Der Fall ist derzeit in aller Munde: Florian Teichtmeister, Schauspieler, bekannt aus Filmen, Fernsehserien und Auftritten auf der Bühne des Burgtheaters, wird sich wegen des Besitzes von sexuellen Missbrauchsdarstellungen Minderjähriger/Unmündiger vor Gericht verantworten müssen.

Doch Teichtmeister ist unter den Künstlern mit offenbar pädophilen Neigungen kein Einzelfall. Aus Gegenwart wie Vergangenheit sind Beispiele bekannt. So ist einer der ersten, der in die Annalen eingegangen ist, der des deutschen Komponisten Johann Rosenmüller (um 1619-1684), Organist mit zusätzlichen Kantoratsdiensten an den  Leipziger Nikolai- und Thomaskirchen: Rosenmüller hat offenbar Chorknaben sexuell missbraucht.

Jüngeren Datums und prominenter sind Fälle aus Österreich: Gegen den Architekten Adolf Loos und den Dichter Peter Altenberg standen ebenfalls solche Vorwürfe der Pädophilie im Raum. International schockierten Anschuldigungen gegen den Regisseur Woody Allen oder den Popstar Michael Jackson.

Hingezogen zu Kindern

Das Thema ist auch keines der Gegenwart oder jüngeren Vergangenheit. Die Grenze, ob sich Künstler zu Kindern hingezogen fühlten, weil sie in ihnen die Inkarnation von Reinheit und Unschuld zu erkennen glaubten, oder ob sie sich von ihnen sexuell angezogen fühlten, war immer wieder höchst porös.  

Oft sind es Gratwanderungen: Spencer Elden zierte als schwimmendes Baby den Cover des Nirvana-Albums "Nevermind" - als Erwachsener klagte er wegen Verbreitung von  Kinderpornografie und sexueller Ausbeutung. Elden blieb allerdings vor Gericht erfolglos. 

Dem österreichischen Filmregisseur Ulrich Seidl wiederum wurde vorgeworfen, in seinem Film "Sparta" einen Pädophilen gezeigt zu haben, die Eltern der mitwirkenden Kinder jedoch mangelhaft informiert und die jungen Laiendarsteller zuwenig betreut zu haben.

Der Geschmack des Künstlers?

Vorwürfe sexueller Handlungen an Kindern betrafen indessen auch immerwieder die Künstler selbst. Einer von ihnen war der Dichter Peter Altenberg (1859-1919). Er schrieb: "Eine Frau ist immer zu alt, aber nie zu jung! Das Gesetz schreibt uns vor: von vierzehn an! Aber das Gesetz ist nicht von Künstlern entworfen. Unser Geschmack sagt: In jedem Alter, wenn du nur sehr schön bist! Freilich heißt es da wie in der Bibel: er hatte ein Auge auf sie geworfen! Aber wirklich nur das Auge, dieses ideale Lustorgan!" Und: "Mädchen habe ich von meinem frühesten Kindheitsalter unter bitteren Tränen verehrt wegen nichts." Klingt da eine hart abgerungene platonische Zuneigung an?

Adolf Loos (1870-1933) wurde gar der Prozess gemacht. Der Architekt hatte acht- bis zehnjährige Mädchen nackt und in obszönen Stellungen gezeichnet und an den Mädchen deren Aussagen zufolge sexuelle Handlungen vollzogen. Loos wurde wegen "Verbrechens der Schändung" und "Verbrechens der Verführung zur Unzucht" angeklagt, aber am 1. Dezember 1928 freigesprochen. Verurteilt wurde er nur wegen "des Verbrechens der Verführung zur Unzucht nach § 132/III St.G. begangen dadurch, dass er zur selben Zeit am gleichen Orte die ihm zur Aufsicht anvertrauten Mädchen, und zur Begehung und Duldung unzüchtiger Handlungen verleitete, indem er sie veranlasste, als Modelle unzüchtige Stellungen einzunehmen und sich in diesen zeichnen zu lassen." Nachdem 2015 bei einer Wohnungsräumung der Strafakt gefunden wurde, kamen neue Fakten über den Prozess ans Licht. Es scheint, dass Loos von seinem Prominenten-Status und günstig gestimmten Gutachtern profitieren konnte. 

Fälschlich beschuldigt

Anders gelagert war der Fall des Malers Egon Schiele (1890-1918). Er wurde wegen der angeblichen Entführung und Schändung eines Mädchens in Untersuchungshaft genommen. Die Anzeige stellte sich als Bosheitsakt eines Vaters heraus, dessen Tochter von zu Hause ausgerissen war und bei Schiele und  Wally Neuzil im stadtbekannten Neulengbacher "Malerhaus" Unterschlupf suchte. Das Gericht befand Schiele zwar im angezeigten Fall für unschuldig, verurteilte ihn aber wegen der "Verbreitung unsittlicher Zeichnungen".

Die Vorwürfe gegen Egon Schiele (Selbstporträt) erwiesen sich als haltlos. 
- © apa / Leopold Museum-Privatstiftung

Die Vorwürfe gegen Egon Schiele (Selbstporträt) erwiesen sich als haltlos.

- © apa / Leopold Museum-Privatstiftung

Auch die Maler Paul Gauguin (1848-1903) und Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) hatten pädophile Neigungen. Gauguin lebte sie, wie man heute weiß, bei seinem Aufenthalt auf Inseln der Südsee aus.

