In einem Lied meinte Franz Schubert, das Wandern sei des Müllers Lust. Und die des Meier, fallweise mit "y" und ohne zweites "e", versteht sich, und auch Slavik, Kratochwil, Bauer, Horvath und wie sie alle heißen, wandern. Es wandern Ärzte, IT-Spezialistinnen, Mechanikerinnen und Bäcker, es wandern Taxifahrer, Bankangestellte, Raketentechnikerinnen und Staplerfahrer. Die Billa-Kassierin wandert und der Croupier und die Modedesignerin. Alle, alle, alle wandern.

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Und wer’s bisher nicht getan hat, kann immer noch damit anfangen. Nur der innere Schweinehund wird ein wenig jaulen. Soll er doch! Vielleicht gleich am morgigen Tag des Wanderns den guten Vorsatz nehmen (und am Wochenende einhalten - wie wär’s?).

Nichts einfacher, als zu wandern!

Der erste Schritt zum Wandern scheint gemacht. - © getty images / Peter Dazeley
Der erste Schritt zum Wandern scheint gemacht. - © getty images / Peter Dazeley

Mehr als Sport

Wandern ist nur zur einen Hälfte Sport, zur anderen Hälfte ist es Kulturgut - wenn es nicht überhaupt 60:40 steht für das Kulturgut. Das Wandern steckt schließlich auch im Wort "bewandert": Wandern - eine Erfahrung. Nicht zufällig sagt Johann Wolfgang von Goethe: "Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert", und: "Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen." "Werther", "Faust", "Iphigenie", die Hälfte der besten deutschsprachigen Gedichte - wahrlich, es muss was dran sein am Wandern.

Auf also auf Goethes Rappen! Selbst, wenn nur ein Naturerlebnis oder ein Wohlgefühl herauskommt.

Als Wiener hat man die Stadtwanderwege quasi vor der Tür. Derer zwölf (plus zwei Variationen) sind es bisher. Bei ihnen ist auch für jeden Wanderanfänger etwas dabei: Bequem und eben geht es etwa im Prater zu, der Leopoldsberg ist schon eine kleine Herausforderung. Den Bisamberg erschnauft hingegen jeder und wird mit einer herrlichen Strecke belohnt: Unten durch uralte Kellergassen vorbei am Ritter Luchi, oben mit einer beglückenden Aussicht auf Wien, und dann durch Wäldchen, die im Spätherbst oder an wärmeren Wintertagen eine ganz eigene Atmosphäre haben, besonders wenn sich die Nebel in ihnen fangen.

Eigentlich braucht man nur gutes Schuhwerk. Und, der Wanderprofi weiß das, gute Socken. Die sind ebenso wichtig. Denn auch an den Socken liegt’s, ob man Blasen bekommt, diese lästige Wanderbegleiterscheinung, oder nicht. Zum Scheuern wie zum Verhindern davon gehören nämlich zwei: Schuh und Socke. Etliche Wanderprofis empfehlen, zwei Socken übereinander zu tragen: Dünne auf der Haut, darüber dicke aus wasserabsorbierenden Fasern.

Was noch? - Rucksack mit Wasser, Traubenzucker und Müsliriegel, Desinfektionsmittel und Verbandszeug für den Notfall, und die Karte nicht vergessen. Die Karte ist wichtig. Unbedingt! Denn Wegweiser kann man übersehen, sie können heruntergefallen sein oder verschoben.

Aber, bitte, alle Ausrüstung mit Augenmaß zusammenstellen. So findet man auf den meisten Stadtwanderwegen Möglichkeiten, sich mit Getränken und kleinen Snacks zu versorgen. Da braucht man keine zwei Liter Wasser mitschleppen. Selbst auf der Bisamberg-Tour sieht man bisweilen Wanderer mit einer Ausrüstung, als gingen sie den alten Pilgerweg nach Mariazell. Mindestens.

Es gilt also - und das keineswegs nur bei den Stadtwanderwegen: Vor der Wanderung die Route genau ansehen und überlegen, wie viel man mitnehmen muss und was man unterwegs bekommt. Ins Blaue hinein wandern oder im letzten Moment die Strecke umdisponieren und eine andere ausprobieren, sollten nur Wanderer machen, die sich ihrer Kondition und ihrer Ortskenntnisse sicher sind.

Entsprechend ausgerüstet, hält einen aber wirklich nichts mehr.

Immer freilich heißt es: Das eigene Tempo wählen, den eigenen Rhythmus finden. Wenn jemand schneller ist, ist er eben schneller. Wandern ist kein Wettkampf, Wandern ist Balsam für die Seele. Der eine hat einen schnelleren Schritt, der andere einen gemächlicheren. Die Größe spielt eine Rolle: Kleinere Menschen sind oft flotter unterwegs, obwohl große Menschen eine größere Schrittlänge haben, wird auf den Wanderseiten im Web konstatiert. Vielleicht nimmt sich einmal ein Physiker der Sache an und findet die Formel, wie das alles zusammenhängt. Bis dahin gilt, dass man für einen Kilometer in etwa vierzehn Minuten braucht.

