Viele Menschen spüren es in sich, gesprochen wird darüber in der Regel wenig: Das fast abgelaufene Jahr 2022 war für eine große Mehrheit an Menschen das schlimmste Jahr seit langer Zeit. Um das zu wissen, muss man sich nicht aufs Bauchgefühl oder auf die Stimmungslage in den Kommentarbereichen der Sozialen Medien verlassen: In einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach antworten 61 Prozent auf die Frage "Wenn man mal an die aktuellen Krisen und Probleme denkt, war das vergangene Jahr 2022 das schlimmste Jahr seit langem" mit Ja. Nur 28 Prozent widersprachen.

Das Ergebnis ist in der Tat erstaunlich. Immerhin liegt das Corona-Jahr 2020 erst zwei Jahr zurück. Ein Jahr mit Angst, Homeschooling, Massenpleiten, Lockdowns und einer tiefgehenden Spaltung der Bevölkerung. Da würde man doch erwarten, dass das ein Kandidat für die Negativ-Trophäe ist. Und doch: Die völlig außer Kontrolle geratene Wirtschaftslage schafft es offensichtlich locker, das noch zu toppen. Die Inflation und vor allem die völlig ungebremste Explosion der Energiepreise schaffen, was harte Lockdowns und Kündigungswellen im Jahr 2020 nicht zustande brachten. Dazu der Krieg in der Ukraine, der sich zu einem langwierigen Sicherheits- und Wirtschaftsproblem auswächst, auf das Europa noch keine überzeugende Antwort gefunden hat.

Vermutlich empfinden die allermeisten Bürger die Zeit seit dem Februar 2020 als andauernde Krise, die kein Ende nimmt. Kaum entspannte sich die Corona-Lage ein wenig, kam durch den Ausbruch des Krieges der nächste Tiefschlag daher. Die Wirtschaft, ohnehin durch die vielfältigen Corona-Probleme schwer in den Seilen hängend, hatte auch gar keine Reserven mehr, um die absurd steigenden Energiepreise abzufangen. Und im Unterschied zum Virus lassen Hilfen hier zu wünschen übrig. Energieintensive Betriebe sehen keine Chance und sperren einfach zu. Energiepreis, Personalmangel, schwierige Perspektiven entpuppen sich als Mix, die auch an sich optimistische Unternehmerinnen und Unternehmer das Handtuch werfen lassen. Die Besitzerin einer seit kurzem geschlossenen Traditionsgärtnerei bringt es auf den Punkt: "Ich bekomme seit Jahren keine Arbeitskräfte und die Energie- und Rohstoffpreise sind ein Irrsinn." Sie lässt sich nun lieber zur Krankenpflegerin ausbilden.

Die Krise der Anderen

Ein Einzelschicksal freilich, von dem man nicht auf das große Ganze schließen kann, das wäre Unfug. Und dennoch, um den Kalauer auszupacken: Bald wird jeder jemanden kennen, der seinen an sich kerngesunden Betrieb aufgrund der Umstände zusperren musste. Gräbt man in der Studie aus Allensbach tiefer, so zeigt sich, dass der Pessimismus nicht so stark ausgeprägt ist, wenn es um die persönlichen Verhältnisse geht: Auf die Frage "Würden Sie sagen, das Jahr 2022 war für sie persönlich ein gutes Jahr, oder kein gutes Jahr?", antworteten 38 Prozent, für sie persönlich sei das Jahr gut gewesen. 34 Prozent sagten, es sei für sie nicht gut gewesen. Der Rest zeigte sich unentschlossen. Der Blick zurück setzt das in die Perspektive: Vor zehn Jahren, als die Frage in dieser Form zuletzt gestellt worden sei, haben 53 Prozent gesagt, das Jahr 2012 sei für sie ein gutes gewesen. 24 Prozent sagten, 2012 sei kein gutes Jahr gewesen. Auch das ein signifikanter Absturz, keine Frage. Aber es zeigt, dass zwar das Krisengefühl überall spürbar ist, die persönliche Lage aber nur punktuell Grund zur Klage gibt. Das ist positiv, auch wenn es nicht nur erst der Auftakt sein könnte und die Frage 2023 ganz anders beantwortet wird. Dennoch ziehen die Autoren der Studie den Schluss, dass "sich derzeit die Einschätzung der allgemeinen Lage wieder ein wenig aufzuhellen scheint". Man kann nur hoffen, dass da nicht Zweckoptimismus und Durchhalteparolen der Vater des Gedankens sind.

Wie auch immer, die Krise hinterlässt zunehmend auch Spuren in den Gesichtern. Menschen, die man ein paar Monate nicht gesehen hat, altern sichtlich. Ob es schneller geht als vorher? Gefühlt: ja. Der Stresslevel ist schließlich allgegenwärtig spürbar, die fehlende Geduld macht bei uns eine kurze Lunte. Wir haben vielfach gar nicht mehr die Kraft für eine Höflichkeit, die uns vor ein paar Jahren noch selbstverständlich war. Jeder werkelt im Tunnelmodus vor sich hin und wenn etwas die eigenen Kreise stört, lässt man Ungnade walten. Pars pro toto: Im Supermarkt lässt Personalmangel die Schlangen wachsen, da hilft auch kein "Zweite Kassa!!". Aber: Lassen wir da den jungen Mann, der nur Wurstsemmel und Getränk bezahlen will, in der Schlange vor, wie es üblich wäre? Oder soll der gefälligst warten wie jeder andere auch? Die Antwort auf die Frage ist auch eine Folge des Stresspegels in uns. Und der tut schon seit längerem nichts Gutes.

Die Inflation hält die Bürger finanziell im Würgegriff. Die absurd hohen Preissteigerungen, deren Höhe zumindest in der Wahrnehmung der Konsumenten oft nicht gerechtfertigt zu sein scheint, wird zumindest noch verärgert hingenommen, Die Banken sind auch so ein Kapitel. Die Zinsen für die Kredite werden umgehend nach oben geschnalzt, aber die Sparzinsen sind noch immer eine bodenlose Sauerei. Entweder beides oder keines, sollte man meinen. Streit am Schalter, so man überhaupt noch einen Menschen findet, dessen Job es ist, mit einem Kunden zu sprechen, ist die unausweichliche Folge.

Frohe Weihnachten!

2022 hat uns so viel gekostet, was uns lieb ist: Menschen, die wir lieben, Gesundheit, Lebensfreude, Lokale, die uns mit gutem Essen erfreut haben, Teile unseres Wohlstands und vor allem die Zuversicht auf die Zukunft. Und jetzt? Jetzt schleicht es sich einfach. Aber ist die Lage wirklich so hoffnungslos? Immerhin sagen in der Studie aktuell "nur noch" 73 Prozent, dass die Verhältnisse Anlass zur Beunruhigung böten. Im Oktober waren noch 80 Prozent dieser Meinung - ein Negativrekord bei dieser Frage. Sogar bei Corona ging der Wert nicht über 65. Fassen wir die Stimmung also mit der wohl österreichischsten Herangehensweise zusammen, die sich finden lässt. Es ist hoffnungslos, aber nicht ernst. In diesem Sinne: Werfen wir dieses Jahr zur Tür hinaus und zwingen 2023 zu Einsehen und Umkehr. Weil: So kann es wirklich nicht weitergehen.

Ach ja, und zu guter Letzt, dieses Jahr vielleicht das letzte Mal auf Papier: Frohe Weihachten Ihnen allen! Wir lesen voneinander.