Seit mehr als 70 Jahren verharren Nord- und Südkorea im Kriegszustand. Die katholische Kirche in Seoul aber versucht sich unermüdlich im Austausch, denn verwaltungstechnisch ist sie auch für Gläubige im Norden zuständig. Auch wenn nicht klar ist, ob es dort überhaupt Gläubige gibt.

In Paju, einem südkoreanischen Ort direkt an der Grenze zu Nordkorea, schlürft Peter Kang zufrieden eine Nudelsuppe. "Dieses Gericht ist ein Symbol des Austauschs zwischen Nord und Süd", sagt der Priester. Kalte Nudeln heißt es übersetzt, besteht aus einem dünnen Stück Fleisch, Sojasprossen, Ei, Gurke, Gewürzen und eben kalten Nudeln in einem milden, ebenso kalten Sud.

Und weil es als Nationalgericht Nordkoreas gilt, ist es hier in Paju ein politisches Statement, diese Suppe zu bestellen. "Es ist wirklich beliebt hier", beteuert Kang, der sein typisches katholisches Hemd ohne Kragen trägt, ehe er und eine Nonne, die mit ihm zu Mittag isst, sich bekreuzigen. Dann geht es zurück zur Kirche, nur wenige Minuten mit dem Auto entfernt, ein paar hundert Meter weiter Richtung Nordkorea.

Aufeinander zugehen

Auf dem Parkplatz zeigt er auf ein üppiges Areal vor sich. "Wir nennen das hier die Wiedervereinigungszone. Diese Kirche da heißt die Kirche der Reue." Nicht jedem gefalle dieser Name, schiebt Kang gleich hinterher. "Aber wir glauben, dass wir aufeinander zugehen und uns verzeihen müssen. Nur so können wir unsere Beziehungen verbessern und Frieden erreichen."

Die Kirche der Reue, eine katholische Kirche in Paju, ist ungewöhnlich, und das auf den ersten Blick. Architektonisch fällt das geschwungene Dach im traditionellen koreanischen Stil auf, dazu eine mit Kruzifixen verzierte Backsteinfassade. Drinnen ist sie gespickt von indirekten Respektbekundungen gegenüber Nordkorea, zum Beispiel Bilder nordkoreanischer Maler.

Ein etwa 20 Meter breites Mosaik über dem Altar wurde sogar von einer Gruppe nordkoreanischer Künstler geschaffen. "Rund um Jesus in der Mitte zeigt es Missionare aus Nord- und Südkorea", erklärt der Priester. Der Stolz über dieses Kunstwerk ist Peter Kang anzusehen. Wobei er auch versteht, wie kontrovers das Ganze ist. Kritiker könnten ihm hiermit die Verherrlichung des Feindes vorwerfen. Propaganda für den Ein-Parteienstaat Nordkorea ist in Südkorea gesetzlich verboten.

Als im Jahr 1950 der damals noch junge Staat Nordkorea den Süden angriff, begann ein dreijähriger Krieg, der zum ersten Stellvertreterkonflikt im Kalten Krieg wurde und Millionen Tote forderte. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die zuvor von
Japan kolonisierte koreanische Halbinsel ihre Unabhängigkeit erlangt, war aber von den siegreichen Alliierten auch geteilt worden. Der Norden wurde kommunistisch, der Süden liberal.

Mit dem Koreakrieg ab 1950 wurde aus ideologischen Differenzen eine erbitterte Feindschaft, die bis heute reicht. 1953 erzielten die Parteien einen Waffenstillstand, aber keinen Frieden. Seit Jahrzehnten besteht auf beiden Seiten der koreanischen Grenze hohe Alarmbereitschaft. Doch die katholische Kirche versucht unermüdlich, die Beziehungen zu verbessern. Einige im Land bewundern das, andere halten es für naiv oder sogar gefährlich.

"In der Kirchengemeinde aus meiner Kindheit wurde der Priester während des Krieges vom Norden verhaftet", sagt die Nonne Choi Soyeong, eine Frau mit langen, grauen Haaren, die Peter Kang in allen möglichen Kirchenabläufen assistiert. "Im Norden kam der Priester dann auch ums Leben."

Bei Choi Soyeong aber habe die Verfolgung und Vertreibung Gleichgesinnter keinen Hass genährt. Im Gegenteil: "Ich würde gerne nach Nordkorea reisen und dort unsere Brüder und Schwestern im Glauben unterstützen", sagt sie, während sie durch das Kirchenschiff führt. "Aus diesem Grund bin ich für meine Ausbildung auch nach Rom gegangen, um im Vatikan über Diplomatie und internationalen Frieden zu lernen."

Die Friedfertigkeit der katholischen Kirche gegenüber dem ihr feindlich eingestellten Nordkorea mag verwundern - aber sie hat ihre Logik. Die Erzdiözese Seoul, der diese Kirche in Paju angehört, ist nominell nämlich ebenso für die Diözese Pjöngjang in Nordkorea verantwortlich. Doch der Zugang zu den Christinnen und Christen dort ist wegen des politischen Konflikts praktisch verschlossen.