Unesco-
Welterbe

Wandern jedenfalls ist Kult geworden. Seinerzeit war es den Handwerksgesellen geboten, auf die Walz zu gehen, denn nur auf der Wanderschaft konnten sie ihre Kenntnisse erweitern. Seit 2015 gehört die Walz gar zum Immateriellen Kulturerbe der Unesco.

"Wandern ist die vollkommenste Art der Fortbewegung, wenn man das wahre Leben entdecken will. Es ist der Weg in die Freiheit", sagt die Schriftstellerin Elizabeth von Arnim und - nochmals - Goethe: "Die erhabene Sprache der Natur, die Töne der bedürftigen Menschheit lernt nur der Wanderer kennen."

Es ist etwas Transzendentales am Durchmessen von Strecken auf den eigenen Beinen.

James Cook gilt als größter Seefahrer aller Zeiten. Das ist ziemlich unumstritten. Gibt es auch einen größten Wanderer aller Zeiten?

Der Wiener Hofkammerbeamte Joseph Michael Kyselak könnte auf jeden Fall einen Anspruch geltend machen. Der Wandertrieb des 1798 geborenen Wieners ist ein Phänomen. Als die Hofkammer 1825 nach mehreren Praktikantenjahren Kyselaks dessen Ersuchen um Beförderung zum Registraturs-Accessisten ablehnte, machte er sich auf seinen größten Weg: Er wanderte nach Graz, von dort über die Alpen und Tauern nach Bad Gastein, weiter nach Hallein und Berchtesgaden. Von dort wanderte er über den Alpenhauptkamm nach Sterzing, danach ins Ötztal, von dort nach Innsbruck, von Innsbruck nach Salzburg. Auf Flößen fuhr er nach Passau und kehrte dort, jetzt allerdings per Schiff, nach Wien zurück. Vier Monate war Kyselak unterwegs.

"Kyselak war hier"

Legendär wurde er freilich durch eine andere Marotte, die angeblich einer Wette entsprang: Wo Kyselak auch hinkam, ritzte er seinen Namen ein. Eine Säule im Wiener Schwarzenbergpark ziert er bis heute. Dass Alexander von Humboldt freilich auf dem Chimborazo den Schriftzug "Kyselak 1837" vorgefunden haben soll, ist nachweisbar eine Legende. Erstens bestieg Humboldt den ecuadorianischen Berg bereits 1802, zweitens war Kyselak 1837 nicht mehr am Leben. Er war 1831 der Cholera-Pandemie zum Opfer gefallen.

Wer wandert, braucht Lieder. Das ist keine romantische Verklärung, sondern praktisches Denken. Mit einem Wanderlied lässt sich der Rhythmus des Gehens am besten halten. "Im Frühtau zu Berge" hat man aus dem Musikunterricht in der Schule noch im Ohr. Die etwas ältere Generation kennt auch noch "Wenn die bunten Fahnen wehen", das allerdings in den letzten Jahren als Wanderlied der Hitlerjugend enttarnt wurde. Aber da wären ja noch die "Bergvagabunden", die man getrost auch in der Ebene singen kann. Oder wie wär’s mit dem Evergreen aller Wanderlieder, "Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus"?

Mit einem Lied geht man besser

Man kann ja auch, ein bisschen Snobismus sein, den Schubert vor sich hin summen, der ist ohnedies schon ein Volkslied geworden.

Die Wanderlieder der anderen Klassiker sind indessen so eine Sache. Von Hugo Wolfs "Fußreise" sei eher abgeraten - schön ist sie als Kunstlied, aber wer dazu wandern will, macht sich einen Knoten die Beine. Und Gustav Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen" sind so stilisiert, dass sie für die Praxis nicht taugen. Sie waren ja auch nie als solches gedacht.

Lieber gleich was Eigenes bauen? Geht ganz leicht. Rhythmus der Füße - hm-ta-hm-ta, schon ist die Melodie da, "Wandern tut der Wandersmann, weil er tüchtig wandern kann. . ."

Ja, sicher, Goethe ist das nicht.

Noch nicht.

Vielleicht kommt’s ja noch mit dem Wandern.

Und wenn nicht: auch gut. Dann war das Wandern nur Wellness für die Seele. So meint es der deutsche Essayist Josef Hofmiller, wenn er sagt: "Wandern ist eine Tätigkeit der Beine - und ein Zustand der Seele."

Was soll also das despektierliche "Nur"?

Was will denn einer mehr!

Also auf und hinaus und es dem Goethe nachtun und dem Müller und allen anderen, die wandern, weil das Wandern allen und nicht nur dem Müller eine Lust ist.