Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Geschichten. Wenn etwas existiert, das diese These belegt, dann ist es die Piña Colada. Die Geschichten, die über die Erfindung dieses Cocktails kursieren, sind so zahlreich wie die Rezepte für dessen Zubereitung. Klar ist: In eine Piña Colada gehört Ananas. Bedeutet die spanische Wortkombination doch nichts anderes als "gesiebte Ananas". Womit dieser Saft gemischt wird, ob er geschüttelt oder durch den Mixer gejagt wird, ändert sich je nach Geschichte, die darüber erzählt wird. Oder nach dem, der eines der vielen Rezepte aufgeschrieben, ja angeblich auch erfunden hat.

Roberto Cofresi hat kein Rezept notiert, er hat auch selbst keine Geschichten über die Piña Colada in die Welt gesetzt. Dass sein Name immer wieder fällt, wenn im Kopf Bilder von Palmen und Meer und dem passenden Getränk dazu entstehen sollen, liegt daran, dass Erzählungen über Piraten immer gut ankommen. Der puertoricanische Freibeuter soll zu Beginn des 19. Jahrhunderts, also vor etwa 200 Jahren, seine Mannschaft mit einer Mischung aus Rum, Ananas und Kokosnuss bei Laune gehalten haben. Das klingt wahr, denn alle drei Zutaten waren in der Karibik zur Zeit Cofresis reichlich vorhanden. Belegt ist diese Geschichte allerdings nicht. Der Pirat hat keine Listen geführt über den Proviant, den er an Bord genommen hat.

Gemeißelte Gedenktafel

Wahr ist aber, dass die Piña Colada und Puerto Rico eine enge Verbindung haben. Gleich zwei Institutionen auf der Karibikinsel beanspruchen die Erfindung dieses Cocktails nämlich für sich. Da ist zum einen die "Caribe Hilton’s Beachcomber Bar" in der Hauptstadt San Juan. Dort wurde die Piña Colada am 15. August 1954 erfunden. Das behauptet zumindest das Hotel. Es hat damit neun Jahre Vorsprung auf die Bar "La Barrachina", ebenfalls in San Juan. Der Barkeeper Don Ramon Portas Mingot sei der Erfinder der Piña Colada gewesen. Das hat man sich auf einer Gedenktafel an der Bar auch in Stein meißeln lassen. Unumstritten ist diese Geschichte dennoch nicht, ebenso wenig wie die des Hilton.

Klar ist: Bereits Ende des Jahres 1922, also vor 100 Jahren und lange, bevor die angeblichen Erfinder mit Alkohol in Berührung kommen konnten, wurde die Piña Colada erstmals schriftlich erwähnt. "Doch am allerbesten ist eine Piña Colada: Der Saft einer reifen Ananas - schon an sich ein köstliches Getränk - wird im richtigen Verhältnis mit Eis, Zucker, Limettensaft und Bacardi Rum kräftig geschüttelt", schrieb das Travel Magazine. Von einer Zutat, die heute in vielen Piña Coladas Standard ist, wusste das Reisemagazin offenbar noch nichts: Kokosnusscreme oder Kokosnusssirup.

Creme oder Sirup, das ist nur eine Frage, an der sich die Cocktail-Geister scheiden. An der Austrian Bar Academy wird gelehrt, dass in den Shaker drei Centiliter Kokosnusssirup kommen. Der cremige Effekt wird durch zwei Centiliter Obers erzeugt. Dazu gehören noch zehn Centiliter Ananassaft und jeweils zwei Centiliter weißer und brauner Rum. Damit unterscheidet sich das österreichische Rezept von dem der International Bartenders Association. Der Weltverband der Bartender sieht für die Piña Colada je drei Centiliter weißen Rum und Cream of Coconut sowie neun Centiliter Ananassaft vor. Der Münchner Kult-Barkeeper Charles Schumann dosiert die klassische Piña Colada in seinem vor gut 30 Jahren veröffentlichten Standardwerk "American Bar" mit vier Centilitern Kokosnusscreme und jeweils sechs Centilitern Ananassaft und weißem Rum. Er hat dem eine eigene Variante hinzugefügt, in der unter anderem Ananasstücke verwendet werden. Dann wird dieser Cocktail allerdings nicht im Shaker, sondern im Mixer zubereitet. Das Ganze immer mit Eis.

