Meinen Hass bekommt ihr nicht", schrie der französische Journalist Antoine Leiris 2015 in seinem Buch diesen Titels in die Welt hinaus. Seine Frau und Mutter des gemeinsamen Sohnes war am 13. November beim Anschlag auf den Pariser Konzertsaal Le Bataclan von Terroristen getötet worden. Antoine Leiris griff daraufhin zur einzigen Waffe, die er zu gebrauchen verstand: die der Worte. Statt seine Trauer in Hass auf die Attentäter zu lenken, entschied er sich zum Widerstand gegen eine kollektive Hassspirale. Hätte er sich in den Hass auf sie gestürzt, hätten die Terroristen den Sieg davon getragen, argumentierte Leiris. Das wollte er ihnen verweigern, sich nicht mit ihnen durch den Hass auf sie verstricken: "Wir werden kein Leben gegen diese Menschen aufbauen. Wir werden mit unserem eigenen Leben weitermachen."

Mit der kämpferischen Verarbeitung seiner Trauer hat Leiris ein mächtiges Gefühl analysiert, die Mechanismen des Hasses nicht nur verstanden, sondern auch ausgehebelt. Doch was Leiris auf persönlicher Ebene gelungen sein mag, daran scheitern wir aktuell als Gesellschaft kläglich. Hass scheint allgegenwärtig: im Netz, in der polarisierten politischen Debatte, im Hass von Männern, die Frauen töten, im Krieg gegen die Ukraine. Das Philosophicum Lech widmete sich daher in seiner aktuellen Ausgabe am vergangenen Wochenende diesem präsenten wie brisanten gesellschaftlichen Thema, erforschte aus unterschiedlichen Perspektiven die "Anatomie eines elementaren Gefühls". Die gute Botschaft vorweg: So kläglich ist das Scheitern gar nicht.

Der wissenschaftliche Leiter des Philosophicum Lech, Konrad Paul Liessmann, umriss in seinem Eröffnungsvortrag die Komplexität des Themas. Er berief sich auf Nietzsches These, dass Hass nicht nur gelernt, sondern auch genährt werden müsse; auf die Analyse, dass Hass in der Vorstellung gründe, jemand anderer sei Schuld am eigenen Leid; auf die Lust an der Zerstörung im Hassenden; aber auch auf die Paradoxie, dass nur der Hass der anderen böse ist, der eigene jedoch ist stets gut, weil er sich ja gegen das Böse richtet, zu richten glaubt. Die Wurzel des Hasses in der Erkenntnis von Gut und Böse ist es auch, die es so schwer macht, mit Hass umzugehen. Eine Rückkehr in die Unschuld hat nie funktioniert.

Ohnmacht und Gefälle

Philosoph Christoph Demmerling fokussierte auf die Imagination und die Projektion, die Hass immer vollzieht: Wer hasst, sieht immer etwas, das andere nicht sehen. Er will die damit ausgemachte Quelle allen Übels mit der einen Person oder Personengruppe, die dafür steht, vernichten. Hass besitzt für Demmerling Tiefe und Zentralität, blendet alles andere aus, erweist sich als ein "nach Aufmerksamkeit heischendes Gefühl". Hass verläuft nach seiner Analyse von unten nach oben, richtet sich gegen - auch nur vermeintlich - besser Gestellte. Das geht mit einem Eindruck der Unterlegenheit, der Ohnmacht einher - was beides wiederum Hass verstärkt, zur Spirale werden lässt.

Philosophin Hilge Landweer widmete sich anderen ablehnenden Gefühlen, als die Hass sich tarnen kann. Als Verachtung etwa, die nicht minder gefährlich die Richtung des Hassens von oben nach unten verdreht und sich mit dem Gefühl der Überlegenheit in scheinbare Distanz begibt; oder als Empörung, die Hass mit ihrer stärker legitimierten gesellschaftlichen Stellung über moralische Argumente kanalisiert und ihn damit weniger angreifbar macht. Doch diese verführerische Versprechen von Souveränität erweisen sich nur allzu schnell als (selbstbe)trügerisch - nicht zuletzt weil Verachtung und Empörung wunderbar dafür geeignet sich, Hass in anderen zu schüren.

