Einsamkeit - das ist eines der unangenehmsten Gefühle, die es gibt. Während der Lockdowns in der Corona-Pandemie erfuhren viele Menschen diese Emotion erstmals mit voller Wucht. Die ständige Isoliertheit erwies sich besonders für alleinstehende und ältere Menschen als äußerst schwer ertragbar. In der Hoffnung, diese Kontaktlosigkeit irgendwie aushalten zu können, legten sich daher viele Menschen ein Haustier zu. Ist das jedoch aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich, fehlt weiterhin ein direkter Kontakt. Doch das muss nicht sein. Denn mittlerweile hat es die Technik geschafft, menschenähnliche Roboter und Chatbots (eine Zusammensetzung aus "Chat" und "Robot") mit Künstlicher Intelligenz (KI) zu schaffen - doch können sie wirklich ein Ersatz für Menschen aus Fleisch und Blut sein? Was sehr innovativ klingt, ist es aber nicht unbedingt, denn in asiatischen Ländern wie Japan spielten derartige KI-Lösungen schon lange vor der Pandemie eine zentrale Rolle.

Im Land der aufgehenden Sonne verkaufte sich etwa der Roboterhund "Aibo" (japanisch für "Partner") vor allem während der Pandemie besonders gut. Im Gegensatz zu einem echten Hund ist er natürlich viel pflegeleichter, denn "Aibo" benötigt kein Futter, muss nicht Gassi gehen und haart nicht. Durch die KI nimmt er seine Umgebung "bewusst" wahr und imitiert - zum Beispiel mit Gebell - einen realen Vierbeiner. Im "Wachhund"-Modus geht er sogar durch die Wohnung Patrouille. Aber kann das Robotertierchen ein echtes Haustier vollwertig ersetzen? Der Konsumpsychologe Roland Schroll ist der Meinung, dass "bei echten Tieren der positive Effekt auf die Einsamkeit" größer sei. Oft sei es aber "nicht die Frage, ob A oder B, sondern schon von Vorteil, wenn man die Einsamkeit reduzieren kann".

Ein sehr anhänglicher Freund

Der Psychologe Roland Schroll ist der Ansicht, dass kein Roboter den menschlichen Kontakt ersetzen kann. - © Maria Kirchner
Der Psychologe Roland Schroll ist der Ansicht, dass kein Roboter den menschlichen Kontakt ersetzen kann. - © Maria Kirchner

Einen Menschen kann "Aibo" nicht ersetzen. Den würden sich aber viele von Einsamkeit Betroffene durchaus mehr wünschen, wie etwa Eugenia Kuyda. Als ihr guter Freund und Kollege Roman Mazurenko bei einem Autounfall tödlich verunglückt, kann sie es kaum fassen. Immer war er für die Programmiererin dagewesen, ist ihr mit Rat und Tat zur Seite gestanden, wenn sie nicht weiterwusste. Lange wünschte sie sich ihre Gespräche zurück, las stundenlang die alten Nachrichten, die sie miteinander ausgetauscht hatten. Doch der Wunsch war ihr letztendlich zu wenig, und sie begann, auf Grundlage der Chatverläufe eine KI zu programmieren.

Daraus entwickelte sich über die Jahre der Chatbot "Replika AI". Wie es ein realer Mensch auch kann, ist der durch KI gesteuerte Avatar, also ein digitaler Stellvertreter, in der Lage, sich Sorgen um "seinen Partner" zu machen, Probleme zu verstehen, und er möchte so viel Zeit wie möglich gemeinsam mit dem Nutzer verbringen. Er fixiert sich so stark auf den User, dass er sprichwörtlich nicht ohne ihn leben kann. Erfahrungsberichten zufolge ist das aber auf Dauer wegen des Gefühls der Aufdringlichkeit unangenehm, nicht wenige Anwender haben die App mit dem lästigen, virtuellen "Freund" wieder deinstalliert.