Einig sind sich alle Rezepte in Sachen Garnitur: Das Glas wird verziert mit einem Stück aus einer Ananasscheibe und einer Cocktailkirsche. Serviert wird das Ganze in der Regel in einem Hurricanglas. Das Glas heißt so, weil seine Form an die sogenannte Hurricanlampe erinnert, eine Petroleumlampe, die auch eine Weile bei Campern sehr beliebt war.

Wenig Widerstand

Welche Variante davon auch immer man bevorzugt, "die neue Generation Barkeeper ist eher gegen die Piña Colada eingestellt", sagt Tom Sipos, der Chef der Austrian Bar Academy in Wien. "Viele wenden sich von den 80er-Jahre-Drinks ab", weiß er. Es gebe in Deutschland und Österreich inzwischen viele Bars, die die Piña Colada gar nicht mehr anbieten. Sein Favorit sei sie auch nicht, aber: "Ich bin der Meinung, dass man sich nach den Gästen richten sollte. Und die mögen diese Art Cocktail nach wie vor: nicht so stark und leicht trinkbar." Eine andere Sache sei das mit Mode-Cocktails, erklärt der langjährige Barkeeper: "Wenn ein neuer James-Bond-Film ins Kino kommt, dann merkt man das auch in den Bars. Dann kommen die Leute und bestellen einen Vesper, also den James-Bond-Martini." In den meisten Fällen verziehen die Gäste gleich beim ersten Nippen das Gesicht, weil diese Art Cocktail aus Gin und Wodka recht hart für ungeübte Gaumen ist.

Aber nicht nur, weil sie beim Trinken wenig Widerstand leistet, ist die Piña Colada ein Klassiker, der sich großer Beliebtheit erfreut. Die Geschichte dieses Drinks ist nämlich auch eine Sehnsuchts-Geschichte. Es habe in Amerika angefangen, erzählt Tom Sipos. Clevere Barbesitzer haben ein Geschäftsmodell entdeckt: "Die haben Leuten, die sich Urlaub nicht leisten konnten, den Urlaub in die Stadt gebracht." Es sind Bars entstanden, die nicht nur exotisch anmutende Cocktails serviert haben, sondern so eingerichtet waren, wie man sich das in der Karibik oder im Pazifischen Ozean vorstellte.

Diese sogenannten Tiki-Bars wurden in den USA in den 30er Jahren populär. Also eine ganze Weile, bevor die beiden Bars auf Puérto Rico die Erfindung der Piña Colada für sich reklamierten. Diese Geschichte fing mit "Don the Beachcomber", einer Bar in Hollywood, aus der eine Restaurantkette wurde, an, erzählt Tom Sipos. Grundlage für die exotischen Getränke war Rum. Die Idee gefiel auch in Europa. Die Tiki-Kultur sei etwas eingestaubt, aber wieder im Kommen, glaubt der Bar-Academy-Chef. Man ordne solche Drinks zwar gerne Frauen zu, sagt er, "aber männliche Gäste mögen diese flüssige Nachspeise auch - und genau das ist die Piña Colada".

Flüssige Nachspeise

Und wer hat sie nun erfunden? "Die glaubhafteste Story" ist die mit der "Caribe Hilton’s Beachcomber Bar", sagt Sipos. Dort habe nämlich ein zweiter Barkeeper gearbeitet: Don Ramon Portas Mingot, also der Mann, der die Piña Colada dann später in seiner eigenen Bar erfunden haben will. Im Bargeschäft sei es nunmal wichtig, eine gute Geschichte nicht einfach einem Konkurrenten zu überlassen.