Zahnseide ist nicht sehr beliebt. Zehennägelschneiden auch nicht. Das lernt man in der neuen Ausstellung "Im Tröpferlbad" über die Wiener und Wienerinnen, oder zumindest einen kleinen Ausschnitt, der aber, das kann man sich bei solchen Aussagen trauen zu sagen, wohl eh recht repräsentativ ist. Jener Teil der Ausstellung im Bezirksmuseum Wieden, das tatsächlich einmal ein Tröpferlbad war, befasst sich mit der etwas anderen Gretchenfrage: "Wie halten Sie es mit der Hygiene?" In teilweise sehr unterhaltsamen Kurzinterviews (Audio und auf Post-its) wird darüber sinniert, was Hygiene heute bedeutet, was sie mit Schönheit zu tun hat und ob sie Privatsphäre braucht. Da ist eine Dame sehr kategorisch: Ihre Scham macht keinen Unterschied, ob sie sich vor Männern oder Frauen auszieht oder auch vor Kindern: "I genier mi einfoch, fertig." Für sie wäre wohl ein Besuch im Tröpferlbad eher ein Spießrutenlauf. Gschamigkeit war in diesen öffentlichen Duschhäusern nicht unbedingt von Vorteil. Auch wenn es für Zucht und Ordnung eine Badeschürze gab, die, je nach Geschlecht unterschiedlich geschnitten, den Blick auf allzu intime Körperteile verwehren sollte. Solche sind auch in der Schau zu sehen, freilich aus sehr viel geschmeidigerem Stoff als dem Original-Gradl, das auch für Matratzen verwendet wurde. Dafür kann man die nachgeschneiderten Schürzen aber auch ausprobieren und testen, wie gut man damit an zu waschende Stellen kommt. Spoiler: Gelenkig sein hilft.

Im Rahmen von "Bezirksmuseen reloaded" wurde in der Klagbaumgasse 4 - wo übrigens auch das Rauchfangkehrermuseum residiert - die Dauerausstellung erneuert. Im Vorraum hängt noch das alte wuchtige Straßenschild des "Städtischen Volksbades", darunter eine Hörstation, wo man sich zu Gemüte führen kann, wie die Kabarettisten Pirron & Knapp den Tröpferlbadbesuch beschreiben. Für den "Reload" hat der Museumsleiter Philipp Maurer mit Kuratorin Alina Strmljan vom Wien Museum zusammengearbeitet. Die noch bestehenden Duschkabinen fungieren sozusagen als Vitrinen, man erfährt Basiswissen über die Entstehung der öffentlichen Bäder in Wien - es gab sie von den 1890ern bis in die 1970er - und über die Geschichte der Hygiene in Österreich.

Warme Dusche vs. kalte Dusche

Ein Plan aus dem Jahr 1855 zeigt etwa die Choleratoten in Wieden: Kaum ein Haus, in dem nicht ein rotes Stricherl den Tod markiert, meistens freilich sind es gleich mehrere Stricherl. Erst der Ausbau eines Abwasserkanalsystems sollte solche traurigen Aufzeichnungen später verhindern. Die Schau stellt den deutschen Arzt Oscar Lassar vor, einen Wegbereiter für alle leistbaren Duschbäder, die nicht nur, aber besonders für die in Elendsquartieren hausende Arbeiterschaft wichtig wurden. In einem Interview kommt der "Bademeister" des letzten noch bestehenden öffentlichen Brausebads in Ottakring zu Wort. Interessant ist natürlich das historische Ambiente des alten Tröpferlbads, von den Preisschildern, den Hinweisen, dass kein Trinkgeld gegeben und keine Rasierklinge mitgenommen werden darf, bis zur Sitzdusche, also einem etwas brachialeren Bidet. Beim nächsten Schulausflug sicher der Renner unter den Pubertierenden.

Der Bogen in die Gegenwart wird auch geschlagen: Wenn sich auch heute keiner mehr vorstellen kann, kein eigenes Bad zu besitzen, so zeigen zwei Beiträge auf Post-its doch, dass man in der Nasszelle dieser Tage nicht nur selbstbestimmt ist. Auf einem steht: "Eine warme Dusche ist wie eine Umarmung!" Auf dem anderen steht: "Kalt duschen gegen Putin!"