Wir können hier nur nach oben bauen, nicht nach unten", sagt Matt Wilcock. Der Friedhofspfleger muss es wissen. Er zeigt auf den Boden und fügt hinzu: "15 Zentimeter unter uns liegen 15.000 Menschen."

Der Cross Bones Graveyard ist ein aufgelassener Armenfriedhof aus der frühen Neuzeit in Southwark, südlich der Themse. Er wird seit 2013 vom Bankside Open Spaces Trust (BOST) verwaltet, der sich für Grünflächen im Bereich der Londoner Postleitzahl SE1 zwischen dem National Theatre und der London Bridge einsetzt. Wilcock kümmerte sich zuvor um den Friedhof in Hull und landete eher zufällig über eine Anzeige vom BOST bei diesem doch sehr speziellen Gottesacker. Grabsteine sucht man hier vergeblich - die rechteckige Betonfläche mit herauswuchernden Pflanzen erinnert eher an einen verwilderten Parkplatz.

Matt Wilcock pflegt den aufgelassenen Gottesacker in Southwark. - © Clemens Marschall
Matt Wilcock pflegt den aufgelassenen Gottesacker in Southwark. - © Clemens Marschall

Die Stätte liegt außerhalb der historischen Stadtmauer und damit auch außerhalb der Gerichtsbarkeit der City of London. Das Sagen hier hatte lange Zeit der Bischof von Winchester, und der ermöglichte in diesem berüchtigten Slum, genannt "The Mint", Bordelle und Tierschaukämpfe, nicht allerdings aus Nächstenliebe - sondern wegen klingender Kasse: Die Steuereinnahmen auf Pfuigack waren als Argument stark genug, um dem wachenden Herrn ein Auge zuzudrücken - und die Hand zu öffnen: der Bischof als größter Zuhälter Großbritanniens.

Die als "Single Women" umschriebenen Prostituierten in dem damaligen Sündenpfuhl wurden zu Ehren des Bischofs "Winchester Geese" ("Winchester-Gänse") genannt. Sollten renitente Gestalten dem Gottesmann die Steuerabgabe verweigern, konnte er sie gleich in das neben seiner Bischofsresidenz liegende Gefängnis "The Clink" stecken. "The Mint" war eine der ärmsten und brutalsten Gegenden der Stadt, auch Polizisten gingen dort nur ungern patrouillieren - und nicht einmal die Toten hatten ihre Ruhe: Leichenräuber bedienten sich des Friedhofs, um dem nahegelegenen Guy’s Hospital anatomisches "Forschungsmaterial" zu liefern.

Die Gänse-Vision

Die Grabstätten waren - trotz Leichendiebstahls - völlig überbelegt, und so fand hier, auch aufgrund gesundheitlicher Bedenken, 1853 die letzte Beisetzung statt. 30 Jahre später wurde das Land zum Baugrund umgewidmet - doch es gab Widerstand aus der Bevölkerung, auf dem Totenfeld Bauten zu errichten. Kurz diente der Ort in seiner Zwischennutzung für Volksfeste, doch dann setzte ein mehr als hundertjähriger Dornröschenschlaf ein.

Erst 1990, im Zuge von U-Bahnerweiterungen und Großbaustellen direkt neben dem Friedhof, wurden vom Archäologiemuseum geleitete Ausgrabungen durchgeführt und Aufmerksamkeit auf den Friedhof gelegt. Dass es sich beim Cross Bones Graveyard um eine reine Dirnenruhestätte handelt, ist für Matt Wilcock nur eines von vielen Gerüchten, das sich hält: "Auch am Friedhof selbst verbreiten sich scheinbare Fakten so abenteuerlich wie bei der stillen Post. Fakt ist, dass hier nur ein einziger Schädel gefunden wurde, bei dem Syphilis nachgewiesen werden konnte. In 70 Prozent der Gräber liegen Heranwachsende. Es ist also eher ein Armenfriedhof für Kinder." Bei vielen wurden Pocken, Tuberkulose, Arthrose und Mangelernährung festgestellt.

