Bei Lawson ist mal wieder "Baumukuhen"-Aktion. Der in Japan führende Betreiber von Convenience Stores, der an fast jeder Straßenkreuzung im Land einen Minisupermarkt unterhält, führt die Küchlein in den Regalen auf Augenhöhe - als wichtigsten Blickfang. Es gibt sie im Flavour "Earl Grey", als Matcha- oder Marmor-Cake, mit Bananen- und Schokoladennote. Kaffee- oder Honiggeschmack sind auch erhältlich, ebenso wie der trockene Klassiker. Und ein großes Plakat verspricht, es sei quasi egal, was man davon auswählt: "Das Ausmaß des guten Geschmacks ändert sich gar nicht!"

Wer regelmäßig eine der in Japan unzähligen Lawson-Filialen besucht, wird die verblüffende Vielfalt des traditionellen Gebäcks kaum noch bemerken. Schließlich ist "Baumukuhen", der japanisierte Name des deutschen Klassikers Baumkuchen, im ostasiatischen Land immer beliebt, zu jeder Jahreszeit, zu praktisch jedem Anlass. Als Snack kauft man ein Stückchen für sich selbst, zu Weihnachten verschenkt man einen ganzen Kuchen. Wüsste man es nicht besser, müsste man denken: Baumukuhen ist ein ursprünglich japanisches Gebäck.

Dabei weiß auch in Japan jeder, dass die Sache viel komplizierter ist. Ungefähr so viel gehört hier zur kulinarischen Allgemeinbildung: Auch wenn ähnliche Erzeugnisse zuvor aus Griechenland, Ungarn und Italien kamen, wurde der Baumkuchen vor Jahrhunderten in Deutschland mitgeprägt. Dort, erzählt man sich in Japan, gehöre der Baumkuchen oft zum Prüfungsprogramm für angehende Konditoren. Der aufwendige Backprozess, bei dem sich eine Spindel über einem Feuer dreht, auf die regelmäßig neue Teigschichten aufgetragen werden, braucht viel Zeit, Geduld und Finesse.

Ursprung Kriegsgefangenschaft

Der Teig darf nicht verbrennen, aber auch nicht runtertropfen. Es ist eine Technik, die vor gut einem Jahrhundert für ziemlich viel Verwunderung und Aufruhr gesorgt haben muss. Die Geschichte des Baumkuchens in Japan beginnt nämlich in einem für Innovationen nicht gerade wohlwollenden Umfeld. Sie hat ihren Ursprung in der Kriegsgefangenschaft im Ersten Weltkrieg, als Japan und Deutschland keine Alliierten waren, sondern Feinde. Der Deutsche Karl Juchheim, der 1886 in Kaub am Rhein zur Welt gekommen war, hatte in der deutschen Kolonie Tsingtao in China gelebt, wo er in einem Café gearbeitet und auch schon Baumkuchen gebacken hatte. Der Ausbruch des Krieges in Europa hatte aber auch für Juchheims Leben im fernen China schwere Folgen. Während Deutschland in seinen asiatischen Kolonialgebieten zurückgedrängt wurde, weitete Japan seinen Einfluss aus.

Der frisch verheiratete Juchheim geriet gegen Ende des Krieges in japanische Gefangenschaft. Dort aber erkannte man in den Gefängnisinsassen nicht bloß Arbeitskräfte im Steinbruch oder Bau, sondern war auch an deren Talenten interessiert. Bei einer Handelsmesse im südwestjapanischen Hiroshima sollten sie ihr Können unter Beweis stellen. Karl Juchheim machte es sich dort zur Aufgabe, die Japaner zum Staunen zu bringen. Einen perfekten Baumkuchen soll er gebacken haben.