In Seoul geht man auf Basis einer mittlerweile jahrzehntealten offiziellen Umfrage Nordkoreas davon aus, dass im Norden ungefähr 3.000 Personen katholischen Glaubens leben. Einen Priester gibt es dort aber offenbar nicht, sodass auch niemand getauft werden kann. Geistliche, die in den letzten Jahren vor allem aus China ins Land gereist sind, haben berichtet, dass dort Laien aus der Bibel vorlesen. Nur würde man im Süden gerne eigene Priester schicken, damit nicht zuletzt auch getauft werden kann.

Das ist im Norden nicht erwünscht. Die dort regierende Kommunistische Partei verfolgt so etwas wie ihre eigene Religion. Die Staatsphilosophie Juche hat einen Führerkult um die Kim-Dynastie begründet, legt großen Wert auf Autarkie und Schutz vor äußeren Einflüssen. Allerdings: "Nordkoreas Verfassung gewährt Religionsfreiheit", sagt Kang, "sodass es dort auch eine Katholische Vereinigung gibt. Wir hatten über die Jahre unregelmäßigen Kontakt."

Kirche als Teil der Geschichte

In Pjöngjang gibt es auch eine katholische Kirche, die Jangchung-Kirche. Und die ist nicht etwa ein Relikt aus Vorkriegszeiten. Errichtet wurde sie 1988, dem Jahr, in dem die südkoreanische Hauptstadt Seoul die Olympischen Sommerspiele veranstaltete. Um im Rennen um globale Aufmerksamkeit gut dazustehen, so Peter Kangs Interpretation, wollte man in Nordkorea Weltoffenheit mimen. Ein Resultat dieses Versuchs sei eine katholische Kirche in Pjöngjang gewesen.

Schließlich gehört das Christentum auch in Nordkorea zur politischen Geschichte des Landes. Das Christentum breitete sich in Korea ab dem späten 18. Jahrhundert aus, durch katholische und protestantische Missionare. Doch für den Norden galt ab dem Koreakrieg: In Christen wurden Agenten des Südens vermutet. Sie wurden Systemfeinde.

Große Hoffnung bestand vor gut vier Jahren, als der damalige US-Präsident Donald Trump mit Nordkoreas Regierungschef Kim Jong-un ins Gespräch kam und auch Südkoreas Präsident Moon Jae-in mit Kim verhandelte. Als die Gespräche um Abrüstung und einen möglichen Friedensvertrag aber scheiterten, brach auch unter den Kirchenvertretern in Nord und Süd der Kontakt ab.

Er dürfte nicht allzu schnell wiederkommen. Im März wurde der konservative Populist Yoon Suk-yeol zum neuen Präsidenten Südkoreas gewählt. Gegenüber dem Norden hat er eine härtere Linie angekündigt. Auf Anfrage zu regierungsunabhängigen Austauschversuchen heißt es beim südkoreanischen Ministerium für Wiedervereinigung: "Das Ministerium unterstützt die aktive Förderung interkoreanischen Austauschs und Kooperation diverser religiöser Gruppen, inklusive dem Katholizismus."

Verhärtete Fronten

Wenn es um ihre Haltung gegenüber dem Norden geht, so der Eindruck vieler Katholiken, traue die Regierung der katholischen Kirche nicht über den Weg. Wobei sich die südkoreanische Kirche bei aller Freundlichkeit auch in Pjöngjang manchmal zusätzlich unbeliebt macht. Mit hörbarer Verlegenheit im Ton nennt der Historiker Cho Hangun den wohl wichtigsten Grund: "Wir müssen uns natürlich um die Geflüchteten aus dem Norden kümmern, wenn sie hier im Süden ankommen."

Im Norden, wo Flüchtlinge als Verräter gelten, kommt dies nicht gut an. Auch deshalb wurde sämtlichen Priestern aus dem Süden bisher verwehrt, in den Norden zu reisen. Neben einer Spezialgenehmigung aus dem Süden bräuchte man dafür eine Einladung aus dem Norden. Peter Kang rechnet nicht damit, dass es dazu in nächster Zeit kommen wird.

Zurück in Paju. Am Nachmittag ist Kang von der Kirche der Reue einen Hügel hinaufgefahren und blickt in die Ferne über den Fluss Imjin: "Da drüben, auf der anderen Seite des Flusses, liegt Nordkorea", sagt er und sieht fast melancholisch aus. "Bei klarem Himmel kann man manchmal eine Ortschaft am Wasser erkennen. Und wenn der Wind zu uns dreht, konnte man vor einigen Jahren auch Propagandalautsprecher hören.

Peter Kang muss schmunzeln, als er das sagt. Vor kurzem hat sein Komitee für Verständigung ein tägliches Gebet etabliert. Jeden Abend um neun Uhr klingelt bei Kang und vielen anderen Katholiken eine Erinnerung im Handy, woraufhin dann für den Norden und den Frieden gebetet wird. Im Norden könnte man darauf wohl auch verzichten.