F-Dur. Ja, genau, F-Dur muss es sein, und ein Siciliano-Rhythmus. F-Dur strahlt nicht in dem harten Licht wie C-Dur, F-Dur will nicht imponieren wie Es-Dur oder D-Dur. F-Dur schreit einen nicht so grell an wie D-Dur und schmeichelt nicht wie A-Dur. F-Dur ist weich und sanft wie frisch gefallener Schnee. Es ist die Tonart der Hirtenmusik. Und der Siciliano-Rhythmus, das ist der Wiegenlied-Rhythmus, das leichte Schaukeln im Dreiertakt: "Stille Nacht, heilige Nacht" - das ist ein Siciliano-Rhythmus, und in F-Dur (oder dem ganz nahe verwandten B-Dur) schmeichelt sich das ein. Da summen Ochs und Esel im Stall mit.

Weihnachtszeit - Zeit des Kitsches. Ja, das ist schön, so muss es sein. Keine Ironie! Wirklich nicht. Ein Grinch, wer Übles dabei denkt!

Ist das schön!

Einmal im Jahr, da darf der prosaischste Realist leuchtende Augen bekommen und sich das Tränlein der Rührung aus dem Augenwinkel wischen. Weihnachten kann das tatsächlich bewirken. Geburtsfest für alle. Selbst manch Atheist nützt das für ein wenig Besinnung und Einkehr. Um über Gut und Böse, richtig und falsch und die Graustufen dazwischen nachzudenken, die Geleise der eigenen Handlungs- und Denkweisen zu erforschen, braucht es schließlich keinen religiösen Hintergrund.

Und so sei jedem die Weihnachtszeit eine Zeit voller guter Gedanken. So steht es in Charles Dickens’ "Christmas Carol". Eine richtig kitschige Geschichte ist das. Da wird Scrooge, ein vertrockneter Geizhals mit steinernem Herzen, bekehrt, einfach, weil ihm die Weihnachtsgeister zeigen, wie schön Weihnachten ist und wie sehr es Freude spendet.

In Klammer eingefügt: Dickens baut gewaltigen Mist mit dem letzten Geist. Der letzte, der Geist der kommenden Weihnachten, bekehrt Scrooge durch Angst: Entweder, Du freust Dich über Weihnachten, oder die Leute freuen sich über Deinen Tod. Angst aber ist ein schlechter Lehrmeister und passt so gar nicht zum Weihnachtsfest. Und so hat denn auch jede, absolut jede Dramatisierung des "Christmas Carol", und selbst in Wien sind sie längst Adventtradition, ob mit Laienschauspielern oder Profis, ein Problem zu lösen. Klammer zu.

Oder halb zu, weil ja dieser Tage ein Verwandter des Scrooge seinen Ehrentag hat: Scrooge McDuck, im deutschen Sprachraum bekannt als Onkel Dagobert, der reichste Erpel der Welt, feiert dieser Tage seinen 75. Schlüpftag. In einer Weihnachtsgeschichte ist er erstmals aufgetreten: Reich, hartherzig - letzten Endes aber sanft. So ist er geblieben. Weihnachtskitsch eben - und herzerwärmend, wie Weihnachtskitsch ist. Klammer zu, ganz und endgültig.

Oder diese Idee mit dem geschmückten Baum: Jetzt einmal ganz ehrlich, das ist doch eigentlich bizarr. Man holt sich eine Fichte oder eine Tanne ins Zimmer, putzt sie mit Kerzen und Glaskugeln auf, lässt beim Lametta jeden Umweltschutzgedanken sausen, hängt eingewickelte Süßigkeiten an den Baum und pflanzt auf seinen Wipfel einen Glasspitz oder einen Stern, und dann kommen am Abend des 24. Dezembers noch die Sternderlspucker dazu.

Eine Tanne oder eine Fichte im Weihnachtsschmuck: Kitsch oder einfach schön? 
- © apa / dpa / Bodo Marks

Eine Tanne oder eine Fichte im Weihnachtsschmuck: Kitsch oder einfach schön?

- © apa / dpa / Bodo Marks

Dass jetzt ja niemand sagt: Die Kinder wollen das halt . . .

