Europaweit hat sich der Klimakampf in die Museen verlagert. Im Museum Barberini in Potsdam, im Palazzo Bonaparte in Rom, in der Alten Nationalgalerie in Berlin, in der Londoner National Gallery, in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden, im Den Haager Museum Mauritshuis und zuletzt am Wochenende im Madrider Prado haben Aktivistinnen und Aktivisten mit Attacken gegen Kunstwerke Aufmerksamkeit gesucht. In Österreich ist es vorerst ruhig. Doch diskutiert wird bereits heftig.

Bewusst wurden bei den Schüttaktionen mit Erdäpfelbrei oder Suppe Objekte ausgesucht, die hinter Glas geschützt waren, und für die Klebeaktionen die Rahmen und nicht die Kunstwerke gewählt. "Die dafür verantwortlichen Aktivisten unterschätzen die Zerbrechlichkeit dieser unersetzlichen Objekte, die als Teil unseres Weltkulturerbes bewahrt werden müssen, erheblich. Als Museumsdirektoren, die mit der Pflege dieser Werke betraut sind, hat uns die riskante Gefährdung dieser Werke zutiefst erschüttert", heißt es dazu in einem Statement des International Council of Museums (ICOM).

Sabine Haag, die Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums Wien, hat gemeinsam mit vielen Direktorinnen und Direktoren den Aufruf unterschrieben. Gegenüber der APA zeigt sie bis zu einem gewissen Grad Verständnis: "Klimaschutz ist eines der zentralsten Anliegen unserer Zeit und ein berechtigter Anlass für Protest, denn das Thema braucht noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit, um uns alle wach zu rütteln. Dennoch sind Tomatensuppe oder Kunstblut auf Meisterwerken sowie andere, zerstörerische aktionistische Handlungen in Museen und vor oder auf Ikonen der Kunstgeschichte aus meiner Sicht der falsche Weg - denn die Aufmerksamkeit wird dabei vom eigentlichen Anliegen abgelenkt und schwächt so die wichtige Botschaft."

Ähnlich argumentiert ihre Kollegin Katrin Vohland vom vis-a-vis gelegenen Naturhistorischen Museum. "Grundsätzlich kann ich einen Teil der Verzweiflung der jungen Menschen verstehen, weil die Klimaschutzpolitik so langsam vorangeht, aber deren Methoden finde ich nicht sinnvoll. Ich glaube, dass man sich anders, nämlich politisch, in Parteien engagieren sollte, um das Klimaschutzthema voranzubringen. Man muss um Mehrheiten ringen, um Klimaschutz durchzusetzen. Der geht uns alle an. Da ist ganz viel Diskurs und Aufklärung nötig, und ich glaube nicht, dass man das erreicht, indem man sich an Kunst klebt oder etwas beschmiert."

Vohlands Haus war bisher als einziges österreichisches Museum Ziel einer Attacke. Am 15. September hatten drei Aktivisten - im aktuellen "profil" werden zwei von ihnen als die 31-jährige Martha Krumpeck und der 34-jährige David Sonnenbaum identifiziert - versucht, sich an das Metallgerüst eines Saurierskeletts zu kleben. "Dinosaurier stehen für fossile Energiepolitik. Auf internationaler politischer Ebene ist man sich ja einig, dass man weg möchte von fossilen Energieträgern. Da passiert auch einiges - aber nicht schnell und nicht konsequent genug", ist sich Vohland der gewählten Symbolik bewusst. Dass, anders als wenige Wochen später im Berliner Naturkundemuseum, die Aktion nicht erfolgreich war, verdankt sich nicht der Aufmerksamkeit der Saalaufsicht, sondern der Observierung der beiden amtsbekannten Aktivsten durch den Staatsschutz.

Die Polizei ist alarmiert. Das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung Steiermark empfahl vor wenigen Tagen die "Sensibilisierung von eingesetzten Einlass- und Sicherheitskräften in sämtlichen Kunst- und Kulturstätten", da "es jederzeit zu Vorfällen kommen könnte". Auch die Wiener Polizei sei "auf etwaige weitere Aktionen vorbereitet", hieß es auf APA-Nachfrage seitens der Landespolizeidirektion Wien.

