Ungefähr einmal in der Woche, wenn die Jungs aus der Nachbarschaft mit einer neuen Ladung Zementtaschen ankommen, schlägt Juliet Namujju vor Freude die Hände zusammen. "Ich bezahle ihnen 2.000 Shilling pro Tasche", sagt die 25-Jährige auf dem Sofa ihres kleinen Büros. In Euro sind das gut 50 Cent, für die Jungunternehmerin kein geringer Preis. Dabei sind die Teile für sie nicht wegen des Inhalts kostbar. Zement enthalten sie ohnehin nicht mehr. Juliet Namujju will nur die Taschen selbst. "Für mich sind sie Rohstoff. Ohne sie könnte ich meine Arbeit nicht machen."

In Maya, einer Kleinstadt rund 15 Kilometer westlich von Kampala, der Hauptstadt von Uganda, führt sie hinter einer holprigen Auffahrt durch ihre Produktionsstätte. "Da vorne designe ich mit zwei Kolleginnen unsere Produkte. Hier links wird genäht. Und hier machen wir Teambesprechungen. Die anderen Abläufe finden draußen statt." Draußen heißt: an Baustellen, Straßenrändern und auf Müllhalden, wo Plastikabfall eingesammelt wird.

"Hier bei uns entstehen nur die letzten Schritte", sagt Juliet Namujju und deutet vom Sofa, wo sie sich niedergelassen hat und ihren hochschwangeren Bauch hält, durch die drei kleinen Räume. "Wir wollen mit Mode und Accessoires die Welt verbessern", behauptet sie.

Hier, am Rande von Kampala, scheint mehr dran zu sein als nur ein PR-Spruch. Kimuli Fashionability sammelt Müll, um daraus etwas Begehrenswertes zu schaffen. Das Angebot reicht von Handtaschen über Portemonnaies bis zu Regenjacken. "Wir müssen noch viel mehr machen", sagt die Gründerin. "Die Probleme sind schon überall."

Plastikmüll überall

Tatsächlich ist das Müllproblem hier schwer zu übersehen: Plastikflaschen rollen den Straßenrand entlang, gebrauchte Verpackungen verunstalten Grünflächen und Felder, manchmal fliegen Tüten durch die Luft. Die schätzungsweise 600 Tonnen Plastikmüll, die das ostafrikanische 46-Millionenland täglich verursacht, sind zwar ein Bruchteil von den gut 30.000 Tonnen pro Tag in einem Industriestaat wie Deutschland. Da in Uganda aber kaum recycelt wird, sticht das Problem umso deutlicher ins Auge.

Wo man auch hinsieht: Müll ist meist im Blickfeld. Und das hat Folgen für die Umwelt. Der Nalubaale, der zweitgrößte Süßwassersee der Welt, den man in Europa als Victoriasee kennt, verliert wegen der Verschmutzung nach und nach an Leben. Eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren ist in Gefahr. 40 Millionen Menschen hängen ökonomisch vom See ab.

Zumindest in der direkt am Victoriasee gelegenen Metropolregion Kampala, wo diese Probleme omnipräsent sind, werden Lösungen gesucht. Ähnlich wie Kimuli Fashionability ist in den letzten Jahren eine Vielzahl sozialorientierter Unternehmen entstanden, die den Plastikmüll gewinnbringend einsetzen oder ersetzen wollen.

15 weitere Kilometer westlich, hoch auf den Hügeln der Stadt Mpigi, liegt seit acht Jahren die "Social Innovation Academy", oder kurz: SINA. Es ist eine Siedlung für sozialorientierte Start-ups. "Ohne diesen Ort hätte ich heute mein Unternehmen nicht", sagt David Monday und zeigt um sich: links ein größeres mehrstöckiges Gebäude, daneben eine Hütte, die Snacks verkauft, gegenüber, hinter einem gut gepflegten Beet, ein Tagungszentrum. Müll ist nicht zu sehen.

"Die meisten der Häuser hier habe ich gebaut", sagt der 36-jährige David Monday. Schnell fällt an den Gebäuden ein verbindendes Element auf: Aus der Fassade blitzen Deckel oder Böden von Plastikflaschen. "Dazu gibt es eine Geschichte", sagt der schmächtige Gründer mit breitem Kreuz, bittet in ein rundes Haus und setzt sich auf eine Pritsche aus Holz. "Als ich ein Kind war, kam mein kleiner Bruder bei starken Regenfällen ums Leben. Er war erst sechs, fiel in einen Abwasserkanal. Von den vielen Plastikflaschen wurde er nach unten gedrückt. Deshalb überlebte er nicht."

