Donauaufwärts: Auch in Budapest (Bild des Malers Robert McIntosh) hält die Reisegesellschaft.McIntosh/corbis - © © Robert McIntosh/CORBIS
Donauaufwärts: Auch in Budapest (Bild des Malers Robert McIntosh) hält die Reisegesellschaft.McIntosh/corbis - © © Robert McIntosh/CORBIS

Ruse/Wien.Das Leben in Ruse fließt genauso breit und gemächlich dahin wie der Fluss, der an der Stadt vorüberströmt: die Donau. Sie bildet hier die Grenze zwischen Rumänien und Bulgarien, und Ruse ist mit rund 180.000 Einwohnern die größte Ortschaft auf der bulgarischen Seite. Als die Stadt noch den türkischen Namen Rustschuk trug, lag sie an der Schwelle zwischen Orient und Okzident und war folglich ein bedeutendes Zentrum des Ost-West-Handels. Dass Rustschuk von unterschiedlichsten Volksgruppen bewohnt war, hat Elias Canetti, der berühmteste Sohn der Stadt, in "Die gerettete Zunge", dem ersten Teil seiner Lebenserinnerungen, beschrieben: "Es lebten dort Menschen der verschiedensten Herkunft, an einem Tag konnte man sieben oder acht Sprachen hören."

So multikulturell geht es im heutigen Ruse nicht mehr zu: Gewiss, es gibt eine Moschee, aber sie spielt im Stadtbild eine ebenso bescheidene Rolle wie die Synagoge. Die Innenstadt wird von einem Justizpalast, einem Stadttheater und einem Opernhaus beherrscht. Diese Repräsentationsgebäude des späten 19. Jahrhunderts sind um den zentralen Platz gruppiert, der den Namen "Plotad Svoboda" trägt, also "Platz der Freiheit". Damit ist nicht jene Freiheit gemeint, die den Bulgaren durch das Ende des Kommunismus zufiel. Hier wird vielmehr der Befreiungskriege des späten 19. Jahrhunderts gedacht, in denen der junge bulgarische Nationalstaat die Osmanen vertrieb, die das Land 500 Jahre lang beherrscht hatten. Diese Befreiung vom "Türkenjoch" (wie die nationale Geschichtsschreibung Bulgariens die Osmanenherrschaft nennt) ist der entscheidende nationaleGründungsmythosBulgariens.

Latein statt Kyrillisch

Die Umgebung des nationalen Gedenkplatzes ist allerdings von Pathos frei: Unter den vielen kleinen Geschäften fallen Etablissements mit Namen wie "Golden Point" oder "Red Lips" auf: Sie verwenden demonstrativ lateinische Buchstaben statt den kyrillischen in ihren Auslagen - vermutlich, um dadurch modern, zeitgemäß und europäisch zu wirken. Aber an der slawisch-balkanischen Grundatmosphäre der Stadt ändern derartige Verbeugungen vor dem Westen nur wenig.

In dieser Stadt, die von Wien 885 Kilometer Luftlinie weit entfernt ist, setzte sich am letzten September-Wochenende eine literarische Reisegesellschaft in Bewegung. Per Schiff ist sie seitdem donauaufwärts unterwegs; sie hat in der rumänischen Stadt Cetate ebenso haltgemacht wie in Belgrad und Novi Sad. Auf die serbischen Stationen folgt die kroatische Stadt Vukovar, dann ist Budapest an der Reihe, schließlich Bratislava. Von dort wird die (mittlerweile wohl etwas zahlreicher gewordene) Gruppe am 26. Oktober nach Wien fahren, wo die Reise endet.

"Literature in Flux" nennt sich dieses Projekt, das Literaten und Übersetzern die Möglichkeit gibt, den Donauraum als länderübergreifende Region zu erleben. Wo immer das Schiff anlegt, werden Lesungen, Konzerte und Podiumsdiskussionen veranstaltet. Dabei kommen Literaten aus allen Donau-Anrainerstaaten in ihrer jeweiligen Sprache zu Wort. Aber so vielfältig das Programm angelegt ist - ein Thema wird dabei von Ruse bis nach Wien mitgenommen: In allen Ländern und Kontexten geht es immer wieder neu um die Frage nach den verschiedenen Erinnerungskulturen, die zur europäischenVielfaltbeitragen,und um die althergebrachten nationalen Mythen und Stereotypen, die einer gesamteuropäischen Entwicklung oft genug im Weg stehen.

Organisiert wird diese Donaufahrt mit literarischem Ehrgeiz von Halma. Diese Organisation, die ihren Namen dem bekannten Brettspiel entliehen hat, vereint 26 literarische Zentren aus 21 Ländern Mittel- und Osteuropas. Die wichtigste Aufgabe dieses Zusammenschlusses besteht in der Organisation länderübergreifender Projekte, die zur Entstehung einer europabewussten Literatur beitragen sollen.

Europäisches Leben

In Wien ist Halma durch die Alte Schmiede präsent, und so erklärt sich auch, dass die heurige "Literatur im Herbst", die von der Schmiede zwischen dem 28. und dem 30. Oktober veranstaltet wird, nahtlos an das "Literature in Flux"-Projekt anschließt: "Literatur im Fluss" heißt das Programm, das die Fragen und Impressionen der vorangegangenen Schiffstour weiterspinnt. Damit arbeiten Halma und Alte Schmiede an einer Entwicklung mit, die sich auch an vielen anderen Stellen zeigt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich zahlreiche Autoren auf den Weg gemacht, um das europäische Leben in all seinen Facetten zu beobachten und zu beschreiben. Im Lichte dieser Erkundungen erscheinen Landesgrenzen und nationalstaatliche Territorien meist weniger bedeutsam als Regionen und Landschaftsformationen: In diesem Sinn kann etwa der große Donauraum als ein einziges Territorium verstanden werden und vom Mittelmeerraum und anderen vergleichbaren Großstrukturen unterschieden werden. Aber wie auch immer sich die Suche nach Europa im Einzelnen gestaltet - der Grund für dieses neue Interesse an den europäischen Lebenswelten ist jedenfalls nicht schwer zu finden: Durch den Zusammenbruch des Kommunismus im Jahr 1989 hat sich jenes riesige Gebiet, dem man im Westen einst den Droh- und Schreck-Begriff "Ostblock" übergestülpt hat, wieder in ein reich gegliedertes, vielfältiges Terrain verwandelt. Außerdem sind in allen Ländern Ost- und Südosteuropas grundlegend neue gesellschaftliche Bedingungen entstanden - und die Dynamik, die damit einhergeht, hat längst auch die westeuropäischen Länder erfasst. Das Gesicht Europas hat sich also in den letzten 20 Jahren stärker verändert als in den vier Jahrzehnten davor. Und diese weitreichenden Transformationsprozesse werden eben auch mit literarischen Mitteln beobachtet und beschrieben.