Die Museen fühlen sich angesichts ihrer Aufgabe als Bewahrer und ihres Nachhaltigkeits-Engagements nicht nur als falsche Adressaten, sondern stehen der neuen Bedrohung eher ohnmächtig gegenüber. "Museen sind offene Einrichtungen. Wie soll man die schützen? Das geht gar nicht. Wir können unser Aufsichtspersonal schulen, dass sie einen Blick darauf haben, aber wir haben kein zusätzliches Budget für verstärkten Saalschutz", meint Vohland. "Museen sind zentrale, öffentliche Orte, die stets so barrierefrei wie möglich zugänglich sein sollen. Wenn die Proteste in dieser Form weiter gehen, wird es bald zu massiven Einschränkungen im Besucherbetrieb kommen müssen - was sicher nicht in der Absicht der Aktionist*innen sein kann", warnt Haag. "Ich will nicht jeden Besucher perlustrieren, ob er nichts bei sich trägt", sagt Albertina-Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder in einem Youtube-Video und appelliert, derartige Gewaltakte zu unterlassen: "Das hilft der Sache nicht weiter."

Die politische Diskussion nimmt Fahrt auf. "Protest ist immer legitim - ich bin überzeugt, dass es den Klimaaktivist:innen nicht um Zerstörung geht, sondern um Aufrütteln. Sie wollen uns in unserer Komfortzone erreichen", verteidigt Ursula Berner, Kultursprecherin der Wiener Grünen, die Aktionen gegen bestens behütete museale Objekte. "Diese hohe Sensibilität und die Fürsorge für 'Dinge' fordern sie auch außerhalb der musealen Welt ein: für unsere Atemluft, für das Wasser, für die Rohstoffe, für die Energie, für die Nahrungsmittelproduktion ... wir müssen erkennen, dass all das endlich ist. So zerbrechlich wie die Kunstwerke ist letztlich unser Ökosystem."

Die Bereitschaft der Aktivistinnen und Aktivisten "bis zur Selbstverletzung für die Sache einzutreten", sei "ein Zeichen der eigenen Verzweiflung", so Berner. "Ich kann die Verzweiflung an den langwierigen politischen Verhandlungen nachempfinden, besonders da schon seit Jahrzehnten am Tisch liegt, was gemacht werden muss. Und dennoch weiß ich als Politikerin, dass wir nur nachhaltige Lösungen schaffen, wenn es gelingt möglichst viele Menschen und Stakeholder einzubinden." Derzeit ist eher das Gegenteil der Fall. In Deutschland entzweit die Frage, welche Strafen gegen Klimaaktivisten möglich sind, die Parteien - angeheizt durch den tragischen Fall einer Verkehrsblockade, bei dem Rettungskräfte nicht rechtzeitig zu einem Unfallopfer durchkamen.

Ins gleiche Horn stößt der Wiener ÖVP-Landesparteiobmann Karl Mahrer. Ihm geht es dabei freilich weniger um die Kunst, sondern um den Autoverkehr. "Es ist schlichtweg inakzeptabel und unverhältnismäßig, dass selbsternannte Moralapostel für eine derartige Beeinträchtigung des öffentlichen Lebens sorgen", ließ er am Wochenende angesichts von Straßen-Klebeaktionen wissen. Es gehe "den selbsternannten Klimaaktivisten nicht mehr um die Sache, sondern rein um eine Blockade und die Störung der öffentlichen Ordnung". Arreststrafen, Kostenersatz für Einsatzkosten sowie die Weitergabe der Personalien für Zivilklagen seien zu prüfen.

"Ich plädiere dazu, nicht Energie mit Strafandrohungen und neuen Sicherheitskonzepten zu verschwenden, sondern genau hinzusehen, was die Klimaaktivist:innen erreichen wollen", meint Berner. Es gehe ihnen um öffentlichen Diskurs und um eine konsequente umfassende Änderung des Lebensstils in allen Bereichen. Das wird in jedem Fall schwer - mit oder ohne Suppe und Klebstoff. (apa)