"It was love at first sight", schreibt Dennis Severs in seiner Autobiografie "18 Folgate Street". Seine Liebe auf den ersten Blick fand er 1967, als er als 18-Jähriger von Kalifornien nach London zog: satte fünf Tage nach Schulabschluss, mit dem Geld, das er sich als Tellerwäscher zusammengespart hatte.

Freiheitsliebe und Exzentrik dürften von früh an bestimmende Züge von Severs gewesen sein: Schon im Alter von vier Jahren hatte er eine Sammelleidenschaft entwickelt, beobachtete Ghost Towns im Wilden Westen und dachte sich seine Geschichten dazu aus: Zu Hause war er in seiner eigenen Welt, und dort wollte er bleiben. Am Weg zu seinem ersten Kindergartentag fragte er seine Mutter bestürzt: "Und wann kann ich wieder zurück?" Später folgten zahlreiche Schulwechsel, und er wurde irgendwo zwischen "exceptional" und "mentally retarded" eingestuft, schildert Severs in seinem Buch. Zuflucht fand er damals in David Leans Verfilmungen von Charles-Dickens-Romanen, wo London zwischen Gaslampen döst und Oliver Twist hinter der nächsten Ecke hervorlugt.

Ein Kamin mit reichlich Dekor. - © Clemens Marschall
Ein Kamin mit reichlich Dekor. - © Clemens Marschall

Als Severs hier landete, war die Metropole bereits elektrisch beleuchtet. "Ich lernte ihn schon früh kennen, als er mit einer Pferdekutsche durch London fuhr und abstruse Touren für Touristen machte", sagt der Kunsthistoriker und BBC-Fernsehmoderator Dan Cruickshank.

Der renommierte Kritiker und Autor Cruickshank war langjähriger Freund und Unterstützer von Severs’ Visionen. Er ist auch Mitbegründer vom Spitalfields Trust, der seit 1977 für das architektonische Erbe Englands kämpft und heute seinen Sitz in Dennis Severs’ Haus in Spitalfields, 18 Folgate Street nahe der schamlos durchgentrifizierten Brick Lane hat. "Wir haben das runtergekommene Haus in den 1970ern gekauft, um es zu retten", erinnert sich Cruickshank, der mittlerweile seit fast 50 Jahren gleich um die Ecke wohnt. Damals waren er und sein Trust ein wilder Haufen, der auf höchst unbürokratische Weise historische Gebäude rettete und sie besetzte.

Dan Cruickshank. - © Clemens Marschall
Dan Cruickshank. - © Clemens Marschall

Sie renovierten die leerstehende Bruchbude, Baujahr 1724, in der anfangs hugenottische Seidenweber gewohnt hatten. Severs kaufte dem Trust das Haus 1979 ohne Strom und warmes Wasser ab und schlief - ausgerüstet mit Kerze, Bettzeug und Nachttopf - in jedem einzelnen Raum des Hauses, um die "Seele" zu spüren. Von da an gab er dieser Gestalt.

Severs fand hier für seine eskapistische Mission ein Heim, in dem er über 20 Jahre lang wohnte und es in eine mehrstöckige Wunderkammer verwandelte. Der 300 Jahre alte Holzboden ächzt, Sonnenlicht scheint durch die Fensterluken, die Zeit scheint stehengeblieben. Die einzelnen Räume sind bis ins kleinste Detail mit nur scheinbar zufällig herumliegenden Alltagsgegenständen und natürlichem Lichteinfall arrangiert. Jedes Zimmer wirkt wie ein Gemälde. Teile der Einrichtung hat Severs von Müllkippen aufgesammelt, manches erstanden, anderes mit billigem Material wie Styropor oder Walnussschalen selbst nachgebaut.

Ruppige Führungen

In Severs’ Zeitmaschine galt sein Wort als Befehl. Als Museum wollte er es nie verstanden wissen, und auch heute noch haust hier einer seiner alten Freunde. Wissenschaftlichkeit und Authentizität waren für ihn nie erstrebenswerte Ziele, viel eher wollte er den Geist längst gewesener Zeitalter heraufbeschwören. "It’s more real than real", meint
Cruickshank. Severs führte etwa zehnköpfige Gruppen durch sein eklektisch drapiertes Wohnhaus und erzählte die fiktive Geschichte der Hugenottenfamilie Gervais, die hier gehaust haben soll, und wie sich deren Schicksal über Generationen zugetragen hatte, vom frühen Georgianischen Zeitalter bis ins Viktorianische: gefühlsmäßig perfekt, teilweise real, meistens erfunden. Auflösung gab es keine. "Das hätte absolut schiefgehen können", sagt Cruickshank, "aber er machte das großartig."

