I hope it won’t get dumbed down like other museums", sagt eine junge Besucherin im Museum of London. Es ist der 4. Dezember, und heute öffnet das Museum zum letzten Mal seine Pforten am Standort in der City of London. 45 Jahre lag das Haus direkt an Überresten der alten römischen Stadtmauer und am Barbican, einem der größten Kulturzentren Europas. Veränderungen sind per se nichts Schlechtes, sie bergen Potenzial, aber auch Risiken: Vom "dumbing down", also dem Verdummen, im Museumskontext schrieb der linksliberale "Guardian" schon vor 20 Jahren. Damals ging es darum, Ausstellungsräume im Londoner Science Museum an Starbucks und Burger King zu vermieten und das Museum in einen kommerziellen Freizeitpark zu verwandeln. Die Köpfe dahinter meinten, dass das Haus nur so überleben könne. Die junge Frau, die um die zunehmende Verdummung Sorge trägt, möchte sich nicht als elitär missverstanden wissen, sondern wittert einen Verblendungsprozess, bestehend aus Gastro, Konsum und Disneyfizierung.

Das Museum of London erhält eine neue Heimstatt. Ein traditionsreicher Fleischmarkt muss ihm Platz machen. 
- © getty images / Vuk Valcic

Das Museum of London erhält eine neue Heimstatt. Ein traditionsreicher Fleischmarkt muss ihm Platz machen.

- © getty images / Vuk Valcic

Als jüngeres Highlight der Museumsverblödung ließe sich die Bob-Marley-Blockbuster-Schau "One Love Experience" in der Saatchi Luxusgalerie von Anfang 2022 heranziehen, in der der Musiker kommerziell und ohne kritischen Anspruch ausgeschlachtet wurde. Zwischen Plastikbäumen, Rauchschwaden und Kunstrasen, auf dem man für 65 Pfund eine Yoga-Session buchen konnte, erfuhr man: genau gar nichts. Der Nutzen dieses aufgeblasenen Wohlfühlparcours? "Instagrammable moments!", sagte der für die Schau verantwortliche Jonathan Shanks damals der "Wiener Zeitung".

Spielplatz Museum

Solch immersive Wanderausstellungen - von Frida Kahlo bis van Gogh in 3D - sind Beispiele für lukrative Themenparks mit fragwürdigem Niveau, die versuchen, sich die Maske von Kunst und Bildung aufzusetzen. Eine ähnlich angelegte Harry-Potter-Schau eröffnet im Dezember in der Metastadt Wien. Wenn diese Strategien aber auf öffentliche Ausstellungshäuser übergreifen, wird es problematisch. Und diese Befürchtung liegt auch für das Museum of London in der Luft, obwohl der freie Eintritt eigentlich das Gegenteil versprechen sollte.

Thema des Hauses ist die wechselvolle Geschichte Londons: von der vorrömischen Zeit über Pest, Weltkriege, Beatles und Sex Pistols bis zur Gegenwart. Die letzte Sonderausstellung war dem East Londoner Musikstil Grime gewidmet. Der Wissenstempel offenbarte sich abwechslungsreich, niederschwellig, lehrreich. Es gab auch Spielecken für Kinder, aber das Ausstellungshaus - übrigens ein markanter Bau des Architektenduos Powell & Moya - war kein Spielplatz, der versuchte, sich als Museum zu tarnen.

Am neuen Standort soll sich der Ausstellungsraum von 17.000 auf 27.000 m² vergrößern, gleichzeitig wird die Kapazität von 700.000 Besuchern pro Jahr auf 2 Millionen wachsen, die sich in Shops und Cafés rundherum austoben können. Je mehr Besucher, desto mehr Förderung - und vor allem Kindergarten- und Schulgruppen erhalten so auch bei freiem Eintritt finanzielles Gewicht. Das Museum of London verspricht, "the most fun experience for children" zu werden - nur sollte man das Publikum nicht unterschätzen: ganz egal, welcher Altersgruppe.

2015 wurde der Plan verkündet, umzuziehen: auf den traditionellen Smithfield Market, den letzten erhaltenen Großmarkt im Londoner Zentrum. Seit mehr als 800 Jahren wird hier mit Fleisch gehandelt. Ab den 1860ern baute hier Horace Jones, der unter anderem auch für die Tower Bridge verantwortlich zeichnet, viktorianische Prachtbauten, die zehn Gehminuten vom alten Museumsstandort und fünf Minuten von der St. Paul’s Cathedral entfernt liegen. Eh alles dulli also, oder?

Kommt darauf an, wen man fragt. Die 2.000 Markthändler fürchten einen Geschäftsrückgang an ihrem erzwungenen neuen Standort. Wie viele Gehminuten es dorthin sind? Vier Stunden, in die östliche Peripherie nach Dagenham.

Drei Jahre protestierten die Marktbetreiber und blockierten ihren Rausschmiss, mittlerweile haben sie ihren Umzug akzeptiert. Offiziell zumindest. Hinter vorgehaltener Hand wird noch immer geflucht. Metzger, Restaurants, aber auch Privatpersonen aus London und dem Südosten Englands kaufen hier ihr Fleisch, die Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, Mitternacht bis sieben in der Früh. "Das ist das letzte Überbleibsel vom alten London, das geht zurück bis ins Mittelalter!", sagt ein Fleischtandler zu einem Kunden, der hier seit Jahren für seine Familie einkauft: "Das Fleisch am Markt ist wesentlicher preiswerter als im Supermarkt, man hat direkten Kontakt zu den Händlern und weiß, was man kriegt. Aber London drängt die Arbeiterklasse raus - und baut stattdessen neue Hochhäuser, die sich niemand leisten kann."

