Abstrakte Linien und sich überlagernde halbrunde Formen auf gelbem, flächigem Hintergrund - eine vergessene Zeichnung von Henri Matisse? Hanna Harms’ Sach-Comic "Milch ohne Honig" (Carlsen) ist ein grafischer Essay über Bienen, der die Spielräume zwischen Poesie und Wissenschaft nützt, um sich dem Bewusstsein der Leserinnen und Leser einzuschreiben und einzuzeichnen. Und es gelingt der Autorin auf eindrucksvolle Weise.

Anstoß für den Comic war zum einen die Erkenntnis, "wie eng die Kulturgeschichte der Menschheit mit der Geschichte der Bienen verwoben ist", so die 1994 geborene deutsche Comiczeichnerin in einem Interview. Etwa ein Drittel aller Nahrungsmittel werden von Bienen bestäubt und sogar drei Viertel aller Kulturpflanzen. Unsere Welt wäre ohne Bienen nicht wiedererkennbar. Seit dem Jahr 2007, als das Thema Bienensterben - heute spricht man genereller von "Insektensterben" - anlassbedingt erstmals in die Medien gelangte, hat sich diese bedrohliche Nachricht weithin verbreitet.

Seit der Antike geliebt

Zum anderen, so die Autorin, sei ihr das "Paradox zwischen einer beinahe göttlichen Erhöhung der Bienen und gleichzeitig der rücksichtslosen Zerstörung ihres Lebensraumes durch die Menschen nicht mehr aus dem Kopf" gegangen. Tatsächlich besteht die Kulturgeschichte der Biene, wie sie etwa Ralph Dutli in "Das Lied vom Honig" (2012) in vielen Facetten darstellt, aus einer Aneinanderreihung von Huldigungen und Hommagen an das emsige Insekt und dessen Produkte, Wachs und Honig, das eine einst Schreibutensil der Antike und bis heute verbreitetes Heilmittel, das andere Symbol von Liebe, Reinheit und göttlicher Weisheit.

Eine Liste der Oden, Gesänge oder Kunstwerke wäre endlos, sie reichte vom alttestamentarischen "Hohelied der Liebe" über Vergils "Georgica" zu Lucas Cranachs d. Ä. "Venus mit Amor als Honigdieb", Maurice Maeterlincks "Das Leben der Bienen", Joseph Beuys’ "Honigpumpe am Arbeitsplatz" oder Gerhard Roths 2022 posthum erschienenem Werk "Die Imker". Im Medium des Comics war es Wilhelm Busch, der den Bienen in "Schnurrdiburr oder Die Bienen" (1872) bereits vor 150 Jahren ein fröhliches Denkmal gesetzt hat.

Hommage ist Harms Bienencomic im besten Sinn. Die ästhetische Annäherung konzentriert sich auf die Biene selbst, die Farben Gelb und Schwarz als Körpermerkmale des Insekts durchstreifen den Comic Seite für Seite. Nur gelegentlich kommt etwas Lachsfarbe dazu. Flächige Farbpanels kontrastieren mit filigranen Bleistiftstrichen auf weißem Hintergrund. Details von Flügeln, Blüten oder Halmen ziehen die Aufmerksamkeit der Betrachter auf sich. Dabei vermittelt der Comic Sachinformationen. Er skizziert den Ausflug zur täglichen Nektar- und Pollenernte, die faszinierende Sprache der Bienen, die sich teils in Tänzen artikuliert. Doch dann gelangt der Comic rasch zu den Ursachen für das Bienensterben, die Varroamilbe als Überträgerin von Krankheiten etwa, die inzwischen - mit Ausnahme von Australien - weltweit agiert. Zu den menschengemachten Hauptursachen gehört eine hochgradig bienenfeindliche Landwirtschaft. Die Errungenschaften der Monokulturen bedeuten für Bienen und andere Insekten endlose blütenlose grüne Wüsten. Während die Honigbiene mit menschlicher Hilfe überlebt, drohen wild lebende Bienen und Insekten, die für die Bestäubung von Blüten ebenso wichtig sind, auszusterben. Die Insektenbiomasse, also die Gesamtheit aller Insekten, so bestätigt der renommierte Bienenexperte Jürgen Tautz in seinem Nachwort, "nimmt drastisch ab".

In stichwortartigen und mitunter elliptischen Sätzen führt Hanna Harms in die Lebenswelt der Bienen ein. - © Carlsen
In stichwortartigen und mitunter elliptischen Sätzen führt Hanna Harms in die Lebenswelt der Bienen ein. - © Carlsen

Hochgiftige Pestizide, Neonicotinoide, greifen das Nervensystem der Bienen an, zerstören ihr Langzeitgedächtnis und bescheren ihnen einen langsamen Tod. Die Ausbeutung der Bienen als Bestäubungsvehikel, die außer einer instrumentellen keiner andern Vernunft mehr verpflichtet ist, geht so weit, dass pestizidverseuchter Honig als ungenießbares Nebenprodukt in Kauf genommen wird. Auswirkungen des Klimawandels, etwa dass Blüten aufgrund von Hitze weniger Nektar produzieren, oder, selbsterklärend, die noch immer rasant steigende Bodenversiegelung kommen als weitere Widrigkeiten hinzu. Gerade in diesem Bereich weisen auch Privatpersonen bienenschädliches Verhalten auf, indem sie ihre Gärten in Steinwüsten oder glattrasierte Rasen verwandeln. Andererseits offenbaren sich heute Städte überraschend als kleine Refugien und Inseln der Hoffnung.

Aufruf zur Veränderung

Fast stichwortartig, in kurzen, mitunter elliptischen Sätzen skizziert der Comic die ineinander verwobenen Probleme. Die Situation ist bedrohlich, doch das Anliegen der Autorin ist zu allererst die Wahrnehmung der Bienen, ihrer Sichtweise. Welche enormen Hindernisse zum Überleben errichten wir Menschen ihnen? Der Comic wirbt um eine Veränderung unserer Betrachtungsweise und tut das mit den Mitteln der Ästhetik, in der selbst Infografiken in konkrete Poesie verwandelt erscheinen. Die Zeichnungen und Bilder, Farben und Formen sprechen uns auf einer anderen als rein kognitiven Ebene an. So entfaltet dieses Büchlein eine bemerkenswerte poetische Kraft. Der poetische Akt selbst entpuppt sich als politischer: Wir müssen unsere Beziehung zu den kleinen Tierchen überdenken. Wir brauchen eine andere Art der Landwirtschaft! In einem Land, in dem kein Honig fließt, kommt auch die Milch ins Stocken.