Severs’ unorthodoxe Führungen wurden legendär, als Grundvoraussetzung galt: "Look, don’t think. Feel, don’t analyse." Wer folgte, wurde belohnt: "Psychologisch war das interessant", meint Cruickshank: "Die Gäste kauften sich ihre Tickets und meinten, damit für eine gewisse Dauer ein Recht in diesem Haus zu besitzen." Dem war nicht so. "Damit sein Zauber funktionierte, hatte Dennis die absolute Kontrolle zu behalten. Niemand durfte ihn unterbrechen oder Kommentare abgeben wie: ‚Der Sessel hier passt nicht.‘ Oh nein, das war kein Museum, das war eine Theateraufführung", schüttelt Cruickshank den Kopf: "Und wenn man in ein Theater geht und die Schauspieler unterbricht, was würde man dann hören? ‚Schnauze! Sonst fliegst du raus!‘" Severs schmiss seine Gäste hinaus, und ihnen nach ihr Geld. "Das hatte den wundervollen Effekt, dass die anderen Besucher nicht aufmuckten."

"Lebendes" Gemälde

"Dieser Raum ist verrückt", sagt Cruickshank, während er im Halbdunkel ins nächste Stockwerk führt - geduldiger als der ehemalige Hausbesitzer: "Hier hat Dennis das Gemälde ‚Modern Midnight Conversation‘ von William Hogarth aus den 1730ern nachgestellt." Eine Kopie davon hängt an der Wand, und man meint wirklich, das Gemälde wäre explodiert und man stünde mittendrin: tote Enten, umgeworfene Stühle, halbvolle Weingläser, dazu Pferdegeklapper und Gemurmel aus dem Nebenraum, als hätte man die Familie Gervais nur knapp versäumt. Severs gelang es, das Hogarth-Gemälde zum Leben zu erwecken. Ihm war es wichtig, sämtliche Sinne anzusprechen - auch den Geruch, "im Guten wie im Schlechten", lacht Cruickshank: "In den Räumen, wo er den Armutsverfall der Gervais-Dynastie inszenierte, mit totem Fisch." Auch der klassische Spuk fand Eingang in Severs’ Geisterhaus, etwa, wenn bei Führungen im richtigen Moment jemand einen versteckten Draht zog und damit die Einrichtung in Bewegung brachte.

Erst im letzten Raum ließ Severs seine herrische Maske fallen, schenkte Wein aus und verkündete seinen Gästen, sie könnten sich nun zurücklehnen und Fragen stellen. "Das war ein wichtiger Moment, dass er aus seiner Rolle rauskam und zu Dennis wurde", so sein Vertrauter Cruickshank: "Die Leute wurden von ihm terrorisiert, informiert und inspiriert - nun war es Zeit für etwas Menschlichkeit bei einem Glas Madeira."

Severs starb 1999 an Krebs: "Es war schrecklich, er hatte ja Aids und sein Kampf hat ein Jahr gedauert", so Cruickshank. Severs hatte Angst, sein Lebenswerk würde mit seinem Tod verschwinden, doch kurz davor erwarb der Spitalfields Trust jenes Haus zurück, das er Severs 1979 verkauft hatte, und bewahrt es bis heute. Ohne Severs’ Sonderführungen und Präsenz allerdings wurde es fast zu einem - Museum. Dem Team um Cruickshank gefiel das immer weniger.

Mit den Lockdowns im Zuge der Pandemie musste das Haus schließen und die Besitzer entschieden sich für den ersten großen Hausputz: Bis dahin hatten sie alles aus Respekt genau so archiviert, wie Severs es hinterlassen hatte. Zuerst stellten sie fest, dass die hinterbliebene Kleidung zum Mottenfraß geworden war, aber dann zahlte sich der Frühjahrsputz doch noch aus: Sie fanden Kisten, in denen etwa 50 Kassetten lagen, vom Hausherrn höchstselbst, seine berüchtigten Führungen dokumentierend. Die Tapes wurden transkribiert, und nun führt ein Schauspieler mit Severs’ Worten durch die verschiedenen Zeiträume.

Weniger zufrieden ist der Architekturkritiker damit, wie sich Spitalfields in einen Moloch aus gigantischen Wolkenkratzern verwandelt, die mit bombastisch ästhetischer Fragwürdigkeit die letzten historischen Häuser verschlingen. Er kämpft seit 50 Jahren gegen solch seelenlose Stadtverschandlungen. An der Eingangstür von Dennis Severs’ Haus liest man folgendes Zitat seines Schöpfers: "The late 20th century may be a fascinating place to visit; but surely... nobody would ever want to live in it?"

Was also würde Severs zum Leben im 21. Jahrhundert sagen, wenn ihm schon das 20. suspekt war? Cruickshank räuspert sich und sagt: "Er würde das absolut unerträglich finden. Wir sind hier ein kleines Fossil aus einer anderen Zeit zwischen überdimensionalen, hässlichen Schaukästen. Als wir hierherkamen, war Spitalfields verlassen, dunkel, gefährlich, voll mit komischen Käuzen, die in der Nacht lebten und am Tag schliefen." Aus dieser Ära ist nicht viel mehr übrig geblieben. "Aber wenn man hier in diesem Haus steht", sagt Cruickshank und blinzelt der Sonne entgegen, "dann fühlt man sich trotzdem, als wäre man im Zentrum der Welt."