Lebendige Geschichte

Ein Herr mit roten Flecken auf weißer Schürze mischt sich im Vorbeigehen ein und ruft: "Und das ist der letzte Ort, wo man noch ordentlichen Cockney-Slang hört!" Auch das ist Londoner Kultur, die erhalten werden soll: und zwar nicht nur musealisiert, sondern lebendig.

Teile des Marktkomplexes aber wurden jahrzehntelang nicht genutzt und verrotteten: Von den letzten Ruinen mitten in der Stadt war die Rede, in deren Mitte allerdings der Markt blüht und der Schmäh rennt. Zahlreiche Pläne für eine Neuentwicklung wurden vorgestellt und wieder verworfen. Etwa der, mit dem Bulldozer Platz zu machen und statt dem historischen Wahrzeichen noch mehr gigantische Bürohochhäuser ins Stadtbild zu betonieren.

Sharon Ament, die Direktorin vom Museum of London, freut sich, dass dieser Plan nicht durchging. Sie hatte den Zuschlag erhalten und war überrascht von der Komplexität der denkmalgeschützten Bauten, die nun bereits teilsaniert wurden und ein vergessenes Tunnelsystem zum Vorschein brachten. Man rechnete eigentlich mit einem Umzug bis 2021 und Kosten von 70 Millionen Pfund - mittlerweile sind es 250 Millionen und die Eröffnung wird auf 2025 geschätzt.

Die Gewerkschaft beklagte mangelnde Kommunikation der Führungsebene des Museums und fürchtet um Arbeitsplätze, vor allem, da nun eine zweijährige Pause bevorsteht, in der die Sammlung kein Haus hat. Das Management hat versprochen, im Rahmen der gesetzlichen Vorlagen sein Bestes für die Mitarbeiter zu geben. Kann man davon zwei Jahre seine Rechnungen bezahlen?

Ähnlich wie die Museumsmitarbeiter fürchten auch die Markthändler, "obdachlos" zu werden, da das neue Marktgebäude nicht einzugsbereit sein wird, wenn sie ihr altes verlassen müssen: Mit dessen Fertigstellung rechnet man 2028. Es soll der größte Handelsmarkt Europas werden, an den auch der traditionelle New Spitalfields Market für Obst und Gemüse sowie der Billingsgate Fischmarkt zu ziehen haben. Greg Lawrence, der Vorsitzende der Smithfield Market Tenants’ Association, ist 72 Jahre alt und arbeitet am Fleischmarkt, seit er 16 ist. Er war eine federführende Stimme im Kampf gegen den Umzug, aber nun sagte auch er der "Islington Tribune": "Es ist vorbei, ich bin unendlich traurig. Das hier ist mein Leben."

Noch ein Glas-Hochhaus?

Das neue Museum of London soll mehr als nur ein Museum werden, ein "cultural hub", der früh aufsperrt und spät zu, um "Londons Status einer 24-Stunden-Stadt zu reflektieren", wie es in der offiziellen Ankündigung heißt: Ein Sickerwitz, denn London ist vieles, aber keine 24-Hours-City. In herkömmlichen Pubs ist um Mitternacht Sense, und die Öffnungszeiten scheinen sogar wieder strenger geworden zu sein.

Wo London rund um die Uhr funktioniert, ist absurderweise just die Gegend um den Smithfield Market: Hier hackeln die Fleischer die ganze Nacht durch und gehen dazwischen auf "a cuppa tea" und was zum Habern in eines der umliegenden Cafés, die 24 Stunden offen haben. Früher gab es hier auch Pubs mit großzügigen Öffnungszeiten, wo die Arbeiter, wenn schon nicht während ihrer Schicht, dann zumindest danach ihren Feierabend in aller Herrgottsfrüh begossen. Das war in Wien nicht anders, wo der Lebensmittelgroßmarkt bis 1972 am Naschmarkt sein Zuhause hatte und das Lokalleben an der Wienzeile prägte. Siedelt der Smithfield Market um, fehlt den Cafés ihre Nachtklientel und sie werden wohl ihre Öffnungszeiten anpassen, wenn nicht gar zusperren.

Eine weitere Frage ist, was mit dem "alten" Museum passieren soll. In das auffallende Gebäude wurden erst 2010 immerhin zehn Millionen Pfund zur Sanierung gepumpt, doch die City of London, das sagenumwobene Finanzviertel, will es nun komplett abreißen, um noch mehr gigantische Türme aus Glas und Stahl zu bauen - ein Plan, gegen den sich die Anwohner wehren.

Ausstellungshäuser sollten sich nicht die Frage stellen, wie sie sich verbiegen können, um mehr Besucher zu erhalten, sondern wie sie mehr Menschen auf ihre Schätze und das darin verborgene Wissen neugierig machen können. Neben Selbstbewusstsein ist dazu eine Rückbesinnung auf die eigentliche Rolle notwendig. Das Museum of London schuldet es seiner Stadt, für alle Altersgruppen attraktiv zu sein und sie nicht für blöd zu verkaufen. Ein Milkshake und ein Gimmick aus dem Museumsshop sind nicht der eigentliche Mehrwert.