist der Aufruf zum Pogrom nicht mehr allzu weit entfernt.

Die beklemmendsten "Exponate" sind Video-Berichte von jüdischen Frauen, die im KZ oder im Versteck oder auf der Flucht vergewaltigt wurden - trotz "Rassenschande" immer und immer wieder. Dieses - teilweise lange verdrängte - Grauen steht einer Stand-up-Comedy des bekannt tabulosen (und selbst jüdischen) Komikers Larry David gegenüber, der darüber philosophiert, welcher Anmachspruch im Vernichtungslager wohl die besten Chancen hatte.

Ein Raum ist plakatiert mit Fotos von jüdischen Hochzeiten in Wien von den 50ern bis zu den 90ern von Margit Dobronyi - auch die Hochzeit der scheidenden Direktorin Danielle Spera ist vertreten. Die Bilder umsäumen einen Hochzeitsbaldachin, ein wiederkehrendes Motiv dieser Schau, so wie Polster, auf die die Saaltexte gedruckt sind.

Befriedigungsgebot

Eine Fotoserie von Ouriel Morgenstern widmet sich der Mikwe, dem rituellen Bad, das die Frau nach der Menstruation wieder für ihren Mann reinigt. Eine andere von Benyamin Reich begleitet transsexuelle und non-binäre Juden. Durch schlüssellochförmige Vitrinen sieht man, was es in einem jüdischen Sexshop zu kaufen gibt - koschere Handschellen schauen auch nicht anders aus als nicht-koschere.

Laut Tora ist Homosexualität bei Männern verboten, Frauen ist es nicht explizit untersagt. Wie die Tora es mit Frauen in sexueller Hinsicht laut dieser Ausstellung ohnehin gut meint: "Das Judentum ist die einzige Religion, in der der Mann sogar verpflichtet ist, die Frau sexuell zu befriedigen!", erklärt Sexualtherapeutin Erika Freeman in einem Interview-Video. Das sieht auch Ruth Westheimer so. Die Ausstellung zeigt übrigens auch eine besondere Rarität: "Dr Ruth’s Game of Good Sex" - mit Aktivitätskarten wie "Geh zur Sexklinik" und Spielfeldern wie "Greif ihm an den Hintern" oder "Lecke ihre Schenkel". Spielen ist freilich nicht erlaubt.