Als Schauplatz dieser Veranstaltung dient das Wiener Konzerthaus, das im Jahr 1913 eröffnet wurde. Es ist bekanntlich mit der Inschrift geschmückt: "Ehrt eure deutschen Meister, / dann bannt ihr gute Geister."

Den Veranstaltern des "Spot on" ist nicht entgangen, dass diese Fassadenzier mit dem Thema ihrer Veranstaltung in einer bedenkenswerten Verbindung steht. Auf der Website des Konzerthauses heißt es: "Bald hundert Jahre prangt dieses Zitat aus Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg im Lichte der immer selben Sonne an der Fassade des Wiener Konzerthauses; die Zeitläufte indessen hätten seine Lesarten nicht kontroverser bestimmen können. Heute sieht sie uns als historische Signatur des Architektenduos Helmer & Fellner doch nur noch ziemlich unverwandt an."

Jan Josef Liefers. Foto: Joachim Gern
Jan Josef Liefers. Foto: Joachim Gern

Die deutsche "Kulturnation"

Damit uns dieser markige Spruch aber nicht allzu gleichgültig lässt, ist es ratsam, einige der "Lesarten" zu rekonstruieren, die ihm im Lauf der letzten hundert Jahre zuteil geworden sind. Denn in Wien sind hie und da auch falsche Informationen über diese Inschrift im Umlauf. Während einer Diskussionsveranstaltung zum Thema "Österreich und der Nationalsozialismus" behauptete zum Beispiel einmal ein Debattenredner allen Ernstes, die Nazis hätten diesen Spruch 1938 am Konzerthaus angebracht, um den Wienern Respekt vor den frisch einmarschierten "deutschen Meistern" beizubringen.

Dass diese Geschichte nicht stimmen kann, sieht man auf den ersten Blick daran, dass die Inschrift am Konzerthaus in jugendstilartig geschwungenen Lettern geschrieben ist, die wohl ins Jahr 1913, aber durchaus nicht zu den Nationalsozialisten passen.

Darüber hinaus sollte man sich jedoch vergegenwärtigen, dass der Vers von den guten Geistern zwar eine Botschaft enthält, aber keine unmittelbar politische. Wie schon gesagt, entstammt er Richard Wagners "Meistersingern", und zwar deren Finale: Hans Sachs, dem die wichtigsten Kernaussagen des Werks in den Mund gelegt wurden, prophezeit in weitblickender Dichterschau das Ende des "Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation", und er erklärt, dass nach dessen Zerfall nur ein einigendes Band übrigbleibe, nämlich die Kunst: "Drum sag ich euch: / ehrt eure deutschen Meister, / dann bannt ihr gute Geister! / Und gebt ihr ihrem Wirken Gunst, / zerging in Dunst / das Heilge Römsche Reich, / uns bliebe gleich / die heilge deutsche Kunst!"

Großer "geistiger Raum"

"Die Meistersinger von Nürnberg" wurden 1868 in München uraufgeführt - in einer Zeit also, in der das Heilige Römische Reich deutscher Nation tatsächlich "zergangen" war und in der deshalb die "Zerissenheit" ein Hauptthema des Nachdenkens über deutsche Dinge gewesen ist. Und weit verbreitet war der Gedanke, nur die Kunst sei geeignet, jene Gemeinsamkeit aller Deutschen zu stiften, die von der Politik offenbar nicht zu erwarten war.

Auch nach der deutschen Reichsgründung 1871 blieb die Vorstellung lebendig, der "geistige Raum" der deutschen Kultur müsse größer sein, als die zufällig gezogenen Landesgrenzen glauben machten. Eben dies ist mit dem Begriff "Kulturnation" gemeint, der in unterschiedlichen Dokumenten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts herumgeistert. Auch in Österreich gab es Verfechter der deutschen "Kulturnation" - warum sonst wäre das programmatische Wagnerzitat als Motto für das Konzerthaus gewählt worden?

Auch nach dem Ende der Monarchie blieb das Thema aktuell. Um nur ein prominentes Beispiel zu erwähnen: Hugo von Hofmannsthal war zwar 1920 maßgeblich an der Gründung der Salzburger Festspiele als einem barock-österreichischen Gegen-Bayreuth beteiligt, entwarf aber dennoch 1927 in seiner Rede "Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation" die Vision einer länderübergreifenden deutschen Geistesnation. Ihr fühlte er sich fraglos zugehörig, obwohl er an seinem bewussten Österreichertum ebenso wenig Zweifel gelassen hat.

Neue Grenzziehungen

Der völkerrechtswidrige "Anschluss" Österreichs an Deutschland, der unter der Führung des Braunauer Wagner-Verehrers Adolf Hitler vollzogen wurde, und später der Zweite Weltkrieg setzten schließlich den Träumereien von der Kulturnation ein Ende. Seit den 1950er Jahren artikulierte sich in Österreich ein eigenständiges Kulturbewusstsein, das bis zum heutigen Tage gern einen mehr oder weniger ausgeprägten antideutschen Unterton hat. Um auch dafür ein illustres Beispiel zu nennen: Heimito von Doderers Meisterwerk "Die Strudlhofstiege" aus dem Jahr 1951 beginnt mit einem Porträt des rumänischen Dr. Negria, von dem im ersten Absatz des Romans gesagt wird, er sei in Wien zwar fremd, aber "nicht so konsolidiert fremd wie die Norddeutschen".

Allerdings war den Nachkriegsdeutschen die Expansionslust im Namen der Kulturnation ebenfalls vergangen. Von "deutschen Meistern" war nur noch im Sport die Rede, und selbst dort empfanden manche Menschen eine gewisse Befangenheit, seit Paul Celan in seiner berühmten "Todesfuge" die Zeile "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" geprägt hatte.

Touristen und Migranten

Und so entwickelten sich die beiden Kulturen weiter auseinander, als das einem Richard Wagner oder einem Hugo von Hofmannsthal lieb gewesen wäre. In den 1960er und 1970er Jahren begegneten die Deutschen den Österreichern vor allem als zahlende Touristen, denen meist Arroganz und Unmanierlichkeit unterstellt wurde. Felix Mitterers Fernsehfilm "Die Piefke-Saga" hat dieser Fremdenverkehrs-Facette des österreichisch-deutschen Verhältnisses das angemessen satirische Denkmal gesetzt.