Natürlich kann man auch Tee trinken.

Ja, eh.

Oder Tee mit Rum, weil Weihnachten ist, so hat die Großmutter gesagt, wenn sie den Rum mit ein paar Tropfen Tee verdünnt hat.

Leise rieselt der Schnee, es wird scho glei dumpa, die Blätter der Tannenbäume rauschen, die Glocken ummanteln ihre Klöppel mit Honig und Marzipan, um süß klingen zu können, und die Engel gehen schnell noch die Listen durch: Krawatte für die Tochter, Chanel Nr. 5 für den Sohn, "Hellblade: Senua’s Sacrifice" für die Mutter, Kinderärztin-Barbie für den Papa, hoffentlich geht nichts durcheinander.

Das ist die Zeit, in der man sich die Füße abfriert und die Nasenspitzen, da braucht es etwas Warmes. Von außen tut’s der Mantel, von innen das Getränk.

Wo gibts Glüheistee?

Ja, die Weihnachtszeit, das ist die Zeit der erwärmten Alkoholika. Wobei, mittlerweile muss man’s anders sagen: Die Zeit der warmen Getränke ist es, die man sonst nicht trinkt. Denn erhitzt wird mittlerweile alles: Einfach ein "Glüh-" vor das Getränk setzen, wetten, das gibt’s? Glüh-Most, Glüh-Birnen- und Glüh-Apfelsaft, Glüh-Beerensaft, alles mit und ohne einen Schuss Alkohol, und sogar Glüh-Bier: dunkles Bier mit Kirsch- oder Orangensaft und Gewürzen versetzt. Natürlich wird auch das Langzeit-Modegetränk, der Aperol, erhitzt. Nur auf den Glüh-Eistee ist bisher noch keiner gekommen. Wird noch, wird ganz sicher noch.

Dazu kommen die heimischen Klassiker: Punsch und Glühwein samt ihren Variationen. Der Advent - er kann zum Dauerbesäufnis werden.

Weshalb, das ist die Frage. Schließlich ist Weihnachten nur für Sol-Invictus-Anbeter ein Grund, ihren Kummer über den verdrängten Gott in Höherprozentigem zu ertränken.

Dabei ist es doch so einfach: Alkohol wärmt von innen.

Nur ist das Quatsch. Volksirrglaube ist das - und als solcher unausrottbar. In Wahrheit wirkt Alkohol nur kurz als Wärmespender: Er erweitert die Blutgefäße in der Haut. Dadurch fließt mehr Blut an die Körperoberfläche. Das sorgt für ein wärmendes Gefühl. Doch das dauert nicht lange, denn die Wärme wird an die Luft abgegeben, wodurch sich die Körpertemperatur verringert. Gleichzeitig zieht der Körper Wärme aus den inneren Organen und kühlt ab. Das in Wechselwirkung mit dem gesüßten Alkohol verursacht, dass man immer mehr von Punsch, Glühwein und ihren Verwandten trinken möchte.

Aroma ist alles!

Glühwein und Punsch als flüssige Zentralheizung funktionieren also nicht. Aber, Hand aufs Herz gelegt und Tacheles geredet: Es geht nicht um die Physiologie des menschlichen Körpers, es geht um das subjektive Wohligkeitsgefühl. Weihnachten mit und ohne Schnee, tiefe Temperaturen, einen Becher Glühwein in der Hand, der durch die Fäustlinge hindurch wärmt, in angenehmer Gesellschaft plaudern, weil der Alkohol die Zunge löst, für einander Zeit haben - das ist unwiderstehlich. Im besten Fall tut man obendrein Gutes, wenn man den Punsch oder den Glühwein bei einem der karitativen Stände genießt.

Maß halten beim Konsum ist angesagt, sonst gibt’s am nächsten Tag gehörig Kopfweh vom gesüßten und gewürzten Alkohol. Das sollte sowieso nicht allzu schwer fallen, denn ein richtig guter Glühwein wird zunehmend zur Ausnahmeerscheinung, zumindest in Wien. Nach einem Becher hat man meist genug. Und mit dem Punsch ist das auch so eine Sache.

Kurz: Die standardisierten Mischungen sind ein Krampf. Viel zu süß werden die Getränke zumeist kredenzt. Und das Geheimnis, dass man Glühwein auch aus Wein machen kann, gerät zunehmend in Vergessenheit. Gewürzter Fusel, lauwarm erhitzt, ist kein Glühwein, und auch Punsch braucht qualitätsvolle Zutaten.

Für einen guten Glühwein braucht es einen guten, aromatischen Wein. Die Gewürze dienen ja vor allem dazu, dessen Geschmack zu heben. Wo nichts ist, kann nichts betont werden. Daher: Guter Wein, weiß, rot oder Schilcher, je nach Geschmack, etwas Zimt (in Stangen), ein paar Gewürznelken und Sternanis gehören dazu. Mit Vorsicht süßen. Guter Glühwein verursacht kein Sodbrennen.

Gewürzter Wein ist eine alte Sache: "Conditum paradoxum" haben sich, heiß oder kalt, schon die Römer schmecken lassen: Pfeffer, Datteln, Lorbeer und Safran haben sie dem Wein hinzugefügt und ihn mit Honig gesüßt.

Das andere adventliche Kultgetränk ist der Punsch. Er kommt ursprünglich aus Indien, importiert von britischen Seefahrern, die aus der hindustanischen Bezeichnung "pantsch" den "punch" machten. "Pantsch" bedeutet "fünf", denn fünf Zutaten gehören zum Punsch: In Indien trinkt man ihn als Mischung aus Arrak und Wasser oder Tee, dazu kommen Zitronen, Gewürze und Zucker. In Europa wurde der Arrak durch Branntwein ersetzt und die Zitronen durch Orangen. In dieser Version fand das Getränk schnell Verbreitung und begeisterte unter anderem Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart sowie E.T.A. Hoffmann, der dem Gebräu (sogar in der originalen Arrak-Variante) im "Goldenen Topf" ein Denkmal setzte.

Seefahrt tut Grog

Apropos Seefahrer: Gibt es in Europa etwas wie eine Grog-Grenze? Grog trinkt hierzulande keiner und in Norddeutschland (fast) jeder. Oder braucht es die Nähe eines Hafens für einen Grog? Hamburg etwa ist Grog-Hochburg, und zwar für ßteifen Grog. Schön das "s" vom "t" trennen wie in "Wurst", sonst erkennt der Hamburger den Nicht-Hamburger, und der Grog ist dann nicht mehr ßteif. Wo doch nur ein ßteifer Grog zur ßteifen Hamburger Brise passt. Ja nicht irgendwas mit modischen Zutaten als Grog einreden lassen! Ein Grog besteht aus Rum, Wasser und Zucker, heiß gemacht. Punktum. Je mehr Rum, desto steifer - Pardon: ßteifer.

Erfunden hat den Grog der englische Vize-Admiral Edward Vernon (1684-1757): Da das Wasser auf langen Seereisen faulig wurde und ekelhaft schmeckte, ließ er es mit Rum und Zucker aufbessern. Gegen den kalten Seewind schützte sich Vernon mit einem Mantel aus grobem Tuch, dem Grogham, was ihm den Spitznamen Old Grog eintrug. Und der Weihnachtszeit ein Getränk für seefahrende Götter, die nicht-seefahrenden miteingeschlossen. Andererseits: Grog aus Stroh-Rum . . .?

Allein der Gedanke . . . - Weihnachten kann so grausam sein.

Aber man kann ja auch Tee trinken.

Ja. Eh.