David Monday hebt den Zeigefinger: "Ich dachte mir, wenn Plastik ein so starkes Material ist, dass es Menschen töten kann, muss man es doch auch konstruktiv nutzen können." 2014 gründete Monday in Mpigi seinen Betrieb "Upcycle Africa Limited".

Bevor er sein Unternehmen gründete, arbeitete er einige Jahre auf dem Bau, wo er sich Grundregeln der Statik und Architektur abguckte. So kam er auf die Idee, dass mit Erde gefüllte Plastikflaschen einen harten, feuersicheren Baustoff ergäben. "Die Lücken fülle ich mit einer Mischung aus Sand und Zement, so ziehe ich Wände hoch. Die Dachziegel bestehen aus aufgeschnittenen Autoreifen, Ziegeln oder Stroh. Der Boden ist ein Gemisch aus Beton, Sand und Eierschalen."

Über 100 Häuser hat Upcycle Africa bis jetzt gebaut. Der Bauvorgang für ein einstöckiges Häuschen von rund 30 Quadratmetern dauert zwei Monate und kostet rund 1.300 Euro.

Schicksal in die Hand nehmen

Die beiden Gründer haben eine Gemeinsamkeit: Ihre Unternehmen verdanken sie SINA. Die Non-Profit-Organisation, die auch in anderen Teilen Ugandas sowie in Simbabwe und Kongo Ableger hat, ist die Schöpfung des Berliners Etienne Salborn. Der hatte nach seinem Schulabschluss im Jahr 2006 statt dem Wehrdienst soziale Arbeit in Uganda geleistet.

Mit Spendengeldern aus Deutschland und anderen wohlhabenden Ländern hat es sich SINA zum Auftrag gemacht, dabei zu helfen, dass die jungen Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. "Wer sich bei uns bewirbt, kann für ein Jahr zum Beispiel in der Siedlung in Mpigi wohnen", sagt Tonny Wamboga am Abend in einem Burgerladen im Zentrum von Kampala. "Da oben erhält man einen Kurs zu Entrepreneurship, um die eigene Geschäftsidee zu entwickeln." Tonny Wamboga, ein kräftiger Typ in dunklem Sweatshirt, arbeitet für SINA als Operations Manager, PR-Offizieller und Fundraiser in Personalunion.

Den Job wiederum hätte er kaum bekommen, wenn er ab 2016 nicht selbst bei SINA gelernt hätte. "Ich hatte Glück, von den 180 Bewerbern einen Platz zu erhalten."

Wambogas Ziel, das er neben seinem Job bei SINA weiterverfolgt, ist seitdem der Sieg über die Plastikstrohhalme. "Ouroots Africa" heißt der Betrieb des 28-Jährigen, in dem er sechs Vollzeitkräfte beschäftigt. "Wir gehen auf die Felder, fällen das Gras, schneiden, waschen, labeln und verpacken es." Das Problem: Während ein einzelner Plastikstrohhalm in Uganda rund 100 Shilling kostet (2,6 Cent), ist ein Halm aus Luseke dreimal so teuer. Weil er sich wiederverwerten lässt, zählen schon einige Hotels und Restaurants in Kampala zu Wambogas Kunden.

Ouroots Africa steht vor der gleichen Herausforderung wie Kimuli Fashionability, das mittlerweile 25 Personen beschäftigt, und Upcycle, für das bei einer Baustelle mehr als 100 Menschen arbeiten: Es fehlt an Zugang zu Kapital. "Wenn du nicht schon ordentlich Kapital auf dem Konto hast, gibt dir keine Bank einen Kredit", sagt Wamboga. Auch dem Start-up-Inkubator SINA fehlt es an Mitteln. "In jede erfolgreiche Bewerberin und Bewerber können wir über ein Jahr ungefähr 2.000 US-Dollar investieren", rechnet Tonny Wamboga vor. "Drei Viertel unserer Absolventen setzen dann auch wirklich ihre Geschäftsidee um." Danach sind die Betriebe, von denen sich ein Großteil des Plastikproblems annimmt, finanziell auf sich allein gestellt. "Die meisten unserer Start-ups gelangen irgendwann an einen Punkt, an dem sie dann jenseits von 10.000 oder vielleicht 20.000 US-Dollar Jahresumsatz kaum noch wachsen können."

Wobei der Durchbruch mehrerer Start-ups von Kampala längst nicht nur deren Gründern helfen würde.