Wie weit Kirchners Veranlagung tatsächlich in diese Richtung ging, ist umstritten. Zwar schrieb er in einem Brief über eines seiner minderjährigen Modelle: "Es liegt ein großer Reiz in einem solchen reinen Weibe... Toller als in den älteren Mädchen .. Der Reichtum ist sicher größer jetzt", es könnte sich dabei jedoch auch um eine reine künstlerische Sicht gehandelt haben.

Prozesse und Verurteilungen

In jüngerer Zeit rief der Prozess um US-Musiker R. Kelly ("I Believe I Can Fly") Bestürzung hervor. Er war im Juni 2022 wegen schwerer Sexualverbrechen zu 30 Jahren Haft verurteilt und wenig später in einem weiteren Prozess wegen Kinderpornografie schuldig gesprochen worden. Des Besitzes von Kinderpornografie schuldig bekannt hatte sich der 2018 verstorbene Schauspieler Mark Salling ("Glee"), der frühere britische Glam-Rocker Gary Glitter wurde 2015 wegen Kindesmissbrauch zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt. Ian Watkins, Sänger der Rockband Lostprophets, wurde 2013 u.a. wegen versuchter Vergewaltigung von Säuglingen zu 35 Jahren Haft verurteilt.

R. Kelly auf dem Weg zu seinem Prozess. 
- © apa / Getty Images / afp / Scott Olson

R. Kelly auf dem Weg zu seinem Prozess.

- © apa / Getty Images / afp / Scott Olson

Auch der Oscarpreisträger Roman Polanski hatte sich 1977 in den USA im Rahmen von Verfahrensabsprachen des Missbrauchs an der damals 13 Jahre alten Samantha Jane Gailey schuldig bekannt. Als klar wurde, dass sich der Richter nicht an die Absprachen halten würde, setzte sich der französisch-polnische Regisseur nach Frankreich ab. Seither mied er die USA, da ihm dort eine neuerliche Verhaftung drohen würde.

Bei Anschuldigungen blieb es im Falle von Michael Jackson und Woody Allen. 1993 hatte ein 13-Jähriger erklärt, im Jackson-Schlafzimmer Opfer sexueller Übergriffe geworden zu sein, 2005 erhob ein Teenager ähnliche Beschuldigungen. Verurteilt wurde der 2009 verstorbene US-Musiker nie.

Dem viermal oscarprämierte Allen wurde vorgeworfen, seine damals siebenjährige Adoptivtochter Dylan missbraucht zu haben. Nach der Scheidung heiratete der Regisseur, der die Vorwürfe zurückwies, seine andere Stieftochter Soon-Yi Previn.

Auch die Karriere des Schauspielers Kevin Spacey endete, nachdem sein Kollege Anthony Rapp im Oktober 2017 in einem Interview mit BuzzFeed erklärt hatte, er sei 1986 im Alter von 14 Jahren auf einer Party vom damals 26-jährigen, alkoholisierten Spacey sexuell belästigt worden. Spacey erklärte, er könne sich nach 30 Jahren nicht mehr erinnern, falls es tatsächlich zu einem solchen Vorfall gekommen sein sollte, entschuldige er sich für das "unangemessene betrunkene Verhalten". In der Folge behaupteten auch weitere Männer, Spacey habe sie als Minderjährige missbraucht. Die Gerichte wiesen jedoch alle Verfahren gegen den Schauspieler ab. Im heurigen Jahr soll in London ein weiterer Prozess gegen Spacey geführt werden.

Lewis Carroll und Benjamin Britten

Weniger bekannt geworden sind die pädophilen Neigungen des englischen Dichters und Schriftstellers Lewis Carroll. Die "Alice"-Bücher Carrolls sind Zeugnisse seiner Liebe zur minderjährigen Alice Liddell. Offenbar machte Carroll am 27. Juni 1863 dem elfjährigen Mädchen einen Heiratsantrag. Zahlreiche seiner Tagebücher sind verschwunden, aus den vorhandenen sind Seiten herausgerissen - offenbar im Versuch von Carrolls Erben, das Ansehen des Autors zu schützen.

Der Starschauspieler David Hemmings war als Bub Kuschelpartner des Komponisten Benjamin Britten. Eigenen Aussagen zufolge fühlte sich Hemmings nicht belästigt. 
- © apa / afp / J. P. Moczulski

Der Starschauspieler David Hemmings war als Bub Kuschelpartner des Komponisten Benjamin Britten. Eigenen Aussagen zufolge fühlte sich Hemmings nicht belästigt.

- © apa / afp / J. P. Moczulski

Auch der Komponist Benjamin Britten (1913-1976) war pädophil. Er lebte eine offen homosexuelle Beziehung mit dem Tenor Peter Pears. Doch als 1992 Humphrey Carpenters Biografie erschien, war der Schock groß: Britten dürfte zwar seine Veranlagung unterdrückt haben (ein Fall ist strittig), doch er fühlte sich zu Buben zumindest hingezogen. Einer davon war der nachmalige Filmschauspieler David Hemmings, der als Bub die Rolle des Miles in Brittens Oper "The Turn of the Screw" verkörperte. Während der Probenzeit für die Uraufführung in Venedig soll Britten, so Hemmings, mit ihm im Bett gekuschelt haben - allerdings ohne irgendwelche Handlungen, die Hemmings als unangenehm empfunden hätte. Britten war als Bub in einem Internat wohl selbst Missbrauchsopfer gewesen. Auf die Frage eines Interviewers, weshalb er so oft Musik für Kinder schreibe oder Werke, in denen Kindern eine große Rolle spielen, antwortete Britten: "Weil ich selbst erst 13 Jahre alt bin." Das ist ungefähr das Alter des Buben, der in der Oper "Peter Grimes" von der Titelgestalt misshandelt wird.