Im Weinland Österreich sind die beliebtesten Weinsorten - wie etwa Grüner Veltliner, Zweigelt, Welschriesling und Sauvignon Blanc - auch Laien ein Begriff. Noch nicht so bekannt sind jedoch die sogenannten PIWI-Rebsorten. PIWI steht für "pilzwiderstandsfähig" und trägt dabei im Namen, worum es sich handelt: um Rebsorten, die eine höhere Widerstandsfähigkeit gegen Pilzkrankheiten aufweisen. Und diese ist auch notwendig, denn besonders der (Echte und Falsche) Mehltau stellt eine große Gefahr für den Weinanbau dar, da er große wirtschaftliche Schäden durch Ernteverluste und schlechte Weinqualität verursachen kann.

Der Pilzbefall entzieht den Pflanzen Nährstoffe, die Beerenentwicklung bleibt stark zurück, sie springen auf und vertrocknen. Befallene Beeren im Lesegut können zu negativen Geruchs- und Geschmacksnoten im Wein führen. Um diese Probleme zu vermeiden, werden im Weinbau grundsätzlich große Mengen von Pflanzenschutzmitteln verwendet. Laut Analysen des statistischen Amtes der EU (EuroStat) ist der Pestizid-Einsatz im Weinbau pro Hektar und Jahr mit Abstand der größte aller landwirtschaftlichen Sektoren. Der Einsatz von Kunstdünger ist nicht nur für die Böden ein Problem, sondern auch für die Pflanzen selbst: Er schwächt die Reben, da sie nicht mehr tief wurzeln können. Außerdem besteht die Vermutung, dass Pestizide krebserregend sind.

Aufwendiger Prozess

Das Weingut Hirschmugl schuf vor 15 Jahren eine der ersten und größten Versuchsanlagen für PIWI-Sorten. - © Hirschmugl
Das Weingut Hirschmugl schuf vor 15 Jahren eine der ersten und größten Versuchsanlagen für PIWI-Sorten. - © Hirschmugl

Um den Pestizideinsatz zu verringern, wurden in den letzten Jahren die PIWI-Rebsorten entwickelt, die eine höhere Widerstandsfähigkeit mitbringen und somit weniger "gespritzt" werden müssen. Das Züchten neuer Rebsorten ist allerdings mit großem Aufwand verbunden. In diesem Fall wurde die klassische Kreuzungszüchtung betrieben, bei der man mit dem Pollen (Blütenstaub) einer "Vatersorte" die kastrierten Blüten einer "Muttersorte" künstlich bestäubt. Die Kerne der daraus entstehenden Beeren, die dann ausgesät werden, enthalten die neu kombinierte Erbinformation. Die Entwicklung von neuen Rebsorten stellt also ein Generationenprojekt dar. In Europa und langsam auch in Amerika sind PIWI-Rebsorten im Trend und teils bereits etabliert.

In Österreich wird generell zwischen Wein mit Herkunft ("Landwein", "Qualitätswein", "DAC") und Wein ohne Herkunft ("Wein aus Österreich") unterschieden. Für die Einreihung in die verschiedenen Kategorien sind die Herkunft der Trauben und der Zuckergehalt des Mostes entscheidend. Beim Qualitätswein müssen die verwendeten Trauben aus nur einem Weinbaugebiet stammen. Mittlerweile gibt es fünf PIWI-Qualitätsweine, die in Österreich hergestellt werden: Blütenmuskateller, Muscaris und Souvignier gris (weiß) sowie Rathay und Roesler (rot). Die restlichen PIWI-Rebsorten dürfen im Moment nur als Rebsortenwein ohne nähere geografische Angabe verkauft werden: Bronner, Cabernet blanc, Donauriesling, Donauveltliner und Johanniter (weiß) sowie Cabernet Jura, Pinot Nova und Regent (rot). Die Züchtungen sind auf Lockerbeerigkeit ausgelegt, was bedeutet, dass zwischen den einzelnen Trauben mehr Abstand besteht als bei anderen Sorten. So können sie nach Niederschlag schneller trocknen, was wiederum Fäulnis entgegenwirkt, und die einzelnen Trauben bekommen auch mehr Sonne ab.

Bis heute haben die PIWI-Sorten einen schweren Stand bei Winzern, Winzerinnen und ihrer Kundschaft. Das liegt vor allem an dem alten Grundsatz "Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht". Besonders die Franzosen sind den neuen Rebsorten gegenüber wenig aufgeschlossen. Auch die teils gewöhnungsbedürftigen Namen tragen zur Skepsis bei. Das Bekanntheitsproblem wird von der Gastronomie und dem Weinhandel reproduziert, da diese sich teils vor den neuen Sorten scheuen und sie den Endkunden und -kundinnen gar nicht erst anbieten.

