Es ist dieses lähmende Gefühl. Wie wenn man im Kino, vor dem Fernseher oder dem Serienanbieter des Vertrauens sitzt, und auf einmal wälzt sich ein Satz wie umgeschüttetes Grieskoch durch sämtliche Gehirnwindungen und man denkt nur noch: "Ich weiß, wie das ausgeht." Manchmal auch: "Es ist immer dasselbe." Oder: "Das kenn ich schon."

So traurig diese als Gewissheit getarnte Vermutung ist, wenn sie beim Medienkonsum auftritt, umso beliebter ist diese Art der Selbstversicherung durch Behauptung im echten Leben. Wenn der Film vorhersehbar und langweilig ist, ist die Regie schuld. Wer aber jetzt schon weiß, wie seine nächsten 20 Jahre ausschauen, gilt als realistisch. Der hat sein Leben im Griff.

Die Realität schlägt Boxerhaken

Nur leider zu Unrecht, wie die vergangenen drei Jahre gezeigt haben: Pandemie, Terror, Extremwetterereignisse, Kriegsausbruch beweisen, dass die verrücktesten Drehbücher immer noch der berühmte "Lercherlschas" im Gegensatz zur Realität sind. Die schlägt die wildesten Haken. Aber nicht wie ein Hase, sondern wie ein Boxer.

Das ist verwirrend, manchmal beängstigend und man kriegt Kopfweh davon. Denn wir sind das nicht gewohnt. Haben wir uns doch die letzten 35 Jahre von der Versicherungsindustrie und der Kampfflotte der Ratgeberliteratur einreden lassen, dass ein VollkaskoRundumSorglosFürdieganzeFamilieSchonheuteanmorgendenkenGlücklichundGesundAusgewogenundWertvollbewusstimHierundJetzt-Leben zu haben ist. Und zwar gerade jetzt und so billig wie noch nie. Nur einen klitzekleinen Konsumzwang entfernt. Und während in dieser Zeit in unseren Breiten eine Generation herangewachsen ist, die die Existenz von Haarspray, Bluetooth-Kopfhörern und einer Autoklimaanlage für ein verbrieftes Menschenrecht hält, hat das echte Leben so weitergemacht, wie es seiner Natur entspricht: Sprunghaft, wahnsinnig und unvorhersehbar. Nur woanders.

Im Sudan (Militärputsch mit anschließender Diktatur 1989, Bürgerkrieg mit Unabhängigkeit des Südsudan 2011, Militärputsch mit Übergangsregierung 2019, Gegenputsch 2021), in Argentinien (Staatsbankrott 2002 und 2014) oder in Indonesien (Wirtschaftskrise 1998, Terroranschlag 2002, Tsunami 2004, Erdbeben 2018) haben die Menschen in den letzten drei Jahrzehnten ganz andere Überraschungen geliefert bekommen als das Surprise-Gift für den 100.000. Besucher eines Wellness-Tempels.

Aber was ging uns das an? Wir hatten eine Zentralheizung, regelmäßiges Einkommen und - als größte intellektuelle Herausforderung neben der Spielkonsole - extrem langwierige Beziehungsgespräche. Und so würde das weitergehen. In Ewigkeit, Amen!

Dass sich etwas grundlegend ändern könnte? "Kann ich mir nicht vorstellen." Kraft der eigenen Fantasielosigkeit haben wir uns in Schlaf und Sicherheit gewiegt.

Dabei sollten wir es eigentlich besser wissen. Zumindest Menschen meiner Altersklasse. Wir waren um die 20, als ein System, das mehr als 40 Jahre die halbe Welt dominiert hatte, langsam, dann immer schneller und schließlich rasant zu zerbröseln begann. Dabei war 1988 die Idee, dass diese bleierne Diktatur aus Bürokratie und Brutalität, die von sich behauptete, der "real existierende Sozialismus" zu sein, aus Europa jemals verschwinden könnte, völlig abwegig.

