Rote Haare, blasse Haut, punkig, provokant, ungepasst: Das war Dame Vivienne Westwood. Sie brachte Anti-Establishment-Mode auf die internationalen Laufstege, hinterfragte zeitlebens gesellschaftliche Konventionen und setzte sich vehement für den Klimaschutz ein. Die "Queen of Punk", wie sie nicht nur in der Modewelt bezeichnet wurde, verstarb am Donnerstag 81-jährig im Londoner Stadtteil Clapham im Kreise ihrer Familie. Ambivalenz war bei Westwood immer inklusive, und nichts zeigte das so sehr wie ihr Blick auf britische Traditionen. Sie war "typisch Britisch": Sie ließ ihr eigenes Karomuster patentieren – andererseits wird ihr als Erfinderin der Punk-Mode gehuldigt. Ihr Name stand für die sprichwörtliche englische Exzentrik.

Modedesignerin statt Lehrerin

Mode allein war Westwood nie genug. Eine Karriere in der Branche hatte sie gar nicht im Sinn. "Ich wollte keine Modedesignerin sein", stellte sie 2009 im "Time"-Magazin klar. "Ich wollte lieber lesen und intellektuelle Dinge machen." Dabei hatte die Tochter eines Schuhmachers und einer Baumwollspinnerin schon als Kind ein Händchen für Mode gezeigt: Westwood, die 1941 als Vivienne Isabel Swire in der Gemeinde Tintwistle nahe Manchester geboren wurde, soll sogar an ihrer Schuluniform modische Änderungen vorgenommen haben. Schriftstellerin wollte sie werden, entschloss sich dann aber für eine Ausbildung zur Grundschullehrerin.

Mit 21 Jahren heiratete sie den begnadeten Tänzer Derek Westwood. Doch dann lernte sie den Kunststudenten Malcolm McLaren kennen und verlor ihr Herz. McLaren war Gründer und Manager der Punk-Band Sex Pistols. Westwoods Weg war geebnet. Zusammen mit McLaren eröffnete sie 1970 auf der Londoner King’s Road ihre erste Boutique. Schnell entwickelte sich der Laden zum absoluten Trendmacher. Der Name wechselte wie die Mode: "Let it rock", "Too fast to live, too young to die", "Sex", "Seditionaries" (Aufwiegler) und schließlich "World’s end".

Westwood schuf Sado-Maso-Monturen für die Musiker der Sex Pistols und inspirierte die Punk-Mode wie keine Zweite. Auch nach der Trennung von McLaren blieb sie ihrer rebellischen Kreativität treu. Vor allem die Inspiration aus der Mode des 18. und 19. Jahrhunderts war ihr Markenzeichen – allerdings in schrillen, schrägen, exzentrischen Varianten.

Anfang der 1990er Jahre legte Westwood auch als Geschäftsfrau richtig los. Schließlich gehörte sie zu den ganz Großen der Branche. Die Queen ließ sich zwar nicht modisch von Westwood inspirieren, hielt ihr Werk aber dennoch in Ehren. 1992 wurde Vivienne Westwood in den Order of the British Empire aufgenommen, 14 Jahre später machte die Queen sie zur Dame. Hof-Modeschöpferin der Royals wurde sie trotzdem nicht. Der Stilikone Herzogin Kate empfahl sie eine Reduzierung ihrer Outfits – aus Gründen des Umweltschutzes.

Vivienne Westwood mit ihrem Ehemann Andreas Kronthaler bei der Premiere von "Sex And The City: The Movie" im Mai 2008. 
- © Reuters / Toby Melville

Vivienne Westwood mit ihrem Ehemann Andreas Kronthaler bei der Premiere von "Sex And The City: The Movie" im Mai 2008.

- © Reuters / Toby Melville

Denn seit Langem engagierte sich die Britin gegen den Klimawandel, für Menschenrechte, Frieden und Tierschutz. Die große Show gehört stets dazu, wenn sich Westwood inszenierte, denn sie garantierte ihr Aufmerksamkeit. 2015 ließ sie sich in einem weißen Panzer zum Privathaus des damaligen britischen Premiers David Cameron fahren, um gegen Gasgewinnung durch Fracking zu protestieren. Oder sie schmierte sie sich Torte ins Gesicht zur Unterstützung für Julian Assange. Im knallgelben Outfit saß sie vor einem Gerichtsgebäude in London in einem überdimensionalen Vogelkäfig. "Ich bin Julian Assange!" rief sie vor Journalisten und Demonstranten in ihr Megafon und: "Die Welt ist korrupt!".

Die künstlerische Erbschaft

Vivienne Westwood hinterlässt ihren österreichischen Ehemann und Ko-Designer Andreas Kronthaler sowie zwei Söhne, den Fotografen Ben Westwood und Joseph Corré, den Gründer der Dessous-Firma Agent Provocateur.

Ihr Erbe lebt definitiv weiter: Nicht nur in ihrem Label und ihrem damit verbundenen Ehemann als Ko-Designer, sondern auch in den unzähligen Designerinnen und Designern, die bei ihr und von ihr Lernen durften. Zu ihnen zählt etwa die österreichische Modeschöpferin Lena Hoschek, deren kreative Handschrift Westwood-Züge zart erkennen lässt.

Zahlreiche Trauerbekundungen

Zahlreiche Größen aus der Mode, Musik und dem Film gedachten der Designerin. Das Genie von Vivienne Westwood und ihre einzigartige Stimme seien unersetzlich und würden vermisst werden, schrieb Supermodel Claudia Schiffer in einer Instagram-Story. Künstlerin Yoko Ono schrieb auf Twitter: "Was für eine Frau - so jung im Herzen, motiviert, schön und elegant." Popstar Boy George nannte Westwood in einem Tweet die "unangefochtene Königin der britischen Mode". Ex-Spice-Girl Victoria Beckham kondolierte in einer Instagram-Story Westwoods Familie. Schauspielerin Jamie Lee Curtis nannte Westwood auf Instagram eine "wahre Ikone" und schrieb: "Rest in Punk" (wortwörtlich übersetzt: "Ruhe in Punk").

Das Londoner Victoria and Albert Museum (V&A) würdigte Westwood als "wahrhaft revolutionäre und rebellische Kraft in der Mode".

Die britische Kulturministerin Michelle Donelan sprach von einem "traurigen Tag": Westwood sei eine überragende Figur der britischen Mode gewesen. "Ihr Punk-Stil schrieb das Regelbuch in den 1970er Jahren neu und wurde weithin dafür bewundert, wie sie ihr ganzes Leben lang ihren eigenen Werten treu blieb", twitterte Donelan. "Vivienne Westwood war eine kreative Ikone, die geholfen hat, den Platz Großbritanniens an der Spitze der modernen Mode zu festigen", twitterte Londons Bürgermeister Sadiq Khan.

In einer Mitteilung auf Westwoods offiziellem Instagram-Account hieß es: "Vivienne tat bis zum letzten Moment weiter die Dinge, die sie liebte, sie designte, arbeitete an ihrer Kunst, schrieb ihr Buch und veränderte die Welt zum Besseren. Sie führte ein erstaunliches Leben. Ihre Innovation und ihr Einfluss in den vergangenen 60 Jahren waren immens und werden sich auch in Zukunft fortsetzen." Westwood habe sich als Taoistin betrachtet. Sie war noch im hohen Alter bei Demonstrationen dabei, engagierte sich für den Umweltschutz und forderte die Freilassung von Wikileaks-Gründer Julian Assange. "Die Welt braucht Menschen wie Vivienne, um etwas zum Besseren zu verändern", hieß es in der Instagram-Botschaft. (apa/dpa)