Schweigen. Verschweigen oder totschweigen. Kommt ein Skandal dennoch ans Licht, dann gab es eine "Kultur des Schweigens" oder eine "Tradition des Wegschauens". Doch wieso ist das so? Warum fällt es so schwer, über Probleme zu reden, andere einzubinden, gegensätzliche Meinungen zuzulassen oder vor Ungerechtigkeiten nicht wegzusehen, sondern einzuschreiten? Warum schweigt man über Geld? Und wann kann man nur mehr schweigen, weil das Erlebte nicht begriffen werden kann?

Ein Blick auf die Inhalte von Zitaten zeigt, dass nach den Themen Liebe und Tod vermutlich das Schweigen folgt. In Sprichwörtern wird es gegenüber dem Sprechen eindeutig bevorzugt ("Reden ist Silber, Schweigen ist Gold", "Schweigen ist eine größere Kunst als Reden", "Wer schweigt, lügt nicht" oder "Ein kluger Schweiger ist besser als ein dummer Schwätzer"). Eigenschaften, die mit Schweigen verbunden werden, sind in der Regel "Weisheit", "Wissen", "Wohlstand", "Tiefe".

Das Negative im Schweigen

Aber nicht nur. Schweigen kann auch Negatives bedeuten und den "Tod", die "Täuschung" und das Böse versinnbildlichen ("Das Schweigen ist des Narren Decke", "Durch Schweigen verdirbt viel Freundschaft", "Zu viel schweigen schadet auch"). Dass Schweigen grundsätzlich wertvoller als Reden sein soll, dürfte eine höchst umstrittene Behauptung sein, die sicherlich nicht für alle Lebenssituationen zutrifft und angewandt werden sollte; denn wenn jemand schweigt, nimmt er entweder seine Interessen oder die Belange anderer Menschen nicht wahr und gerät bei der Durchsetzung bestimmter Anliegen mit Sicherheit ins Hintertreffen. Bereits die römische Spruchweisheit "Wer schweigt, scheint zuzustimmen" stellt völlig richtig fest, wie nachteilhaft es sein kann, anderen entweder bewusst, aus Feigheit oder aus mangelnder Zivilcourage durch sein Schweigen das Wort zu überlassen, um damit anderen Rednern zu ermöglichen, "das Sagen zu haben". Trotz oder vielleicht auch gerade wegen ihres kontroversen Inhalts ist die Redensart weit verbreitet und sehr bekannt.

Schweigen ist, wie das Sprechen, ein Handeln, sodass man neben "Sprachhandlungen" auch von "Schweigehandlungen" sprechen könnte, die etwa Geheimhaltung, Verachtung, Unwissenheit oder Trauer umfassen. Nicht nur das. Es zeigt sich, dass eine Vielzahl der Sinnsprüche zum Thema Schweigen bestehende Werte- und Machtsysteme mitträgt, rechtfertigt oder Ausgrenzung fördert. Frauen, die immer reden, Männer, die immer schweigen. Man redet nicht über Macht und Geld, man hat es. Oder eben nicht, dann gehört man nicht dazu. Oder man redet nicht über Probleme, in der Annahme, sie seien dann weder existent, noch belasten sie. Verdrängen, statt sich den Dingen stellen.

Patriarchale Strukturen in einem kapitalistischen Wertesystem als Gradmesser für Wert und gesellschaftliche Hierarchien. Man sagt nicht, wie viel Geld man besitzt. Auf der anderen Seite wird immer auf den Neid verwiesen, wenn es um das Aufzeigen von Missständen geht. Auf eine "Mauer des Schweigens" trifft man, wenn in einem (Sport-)Verein Missbrauch aufgedeckt wird. Eine "Kultur des Schweigens" setzt ein, wenn Kindesmissbrauch in einer Kulturinstitution aufgedeckt wird. Am Ende wussten es alle, oder niemand, aber egal. Es wird auf jeden Fall nicht darüber geredet. Danach wird über höhere Strafen für Täter gesprochen, die Schuld doch auch immer bei den Opfern gesucht, wenig Nachhaltiges für Prävention oder die Betreuung der Opfer geschaffen. Und so bewegt man sich in der unendlichen Spirale aus Macht und dessen Missbrauch.

