Am Rosengarten in Südtirol sollte kürzlich eine Hütte abgerissen und neu gebaut werden. Moderne Architektur sollte an ihre Stelle treten, in Form eines Glaskristalles. Es entbrannte ein Streit zwischen Traditionalistinnen, Avantgardisten, Naturschützerinnen und Touristikern - wieder einmal.

Blickt man von Bozen ostwärts, erhebt sich ein hohes Felsmassiv aus den Wäldern. Einst befand sich hier der Rosengarten von Zwergenkönig Laurin, so erzählt es jedenfalls die Sage. Im hohlen Berg soll sein fleißiges Zwergenvolk nach Schätzen von unermesslichem Wert geschürft haben: Kristalle, Silber und Gold. Wie das so ist in der Welt der Sagen, werden irgendwann Königstöchter begehrt und geraubt, tapfere Recken in Kämpfe verwickelt und Tarnkappen ausgepackt. Und am Ende erstarrt jemand oder etwas zu Stein - in diesem Fall war es der Rosengarten. Nur in der Dämmerung erinnert das Alpenglühen an die Vergangenheit der Berggruppe als Lustgarten des Zwergenkönigs.

Die Laurin-Sage erhielt kürzlich ein weiteres zeitgenössisches Kapitel, als gewissermaßen einer der Kristalle aus der Sammlung des Zwergenkönigs an die Oberfläche befördert werden sollte: Um das Skigebiet Karersee beim Rosengarten aufzuwerten, reichte der Bergbahnbetreiber Carezza-Latemar ein Bauprojekt beim Land ein. Bei der Bergstation einer neuen Kabinenbahn am Rosengarten sollte ein 18 Meter hoher, gläserner Turm entstehen; inspiriert von Laurins Sagenwelt sollte er an einen Kristall erinnern. Besucherzentrum, Gastronomie und 360-Grad-Ausblick sollten es den Gästen ermöglichen, die Dolomiten zu berühren - nicht nur mit den Händen, sondern auch mit dem Herzen, wie der Architekt hinter dem Projekt, Werner Tscholl, im Gespräch mit Rai Südtirol verlautbaren ließ. Tscholl nannte sein Bauprojekt auf Englisch deshalb auch "Touch The Dolomites".

Erhitzte Gemüter

Als das Bauprojekt publik wurde, erhitzte es die Gemüter der Umwelt-, Alpin- und Heimatpflegeverbände. Weil der Glasturm nur wenige Meter vor dem Unesco-Weltnaturerbe Dolomiten platziert werden sollte, war die Situation besonders delikat. Von Urbanisierung und Verschandelung der Berge war die Rede, von Eventtourismus und Rücksichtslosigkeit gegenüber der alpinen Natur. "Der Rosengarten wird durch den Glaskristall zur Kulisse degradiert. Statt das Verständnis für die Einzigartigkeit der Dolomiten zu fördern, vergrößert der Kristall die Distanz zur Natur", sagte etwa Georg Simeoni, Präsident des Alpenvereins Südtirol. Örtliche Medien schrieben über den Turm als "gläsernen Dorn" im Auge, internationale Zeitungen hingegen waren vom avantgardistischen Charakter des Projektes begeistert. Die Gemeinde Welschnofen, auf deren Gebiet der Kristall aus dem Boden wachsen sollte, stimmte mehrheitlich für das Projekt. Als wirtschaftlichen Motor des Tales bezeichnete Florian Eisath, Geschäftsführer des Bergbahnunternehmens Carezza und Spross einer Unternehmer- und Hotelierfamilie, das Skigebiet Karersee im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" einst.

Uneinigkeit und erhitzte Gemüter sind nichts Neues in Südtirol, wenn es um moderne Architektur in den Bergen geht. Die Zerrissenheit nahm bereits 2011 ihren Lauf, als Hütten im Landesbesitz saniert oder neu gebaut werden sollten. Das Land schrieb Architekturwettbewerbe aus, und manche Projekte wandten sich von traditionellen Steinhäusern und Giebeldächern ab. 2016 wurde etwa die neue Edelrauthütte fertiggestellt, mit großzügiger Fensterfassade und Holzverkleidung konnte sie öffentliche Kritik immerhin besser wegstecken als die in diesem Sommer eröffnete Santnerpasshütte im Rosengartenmassiv. Ein silbern glänzender Bau mit Zinkblechverkleidung ist sie geworden. In Deutschland lobte man den modernen Komfort, Kritiker äußerten hingegen, dass die Bettenanzahl aufgestockt und die Kubatur verachtfacht wurde - in einem Gebiet, das bereits stark erschlossen sei und damit weiter unter Druck gerate.

Im Streit darum, wie Hütten heutzutage gebaut werden sollen, treffen Konservative, Naturschützende und Alpinverbände aufeinander. Heimatverbände kümmern sich vor allem um den Erhalt von Tradition und kulturellem Erbe, Umweltorganisationen besorgt die Zerstörung der einzigartigen Naturlandschaft. Und der Alpenverein bringt irgendwie beides zusammen.

Die Konfliktlinie verläuft dabei nicht nur zwischen dem Bewahren und Erneuern von Hüttenkultur. Dass Hütten in den Alpen immer urig und altmodisch daherkommen müssen, um eine Bergidylle vorzugaukeln, glaubt in Zeiten der Klimakrise ohnehin kaum noch jemand. Die Debatte ist auf gesamtgesellschaftliche Dimensionen angewachsen und bündelt sich in der Frage, wie zukunftsträchtiger Tourismus funktionieren soll. Die einen sagen, dass der Verkehr die Südtiroler Alpenpässe und Naturparks stark belastet und die Zweitwohnsitze in den Dolomitendörfern die Wohnungspreise in die Höhe treiben; die anderen, dass Investitionen in moderne Anlagen notwendig sind, um weiterhin am deutschen und italienischen Tourismusmarkt konkurrenzfähig zu bleiben.

So vergingen die Jahre, der Dissens blieb. Ausgerechnet mit einem Schlichtungsversuch des Landes Südtirol kam der Glasturm 2021 durch die Hintertür zurück: Die Bergbahngesellschaft Carezza-Latemar dürfe die sich neben dem Areal befindliche Kölner Hütte abreißen und neu bauen, müsse dafür aber den Laurin-Kristall fallenlassen, hieß es da. Dass die Kölner Hütte alt, sanierungsdürftig und obendrein hässlich ist, darin waren sich ausnahmsweise alle einig. Die neuen Projektpläne entwarf wieder Werner Tscholl. Der turmartige Bau in Glas wurde dann aber als Abklatsch des ursprünglichen Projekts entlarvt und erntete wieder Kritik.

Vorerst alle zufrieden

In diesem Sommer setzte das Land Südtirol endgültig einen Punkt hinter das umstrittene Bauprojekt. Auf Vorschlag vom zuständigen Landesrat Massimo Bessone von der rechtspopulistischen Lega sollte für die Sanierung der Kölner Hütte erst einmal eine Machbarkeitsstudie erstellt werden. Sowohl die Lage der Schutzhütte, die Richtlinien der Unesco als auch die ökologischen und denkmalpflegerischen Vorgaben sollten berücksichtigt werden, heißt es in einer Presseaussendung. Mit am Tisch sitzen sollen außerdem die Alpinverbände CAI und AVS, die Gemeinde Welschnofen, die Betreiber der Kölner Hütte und die Seilbahngesellschaft. Mit dieser Lösung zeigten sich vorerst alle zufrieden. Und Laurins Bergkristall verschwand wieder dorthin, wo er sich ursprünglich befand: in der Welt der Dolomitensagen.