Als ob nicht auch Erwachsene beim Anblick eines Christbaums etwas spüren! Und sei es nur Erinnerungen an die schönen Momente der eigenen Kindheit.

Es hat schon was, dieses Hereinholen des Lichts, das in die Dunkelheit der längsten Nächte des Jahres erhellt und Wärme spendet, wenn es draußen friert und der kalte Wind durch die Gassen braust.

Sind nicht auch die Krippen Kitsch? Das ist die Frage. Brauchtum sind sie, ganz zweifellos. Doch Brauchtum, das mit dem Brauch selbst kaum noch verbunden ist? All die Figürchen, teils professionell geschnitzt, teils laienhaft, dieses Jesuskind in der Wiege inmitten einer Landschaft, die eher Tirol ist oder Vorarlberg oder Italien als Israel - das ist doch . . .

Krippengeschichten

Schön. Ja, schön ist es, und wer’s nicht glaubt, der schaut sich am besten die Krippenausstellung in der Krypta der Peterskirche an, wo man ältere Krippen bestaunen kann und neue von den Wiener Krippenfreunden (die übrigens Schnitzkurse anbieten).

Danach geht man, eventuell einen Glühwein zur Erwärmung der vor Kälte klammen Hände, weiter zur Minoritenkirche, wo die Krippe aller Krippen aufgebaut ist, eine sizilianische. Man kann sie gar nicht lange genug anschauen. Und wenn man sie betrachtet, fallen einem sofort Geschichten ein - nicht nur die von Weihnachten, sondern: Was hat es wohl mit diesen beiden Frauen auf sich, die an dem Tisch stehen? Worüber reden sie gerade? Erzählen Sie einander am Ende von dem Gerücht, das in dem Dorf umgeht und von der Geburt eines Königs der Armen wissen will? Und wohin blickt der Mann auf dem Balkon? Was erspäht er gerade? Und der Mann, der da hinten aus der Gasse kommt, und das Paar im Vordergrund - was haben die zu schaffen? Was treibt sie her? Wie geht es weiter mit ihnen? Lebensgeschichten sind es, die da auf einer Bühne arrangiert sind.

Freude machen

Zu allem Überfluss an Süße (und Süßigkeiten) kommen zu Weihnachten auch noch die Geschenke. Der weihnachtliche Kaufrausch hat mit dem Fest nichts zu tun? Stimmt. Aber ach, die armen Egoisten! An sich selbst denken, lässt das Herz nicht tanzen. Anderen Freude machen - das ist’s. Das pfeifen die Psychologen auch aus ihren Ohrensesseln neben der Couch. Ja, wirklich: Schenken macht Freude, dem Beschenkten wie dem Schenkenden. Ob man beim Auspacken zuschaut, oder sich vorstellt, wie das Geschenk ausgepackt wird und die Augen leuchten - egal. Und es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass man an diesem Tag, so in der Gegend des Abends, aneinander denkt, weil man aneinander gedacht hat. Der materielle Wert des Geschenks zählt daher nicht. Eine gut ausgewählte Kleinigkeit trifft es oft so viel besser.

Aneinander denken, das ist der wahre Wert des Geschenks. Wie teuer es ist oder wie viele Packerl es sind, ist gleichgültig. 
- © apa / dpa / Rolf Vennenbernd

Aneinander denken, das ist der wahre Wert des Geschenks. Wie teuer es ist oder wie viele Packerl es sind, ist gleichgültig.

- © apa / dpa / Rolf Vennenbernd

"Zu viel Weihnachten" hat der italienische Schriftsteller Dino Buzzati, dessen kafkaeske Geschichten längst Neuauflagen brauchen, eine seiner schönsten Erzählungen genannt. In ihr unterhalten sich der Ochse und der Esel darüber, dass der materielle Überfluss und die Hektik den Sinn von Weihnachten verdrängen. Recht haben die beiden. Es geht um die vor Freude leuchtenden Augen.

Und da sage noch einer, das sei kein Kitsch. Aber kann Freude Kitsch sein? - Na eben.

Wetten, dass Ochs und Esel gerade ein Weihnachtslied anstimmen? Siciliano-Rhythmus. F-Dur.