Gerichtspsychiater Reinhard Haller ging der Frage nach, ob es so etwas wie eine Hasspersönlichkeit gibt, ob Hass als Persönlichkeitsstörung gesehen werden könnte. Dafür widmete er sich der Definition von psychologischen Mechanismen, die in Kombination Hass hervorrufen können: eine objektive oder subjektiv erfahrene Kränkung, die Fähigkeit, Personen oder Gruppen gegenüber Empathie ausschalten zu können, ein Übertönen und letztlich Ausschalten jeder Form von Differenzierung, eine Verengung des Blickes auf die Welt.

Denn kognitiv, so Haller sei Hass nicht sehr anstrengend. Er sei vielmehr eine psychische Urkraft, die sich langsam aufbäumt. Was man dagegen tun kann? Den Weg zurück in die Komplexität finden, verstehen. Denn, so schloss sich Haller Marie Curie an: "Was man zu verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr."

Hass und Selbsthass

Wie sehr Hass immer auch Selbsthass ist, hob die Schweizer Psychoanalytikerin Jeannette Fischer hervor. Demnach wird Hass in Beziehungen gelernt, durch Menschen in Menschen gepflanzt und genährt. Der Hassende inszeniert sich dabei selbst als Opfer und legitimiert aus dieser Machtposition seine zerstörerische Kraft gegen den realen oder imaginierten Täter. Diese Opfererzählung ist die fatale Aufgabe von Verantwortung für das eigene Sein, die absolute Ohnmacht also, die Allmächtigkeit kippt und in Gewalt entladen kann.

Ob es auch guten Hass gibt, der sich gegen das Böse wendet und welche Rolle die Welterlösung dabei spielt, arbeitete die Politikwissenschafterin Barbara Zehnpfennig heraus. Anhand mächtiger Ideologien - Marxismus, Nationalsozialismus und militantem Islamismus - erörterte sie den fatalen Zusammenhang zwischen Menschheitserlösung und Hass. Auch hier wieder die bereits beschriebenen Muster: in einer Zeit der Krise wird die Erlösungsformel präsentiert, es kommt zu Vereinfachung, Übertragung von Schuld an den einen Verursacher und seine durch den Heilsgedanken legitimierte unumgängliche Vernichtung. Dass dieser Hass auf die Gegenwart in allen Ideologie stärker ist als die Liebe zu einer zu erkämpfenden Zukunft, enttarnt jedoch ihren bösen Kern.

Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier widmete sich dem Hass der "Generation Krise" und umriss ein teils düsteres Bild einer Jugend, die das Vertrauen in Institutionen verloren hat, sich auf den Konsum von Komplexität reduzierenden Bildern zurückgezogen hat und in ständigem Wettbewerb auf einander losgelassen wird. Sein Appell: Versachlichung von Debatten und Fokus auf die Verantwortung gesellschaftlicher Systeme an diesem Hassklima.

Dünnhäutige Elefanten

Die deutsche Philosophin Svenja Flaßpöhler setzte sich für ein Ringen des Einzelnen um eine ausgewogene und starke Haltung zu Hass ein: zwischen der verpanzerten Elefantenhaut und der hypersensiblen Dünnhäutigkeit unserer Gegenwart müssten wir zu einer wahren Resilienz finden: auf Tuchfühlung mit der Welt bleiben, die eigene Weltsicht weiten statt immer mehr zu verengen, uns Lebendigkeit erhalten, um durch sie "von innen geschützt" zu sein".

Kommunikationswissenschafter Bernhard Pörksen schließlich widmete sich der Kunst des Miteinander-Redens in Zeiten des Hasses, wollte zwar kein Generalrezept liefern, jedoch Leitplanken für gelingende Kommunikation: Wenn man mit öffnender Wertschätzung begänne, den Willen mitbringe, die Perspektive des anderen zu sehen und auch anzuerkennen; dem anderen dann noch zuhöre anstatt auf den nächsten Slot für Egobotschaften zu lauern, und Differenzen dann noch respektvoll konfrontiere, könne echter Dialog gelingen. Pörksen schloss jedoch nicht nur mit der optimistischen Perspektive, die Gruppe der Hasser sei zwar lautstark, aber statistisch klein, sondern fand doch noch zum anfangs verweigerten Generalrezept: "Bleiben Sie nicht gleichgültig!"