Unfassbar, eigentlich - und eigentlich doch nicht unfassbar: 40 Prozent der Bevölkerung in 95 Ländern sind davon überzeugt, dass es Hexen gibt, die in irgendeiner Form Magie ausüben.

Das sind weder Fake News noch danebengegangene Satire in Sozialen Medien, sondern das Resultat einer Studie, die das Online-Fachmagazin "PLOS One", ein Organ der Public Library of Science, vorgestellt hat.

Laut dem Artikel spiegeln dabei die erheblichen regionalen Unterschiede den Grad der Säkularisierung und Aufgeklärtheit der Bevölkerung. So glauben etwa in Schweden nur 9 Prozent der Befragten an Hexerei, Österreich liegt auf etwa der gleichen Ebene. In Tunesien hingegen glauben 90 Prozent der Befragten an Hexen. Hohe Werte zeigen sich auch in Marokko, Tansania und Kamerun.

Religion spielt eine Rolle: Je religiöser, desto eher glaubt man auch an Hexen - es scheint also, dass die Bereitschaft zur Irrationalität eine Vorbedingung darstellt. Muslime sind dafür offenbar etwas anfälliger als Christen. Es zeigt sich auch, dass der Glaube an Hexerei abnimmt, je höher die Schulbildung ist.

Das sind die Fakten.

Schiere Unvernunft

Man hält es kaum für möglich, dass im 21. Jahrhundert tatsächlich noch Menschen an Hexerei glauben. Es bringt nichts, rein gar nichts, mit dem Finger auf Tunesien oder Marokko zu zeigen. Rund neun Prozent in Österreich ist ein hoher Wert angesichts dessen, dass ein einziger Mensch, der in einem dermaßen zivilisierten und aufgeklärten Land an Hexen glaubt, einer zu viel ist.

Andererseits ist offensichtlich, dass die schiere Unvernunft fröhliche Urständ’ feiert, befeuert durch die Sozialen Medien und die Echoblasen. Sie haben die Ursachen des antiken und mittelalterlichen Irr- und Aberglaubens modifiziert: Nicht das Unwissen ist jetzt die Wurzel, sondern das falsche Wissen, die Verschwörungstheorie.

Man braucht nicht einmal die Ex-
treme der Unvernunft wie Reptiloide, flache Erde oder Verschwörung des Weltjudentums als Beispiele heranzuziehen. Es genügt, an die Auswüchse in der Corona-Pandemie zu erinnern: Erst gab es Corona gar nicht, dann war das zuerst inexistente Coronavirus eine mehr oder minder unabsichtlich freigesetzte biologische Waffe, dann waren die Impfungen dagegen wahlweise wirkungslos oder ein Mittel von Bill Gates, die gesamte Menschheit zu verchippen, oder sie waren überhaupt tödlich. Und dann war es wie bei Jehovas Zeugen mit ihren Weltuntergangsprophezeiungen: Die genannten Todesdaten der Impflinge verstrichen, neue wurden genannt und verstrichen, und auch die danach genannten neuen verstrichen abermals. Dennoch kursieren nach wie vor die wissenschaftlich längst als falsch nachgewiesenen Coronavirus- und Impflegenden.

In der auf Amazon Prime laufenden CBS-Serie "Evil", die sich, frei nach "Akte X", um die Untersuchung von Wundern und Besessenheit dreht, sagt eine Figur, die Wissenschaft könne nur wiederholbare Ereignissen einordnen - was aber sei mit denen, die es auch gäbe, die aber nur ein einziges Mal stattfänden?

Das klingt zwar gut in den Ohren aller Paranormalitätsgläubigen, nur wird es schwerfallen, auch nur ein einziges Mal ein paranormales Phänomen unter wissenschaftlich kontrollierten Bedingungen zu realisieren. Alle diesbezüglichen Versuche haben sich als Betrug oder als natürliches Phänomen erwiesen - und wenn Filme "nach wahren Ereignissen" und "Sachbücher" noch so oft das Gegenteil behaupten: Einer, der als Geisterjäger arbeitet, hält die Existenz von Geistern für möglich. Er ist also prädisponiert.