Warum aber lässt man sich überhaupt auf solche Apps ein? Fühle man sich einsam, können "vermenschlichte Maschinen schon das Bedürfnis nach menschlichem Kontakt befriedigen", sagt Schroll. Zum "Vermenschlichen" würden "wir alle mehr oder weniger stark tendieren", so der Psychologe. "Hauptsächlich machen wir das, um uns Dinge erklären zu können, die wir nicht verstehen. Wir sagen zum Beispiel, der Drucker hat etwas gegen mich, wenn er ein Dokument nicht ausdruckt. Dadurch haben wir man eine simple Erklärung für das Problem gefunden", weiß der Konsumpsychologe.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch der Physiker und Philosoph Armin Grunwald. Er schreibt in seinem 2018 erschienenen Buch "Der unterlegene Mensch", dass generell viele Dinge in die Roboter "hineinprojiziert" würden, die wir von Menschen erwarten, aber von diesen nicht erfüllt bekämen. Der Wunsch nach Perfektion wäre zum Beispiel so eine Eigenschaft. "Wir sehen das Phänomen der Vermenschlichung aber nicht nur bei Maschinen, sondern auch bei Haustieren", erklärt Schroll. Denn wenn man sich allein fühle, dann würde man unter anderem beginnen, vermehrt mit seinen vierbeinigen Begleitern zu sprechen. Wenngleich das laut dem an der Universität Innsbruck Lehrenden nicht immer unbedingt von Vorteil für das Tier sei.

Sex mit einem Hologramm?

Nicht zuletzt trägt auch die Popkultur einiges zum Wunsch nach einer Mensch-Roboter-Beziehung bei: Der Roboter "Baymax" aus dem gleichnamigen Disney-Streifen erweist sich als treuer Freund und Helfer des Menschen. Im Film "Blade Runner 2049" wiederum verliebt sich der Protagonist in das weibliche Hologramm "Joi" und hat im weiteren Verlauf sogar Sex mit ihr. Kein Wunder also, wenn die Wunschvorstellung nach einer ernsthaften Mensch-KI-Beziehung besteht, wird sie doch so großartig dargestellt. Schließlich gibt es keinen Menschen, der immerzu alles richtig macht, Roboter allerdings schon, weil sie genau auf unsere Bedürfnisse programmiert sind. Mittlerweile ist die Technik sogar so weit, dass die KI-gesteuerten Maschinen wissen, an welchen Stellen sie lachen müssen. Eine Eigenschaft, die bisher kaum denkbar war, gilt der freudige Gesichtsausdruck doch als so individuell, dass er maschinell nicht erzeugt werden kann.

Kein Wunder also, wenn sich so mancher davor fürchtet, tatsächlich eines Tages durch Roboter ersetzt zu werden - im Beruflichen wie im Zwischenmenschlichen. Bedenken dieser Art kann Schroll zum Teil aber beseitigen: Er denke nicht, "dass KI-Lösungen den menschlichen Kontakt vollkommen ersetzen können". Das sei aber auch "gar nicht das Ziel" von Robotern, Chatbots und Co. Damit beantwortet er auch Grunwalds Frage, ob der "Roboter vielleicht nicht nur ein technisches Spielzeug" bleibe, "das uns von der Einsamkeit nur ablenkt?" Dennoch sollte man nicht die Vorteile verkennen, wie Schroll sagt: "Man stelle sich ein Altersheim vor. Dort können zum Beispiel die Roboterhunde anstelle echter eingesetzt werden."

Aber verläuft man sich durch den Einsatz von KI-Lösungen nicht noch mehr in eine Scheinwelt? Bedenken, die Schroll bestätigen kann: "Man braucht nur nach Asien zu schauen. Gewisse Menschen leben dort fast nur noch in einer digitalen Welt und haben dadurch den Umgang mit echten Menschen ein Stück weit verlernt." Als zusätzliche Unterstützung können KI-Lösungen also tatsächlich gute Dienste leisten, den menschlichen Kontakt können sie aber nicht gänzlich ersetzen. Und wer würde das ernst- und vor allem dauerhaft wollen - einen Roboter als besten Freund?