Bald darauf war Juchheim nicht nur ein freier Mann, sondern auch Unternehmer. Die meisten in die Freiheit entlassenen Deutschen zog es in die Heimat oder nach Tsingtao zurück. Juchheim aber eröffnete in Yokohama eine Konditorei, hatte mit seinem Geschäft auch schnell kommerziellen Erfolg. Als es durch das verheerende Kanto-Erdbeben 1923 zerstört worden war, gründete er bald ein weiteres in der für ihren Internationalismus bekannten Großstadt Kobe. Dort wurde Karl Juchheim ein Markenname - und ist es bis heute. Der Gründer starb zu Ende des Zweiten Weltkriegs, sein Betrieb aber hat überlebt und stellt weiterhin Baumkuchen her. In Japan gilt Juchheim als Edelmarke, aber konkurrenzlos ist der Betrieb schon lange nicht mehr. Und während das Gebäck in Deutschland zwar beliebt ist, aber eher als Besonderheit gilt, ist "Baumukuhen" in Japan beides: sowohl populär als auch fein.

Einerseits kann man einzeln in Klarsichtplastik verpackte, kleine Baumkuchenstückchen als schnelle, billige Süßigkeit kaufen - quasi im selben Produktsegment wie Schokoriegel oder kleine Tütchen gesüßter Erdnüsse. Ein Stück "Earl Grey"- oder Matcha-Baumkuchen kostet bei Lawson 139 Yen (rund ein Euro), bei Starbucks knapp doppelt so viel. Wer in Japan einen Baumkuchen will, muss nie lange suchen. Es gibt sie wirklich überall.

Denn es gibt kaum jemanden, der oder die das Gebäck nicht mag. Deswegen sind Baumkuchen aber auch - wie in der Ursprungsregion eher der Fall - als hochpreisigere Delikatesse zu haben. Auf ganze Baumkuchen wird nicht selten als Aufmerksamkeit zurückgegriffen, wenn sich frisch verheiratete Hochzeitspaare für die Geschenke ihrer Bekannten bedanken wollen, indem sie ihrerseits etwas zurückschenken. Baumkuchen gelten hier als elegante Option.

Japan schätzt das Machen

Der Grund dürfte nicht allein im Geschmack liegen. Wohl noch mehr als in anderen Kulturen schätzt man in Japan aufwendige Herstellungsprozesse mit langer Tradition. "Monodzukuri", das "Herstellen von Dingen", gilt als wichtiger Wert an sich: das Nutzen der eigenen Hände, um etwas zu kreieren. Dies bezieht sich meist auf nicht-automatisierte Techniken des Handwerks, lässt sich aber auch kulinarisch denken. Schließlich geht es beim Backen nicht zuletzt um manuelles Geschick.

Japanische Konditoren heute nennen sich gern "maisuta" - eine Japanisierung von Meister. Denn die deutsch-österreichische Backtradition genießt im ostasiatischen Land hohes Ansehen. Cafés im alten Wiener und Berliner Stil finden sich in Tokio und anderen Großstädten in großer Zahl. Neben "Wiener Kaffee", einem Kaffee mit Schlag, bieten einige von ihnen Schwarzwälder Kirschtorte, Windbeutel und viele weitere Mehlspeisen an.

Eine Auswahl an Baumkuchen fehlt fast nie. Wobei es die Omnipräsenz des Gebäcks für Hersteller zusehends schwierig macht, weiterhin zu begeistern. Weltweit werden japanische Verbraucherinnen und Verbraucher unter Produktherstellern diverser Wirtschaftssektoren dafür geschätzt und gefürchtet, dass sie sich schnell für neue Produkte begeistern lassen - diese aber auch nach einem ersten Probieren rasch wieder fallenlassen.

Im Oktober fand im westlichen Zentrum Tokios die "Baumukuhen Expo" statt, die nicht nur neue Macharten vorstellte, sondern auch einen Wettbewerb ausgeschrieben hatte. 58 maisuta-Betriebe hatten ihre Ideen, wie einst Karl Juchheim, einem kritischen Publikum präsentiert. Die 28.000 abgegebenen Besucherstimmen kamen zum Ergebnis, dass eine Kreation des klassischen Typs, mit ihrer zarten und dennoch festen, mehligen, aber saftigen Konsistenz die Siegerin sein müsste.

Was aber vermutlich nicht dazu führt, dass künftig keine neuen Baumukuhen-Kreationen mehr auf den Markt kommen. Immerhin landete auf dem zweiten Platz ein Baumkuchensandwich, gefüllt mit Sahne und Früchten. Auf Platz drei folgte ein Potpourri unterschiedlicher Baumkuchentypen und auf Platz vier einer mit Pfirsichgeschmack.