Wer weiß schon, ob es stimmt?

Besser man schweigt, bevor man sich zu weit aus dem Fenster lehnt. Da wird doch eine Karriere zerstört. Doch zeigt ein Blick auf die Fakten ganz eindeutig, dass die Zahl der Missbrauchsfälle ungleich höher ist als falsche Anschuldigungen. Dass sexueller Missbrauch ein geringeres Problem zu sein scheint als der Vorwurf einer verlogenen, geldgierigen Frau hinter einer Klage, spricht Bände. Vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass die meisten Täter keine Milliardäre oder Prominente sind.

Kate Manne schreibt dazu in ihrem Buch "Down Girl": "Menschen lassen sich auf mancherlei Art zum Schweigen bringen. Man kann einer Frau Worte in den Mund legen. Man kann ihr mit ehrerbietigen Plattitüden das Maul stopfen. Man kann ihr drohen, sie müsse bestimmte Dinge, die sie sagen könnte, zurücknehmen, um ihrer möglichen Aussage oder aber nur ihrer Erkenntnis, was ihr und anderen passiert, vorzubeugen. Man kann mauern und dafür sorgen, dass ihre Äußerungen zum Scheitern verurteilt sind und völlig aus der Luft gegriffen erscheinen." Einer der heimtückischsten Aspekte des Patriarchats besteht darin, so die Literaturwissenschafterin bell hooks, dass nicht darüber gesprochen wird - und wir können ein System so lange nicht niederreißen, wie wir teilhaben "an der kollektiven Verleugnung seiner Auswirkungen auf das Leben".

Der Elefant im Raum, von dem alle wissen, aber keiner spricht über ihn. Und dann, wenn das Schweigen gebrochen wird, steht er sichtbar für alle da und keiner wundert sich, dass dies alles passieren konnte. In seinem aktuellen Buch "Cancel Culture Transfer" schreibt Adrian Daub über die Welle der Empörung über die Dinge, die man ja nun nicht mehr sagen darf. Am Beispiel des kanadischen Psychologie-Professors Jordan Peterson schreibt Daub: "Der bis dato eher unbekannte Peterson wurde mit einem Schlag berühmt - ein erster Celebrity der Cancel-Culture-Ära. Will meinen: Er war einer der Ersten, die berühmt wurden für das, was sie angeblich nicht sagen durften, aber nichtsdestotrotz ständig sagten; die angeblich zensiert wurden, wobei die Zensur ihnen eigentlich nichts einbrachte außer mehr Ruhm, mehr Geld, mehr Zuhörer:innen."

Wieso muss eine Gesellschaft, die sich Offenheit, Transparenz und Gleichheit auf die Fahnen schreibt, Whistleblowergesetze erlassen? Wer schweigt, der hat nichts zu befürchten. Wer redet, wird ausgeschlossen. Man denke an Julian Assange, Chelsea Manning oder Edward Snowden.

Der Klassiker der fehlinterpretierten Aussagen zum Thema Schweigen, das "Killerargument" um Diskussionen zu beenden, ist wohl Ludwig Wittgensteins "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Der Satz am Schluss und im Vorwort des "Tractatus" macht aus ihm eine Art Merksatz für die philosophische Pinnwand. Er erinnert daran, dass die Unterscheidung zwischen dem, was ein Satz sagt, und dem, was er zeigt, auf allen Ebenen logisch-philosophischer Untersuchung gelten soll. Und dass das gar nicht leicht durchzuhalten ist.

Somit schafft Sprache Realität und das Verschweigen von Personen, Geschlecht oder Ähnlichem verändert die Wahrnehmung einer Gesellschaft. Schweigen fördert Ungleichheiten und das Wegsehen verstärkt die Wirkmächtigkeit noch zusätzlich.