Auf einem anderen Blatt stehen Volksglaube und Brauchtum. Vor kurzem etwa war Krampustag. Der Krampus, abgeleitet von Krampen (Kralle), ist entweder der Teufel, ein Teufel, ein Dämon aus heidnischer Zeit, jedenfalls, wie seine Verwandten, die Schiachperchten, ein Höllenbewohner.

Der Kinderschreck

Dass der Krampus heute nur noch als schwarzbezottelter Kinderschreck ein jämmerliches Dasein fristet, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Landbevölkerung früherer Zeiten in ihm und Seinesgleichen tatsächlich den Bösen und seine Vasallen zu erkennen glaubte und magische Methoden entwickelte, sie auszutreiben. Zumal in langen Winternächten, die von flackernden Feuern notdürftig erhellt wurden, Dämonen viel näher sind als in einer Stadt mit konstanter Straßenbeleuchtung. Außerdem ist der Städter in seinem Berufsleben weniger von Wind und Wetter abhängig als der Bauer.

Zwangsläufig wird der Bauer versuchen, Wind und Wetter vorherzusagen, etwa mithilfe der Bauernregeln. Er wird aber auch eher auf den Gedanken einer übernatürlichen Einflussnahme verfallen, wenn Wind und Wetter, die Ernte oder das Vieh Abnormitäten zeigen: Wie kann denn das sein, wenn er doch alles richtig gemacht hat, der Bauer, sowohl beim Werk der Hände als auch beim Beten am Sonntag in der Kirche?

Wenn das kein Schadenszauber war! - Sogar in der Bibel steht etwas von der Hexe von Endor.

Es waren aber nicht allein die weniger gebildeten Stände. Der englische König Jakob I. war dermaßen hexengläubig, dass William Shakespeare in seinen "Macbeth" Hexenszenen hineinschrieb, um seiner Majestät Geschmack zu bedienen: drei Hexen, die trügerisch die Zukunft vorhersagen und um einen Kessel tanzen.

"Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen", steht im zweiten Buch Mose, dem "Exodus". Das ist die Grundlage des abscheulichsten Verbrechens der beiden großen christlichen Religionen. Inwiefern freilich die Hexenprozesse tatsächlich Auswüchse des Aberglaubens waren oder den Aberglauben nützten, um patriarchale und kirchliche Macht- und Besitzansprüche durchzusetzen, bedürfte einer eigenen Untersuchung.

Die Angst der Männer

Zweifellos spielte auch die männliche Angst vor der mit Macht ausgestatteten Frau eine Rolle, was die Frauenbewegung nützte: Emanzipation und Magie macht die neuen Hexen aus - was, bei aller mitunter an den Tag gelegter Ernsthaftigkeit, doch ein kulturgeschichtliches Spiel bleibt.

Die Kehrseite der Medaille ist eine ganz reale Hexenverfolgung heute: Statt ein umfassendes Impfprogramm zu starten, beschuldigte die sozialistische Regierung des Benin noch in den 1970er Jahren alte Frauen, sie hätten mittels Schadenszauber eine Choleraepidemie verursacht. Im Kongo und in Nigeria wurden zu Beginn des 21. Jahrhunderts die "Hexenkinder" verfolgt, denen man die Schuld an Aids zuschob. Malawi hat ein Gesetz gegen Hexerei eingeführt, in Saudi-Arabien wird Hexen die Todesstrafe angedroht. In Tansania kommt es jährlich zu 100 bis 200 Morden an Frauen und fallweise Männern, die der Hexerei beschuldigt werden. Auch aus Papua-Neuguinea liegen erschreckende Berichte von Hexenverfolgungen vor.

Die Unvernunft ist unausrottbar: Solange der Mensch denkt, so scheint es, kann er Unsinn denken.

Mit neun Prozent seiner Bevölkerung ist auch Österreich dabei.