Obwohl sich das viele Menschen gewünscht hatten. Beschäftigt man sich heute mit den osteuropäischen Dissidenten von damals, die das Ende des Kommunismus in Europa herbeigesehnt hatten, stößt man immer wieder auf die Aussage: "Aber dass ich das selbst einmal erleben würde, das hätte ich nie geglaubt. Wir hatten das Gefühl, das wird ewig so weitergehen." Und doch war vier Jahre nach 1988 vom scheinbar monolithischen Imperium des Ostblocks plötzlich nichts mehr übrig. Außer einem sehr traurigen KGB-Beamten mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung aus Dresden, der bis heute nicht darüber hinweg ist. Weswegen er und seine Trollfabriken auch Verschwörungstheorien über das Ende der Sowjetunion verbreiten. Die simplen Fakten ignorierend, die schon die damalige Führung im Kreml nicht oder nur zögernd einsehen wollten. Etwa, dass man nicht ständig mehr ausgeben kann, als man einnimmt. Oder dass Menschen Bedürfnisse haben, die über Kühlschränke und deren Füllung hinausgehen. Dass sie ihre eigene Sprache sprechen wollen oder einen inkompetenten Verwalter oder Chef inkompetent nennen dürfen. Oder - noch besser - loswerden möchten.

Bedürfnisse, auf die ein unflexibles Politik- und Wirtschaftssystem nicht reagieren konnte. Die Reden der Parteivorsitzenden der Einheitsparteien voller Verheißungen, Versicherungen und Beschwörungen des Aufbruchs brachten unsere Altersgenossen im Osten damals nur zu einem: zum Abhauen. War es im Wirkungsbereich des Comecon im Jahr 1987 doch einfach zunehmend sinnlos, auf einen Lada oder Trabi zu warten, wenn man damit eh nur an die Ostsee oder nach Bulgarien fahren konnte, obwohl man lieber Rom, Paris oder Portugal gesehen hätte.

Wandel ist denkbar

Ähnlich könnten auch heranwachsende Generationen in unseren Breiten eher unbeeindruckt sein von dem UHD-Fernseher mit 75 Zoll Diagonale und LED-Technik, den man per Alexa akustisch steuern kann, wenn sie aufgrund der klimatischen Veränderungen nur mehr geröstete Insekten, Mehlwurmchips oder ihre Fingernägel zum Knabbern haben. Gesetzt den Fall, die Stromration reicht für den Betrieb des Bildschirms.

Vielleicht ist ja bald der Wertekatalog der 30- bis 60-Jährigen (Handy, Auto, Internet, jährliche Flugreise, sexuelle Selbstverwirklichung, faktenresistente Argumentationslinienförmigkeit und ein Job, der das alles finanziert) bei der nachfolgenden Generation demnächst ähnlich beliebt wie die kommunistische Staatspropaganda bei den jungen Menschen in Polen, der DDR oder CSSR in den späten 1980ern.

Denn wie erstrebenswert ist dieser, unser Lebensstil eigentlich, wenn man gleichzeitig mit schrumpfenden Flächen der Lebensmittelproduktion, extremen Teuerungen und unberechenbaren Wetterkapriolen als mittelbare Folge exakt dieses Lebensstils zu kämpfen (werden) hat? Mit den Umständen ändern sich die Wertigkeiten. "Was Sie da sagen, das kann ich mir nicht vorstellen." Schön, das ist persönliches Unvermögen, aber kein Argument.

Keine Angst, damit ist man zurzeit in bester Gesellschaft. Es gibt Skilehrer und Liftbetreiber in Tirol, die sich selbst bei der aktuellen Schneelage "kein Ende des Wintertourismus vorstellen" können. Dabei müssten sie nur aus dem Fenster schauen. Und auch Verkehrsplaner, die heute eine Stadt ohne Autos für "unmöglich" halten, sind so kompetent wie ein Finanzexperte, der 2006 meinte, der Zusammenbruch der Lehman Brothers wäre "undenkbar".

Denn nur wer sich etwas vorstellen kann, kann auch Dinge in die Wege leiten, Weichen stellen, Sachen anfangen. Und ich kann mir einiges vorstellen. Grauenvolles und Großartiges zugleich.

Sogar, dass diese Zeitung nächstes Jahr um die Zeit auch noch erscheint. Und sogar: ein schönes neues Jahr.