Der lokale Autor John Constable hatte am 23. November 1996 eine "Winchester Goose"-Vision und verewigte sich daraufhin poetisch am damals brachliegenden Cross Bones Graveyard: der Startschuss für seine Wiederbelebung. Constable und seine Partnerin Katy Nicholls kümmerten sich mit der lokalen Aktivistengruppe "Friends of Cross Bones" darum, den Friedhof von einer vergessenen Sperrzone in einen Gedenkgarten mit Guerilla-Altären zu verwandeln. Bis heute wird hier am 23. jedes Monats eine Mahnwache abgehalten, der Friedhof wird schrittweise in DIY-Manier umgestaltet und erweitert. Matt Wilcock spricht über die Veränderungen in Pflanzenmetaphern, um die teils gegensätzlichen Meinungen verschiedener Interessensgruppen unter einen Hut zu bringen: "Das Unkraut lassen wir durch den Beton wachsen, denn Unkraut ist der Outsider in der Pflanzenwelt", und andererseits: "Wenn etwas zu stark dominiert, soll es gestutzt werden, um den Underdogs Licht zu geben."

Nun stehen aber auch große Veränderungen bevor: Das Grundstück wird kommendes Jahr vom privaten zum öffentlichen Raum - und muss damit gewisse Sicherheitsvorschriften einhalten. Grund für die große Öffnung: volle Kassen. Grund für die vollen Kassen: nein, nicht der Bischof von Winchester, sondern Entschädigungszahlungen von einem gigantischen Bauprojekt direkt an der Nordseite des Friedhofs. Die Hochbauten werden den Friedhofsbesuchern die Sicht Richtung Themse und City verstellen. Matt Wilcock jammert nicht, sondern steht diesen Entwicklungen pragmatisch gegenüber. Den Prozess der Veränderung sieht er als zyklischen Teil des Friedhofs - genauso wie Verfall und Verwesung.

Enthüllung des "Trans-Angel"

Zyklen ziehen sich auch durch den Veranstaltungskalender: Am mexikanischen Dia de los Muertos verwandelt sich der Ruheort regelmäßig in eine bunte Parade, mitsamt der mexikanischen Botschafterin Josefa Gonzalez Blanco. Sie hat 2021 die traditionelle Totenstatue "La Catrina" an den Friedhof gespendet: original aus Mexiko, von ihrer Schwester im Reisegepäck mitgebracht. Man findet am Gelände ebenso einen Schrein für freiwillig aus dem Leben Geschiedene, japanische Erinnerungsfiguren an Totgeburten und ein mit zahlreichen bunten Bändern verziertes Eisentor, das persönlichen Abschiedsbekundungen dient. Sexuelle Minderheiten organisieren sich hier genauso wie das SWARM Collective - eine Vereinigung für die Rechte von Prostituierten. "Für die gibt es sonst keine Ruhe- und Gedenkstätte", sagt Matt Wilcock. So wird der Friedhof ein lebendiger Ort, der Verstoßenen Platz bietet. Eine Marienstatue hält schützend eine Gans, als Sinnbild für Prostituierte, in ihren Händen. Auch ein improvisierter Altar für Heiden und Druiden findet seinen Platz.

Einstweilen noch ist der Friedhof nur zu gewissen Stunden oder für ausgewählte Veranstaltungen geöffnet. Beim Besuch der "Wiener Zeitung" - am 20. November, dem internationalen Gedenktag für die transsexuellen Opfer von Gewalt - wird zur Einweihung der Skulptur "Trans-Angel" von Svar Simpson und Lola Lancaster geladen. Etwa 50 Menschen haben sich versammelt, von jungen Aktivistinnen und Drag Queens über Normalos zu Hippie-Omas, die sich noch lebhaft an die ersten Feiern hier erinnern. In der Festrede ist von 327 dokumentierten Morden an Transgender-Personen zwischen 1. Oktober 2021 und 30. September 2022 die Rede. Man hört, dass auch einige der Anwesenden schon wegen ihrer sexuellen Ausrichtung angegriffen worden sind, manche erinnern sich an tragische Schicksale aus dem Bekanntenkreis. Die Stimmung ist gedrückt, bis der Redner unter lautem Beifall proklamiert: "Wir gehören nicht in die Hölle und auch nicht in den Himmel. Wir verlangen unseren Platz hier auf der Erde!"

Unmittelbar nach der Gedenkfeier füllt eine Schießerei in einem LGBTQ-Nachtclub in Colorado Springs die Nachrichtenkanäle. Von fünf Toten ist die Rede. Eine tragische Erinnerung daran, dass Hassverbrechen gegen Minderheiten nach wie vor Leben zerstören und Toleranz aktiv eingefordert werden muss.