Win-win-win

Dabei bieten die PIWIs Vorteile für alle Beteiligten. Der verringerte Pestizideinsatz freut nicht nur die Böden, sondern auch die Weinbauern und -bäuerinnen, denn er bedeutet für sie weniger Aufwand, weniger Dieselverbrauch für Traktorfahrten und weniger Kosten allgemein (und somit mehr Gewinn). Der Boden bleibt lockerer, es wird weniger CO2 freigesetzt, die Anbausicherheit steigt. Die meisten PIWI-Weingärten werden zusätzlich biologisch bewirtschaftet. Und auch indirekt wird das Klima geschont: Durch den reduzierten Bedarf an Pflanzenschutzmitteln werden die Ressourcen der Herstellung der Fungizide gespart. Fauna und Flora im Weinberg profitieren ebenso: Ob Bienen, Nattern, Schmetterlinge oder Vögel, ein ökologischerer Weinbau verbessert ihre Lebensbedingungen.

PIWI-Pionier

Ein Betrieb, in dem versucht wird, Wein im Einklang mit der Natur herzustellen, ist das Weingut Hirschmugl. Darin ist auch die Erklärung für seine ungewöhnlichen Flaschenetiketten zu finden: Eine Natter ziert jede Weinflasche, die das südsteirische Weingut verlässt, da sich die Nattern in den Weingärten wohlfühlen. Die Hirschmugls sind Pioniere auf dem Gebiet der PIWI-Rebsorten, sie pflanzten vor 15 Jahren die ersten fünf Hektar PIWI-Wein in der Steiermark und schufen damit eine der größten Versuchsanlagen. Bei der diesjährigen PIWI-Jubiläumsverkostung wurden 15 Jahre PIWI-Weingarten gefeiert und die Rebsorten Muscaris, Cabernet Blanc und Cabertin verkostet. Muscaris entstand aus einer Kreuzung des in Österreich beliebten Muskateller mit Solaris und bringt eine feine Zitrusfrische, Fruchtigkeit und Muskatnoten mit. Bei Cabertin und Cabernet Blanc ist jeweils Cabernet Sauvignon mit einem Resistenzpartner gekreuzt worden - welcher genau, gibt der ursprüngliche Züchter nicht bekannt. Der rote Cabertin bietet Bitterschokolade- und Beerennoten, der weiße Cabernet Blanc erinnert mit seinen Paprikanoten an Sauvignon Blanc.

Nachhaltige Gründe

Anton und Astrid Hirschmugl kauften die Landwirtschaft vor 15 Jahren als Obstbaubetrieb, fünf Hektar wurden jedoch gleich in Weinbauflächen umgewandelt. Zu Beginn war der PIWI-Weinbau laut Anton Hirschmugl kein Selbstläufer, die gesetzlichen Rahmenbedingungen machten die Umsetzung schwierig und als Pionier konnte auch nicht auf die Erfahrungen anderer Winzer zurückgegriffen werden. Trotzdem war es nie sein Plan, nur konventionelle Sorten anzubauen: "Mein Ziel war es, mit möglichst geringem Einsatz von Pflanzenschutz Wein zu machen. Wein ist eine Geschichte, die sich entwickelt." Mittlerweile werden auf 18 Hektar verschiedene Lagen in der Südsteiermark mit PIWI- und klassischen Sorten bewirtschaftet, unter anderem am Seggauberg, im Sausal-Gebiet oder in Spielfeld. Kellermeister Alexander Scherübl ist überzeugt: "Wein entsteht im Weingarten, nicht im Keller". Trinkfluss, Lagerfähigkeit und eine filigrane Mineralik stehen für ihn im Vordergrund.

Die PIWIs bezeichnet er lieber als "Neue Züchtungen", da ihnen gegenüber bei vielen noch Skepsis vorhanden ist. Die neuen Sorten keltert Scherübl aber nicht nur aus Überzeugung, sondern auch aus praktischen Gründen: "Auf Extremsteilhängen setze ich gern Muscaris, weil es da natürlich besonders praktisch ist, wenn man nicht spritzen muss." Das umweltbewusste Handeln macht sich auch anderweitig bemerkbar: Neben Nattern fühlen sich auch Bienen bei Imkerin und Weinverkäuferin Victoria Sturm wohl, sodass mitten zwischen den Weinbergen Bio-Honig hergestellt werden kann.

Das steigende Bewusstsein für Nachhaltigkeit wird den Vormarsch der PIWI-Weine wahrscheinlich in den kommenden Jahren begünstigen. Bis bei den Produzenten und Produzentinnen sowie bei der Kundschaft die Neugier auf Neues über das Vertrauen in Bewährtes siegt, kann es allerdings noch ein bisschen dauern.