Bei Brettspielen habe ich ein Brett vor dem Kopf. Meine Freundin konnte ich nur besiegen, wenn sie müde war oder ich es in aller Hinterhältigkeit schaffte, ihre Konzentration zu stören. Die Freundin gibt’s nicht mehr. Aber die Faszination für Brettspiele ist geblieben, auch wenn ich meistens der Verlierer bin. Der Besuch des Spielefests, das bis Sonntag im Austria Center Vienna läuft, ist daher ein Pflichttermin. Masochismus?

Ein Trost bleibt: Auch der König von Uruk wird nicht jedes Spiel gewonnen haben, als er um 2600 v. Chr. über einem langgezogenen Brett mit 20 quadratischen Feldern grübelte. Oder hat man ihn sicherheitshalber gewinnen lassen wie rund 3100 Jahre später Henry VIII., der sehr, sehr ungerne verlor? (Seine beiden Scheidungen und die Hinrichtung zweier seiner Frauen sollen dem Vernehmen nach indessen anders begründet gewesen sein.)

Vom "Spiel des Königs von Ur" sind die Regeln bekannt - allerdings aus einer späteren Überlieferung, nämlich 144 v. Chr. Dass es die originalen Regeln sind, gilt als zweifelhaft. Ihnen zufolge wäre es ein entfernter Verwandter jener prickelnden Kombination von Glücks- und Strategiespiel namens Backgammon, deren englischer Name daher rührt, dass der Brite Edmond Hoyle 1743 in einer Broschüre die Regeln festschrieb. Erfunden hat Backgammon angeblich ein Grieche: Palamedes aus Nauplia, dem auch die Erfindung der Maße und Gewichte zugeschrieben wird, ließ sich das Brettspiel einfallen, um den Griechen bei der Belagerung von Troja die Zeit zu vertreiben.

Rithomachie: Vielleicht das schwierigste Spiel aller Zeiten auf einer Darstellung aus dem Jahr 1556.
Rithomachie: Vielleicht das schwierigste Spiel aller Zeiten auf einer Darstellung aus dem Jahr 1556.

Selbst wenn das eine Legende ist: Tatsache bleibt, dass es seit jenem namentlich unbekannten König von Uruk Brettspiele gibt. Die beiden großen uralten Klassiker, die mit dem Spiel des Königs von Ur um die Position des frühesten Brettspiels streiten, sind das in China erfundene und in Japan populär gewordene Go und das ägyptische Senet.

Während man vom Königsspiel (zumindest in einer korrumpierten Version) und von Go die Regeln kennt, muss man bei Senet eher mutmaßen und vom Spielbrett durch Analogien auf die Regeln schließen, obwohl das Spiel von den Römern übernommen wurde, die so gerne alles aufschrieben - nur eben die Senet-Regeln nicht. Oder sie wurden aufgeschrieben, aber der entsprechende Text ist nicht überliefert. Wenn die Rekonstruktion stimmt, wäre Senet eine Art Vorläufer von Backgammon.

Agile Dame, matter König

Der große Klassiker des Brettspiels, der, dessen Name jeder kennt auch dann, wenn er das Spiel nie gespielt hat, ist Schach. Der Name lässt die Ursprünge ahnen und sagt auch, worum es geht, nämlich um den König, auf Persisch "Schah" mit deutlich gehauchtem "h". In Russland, wo dieses Spiel sozusagen geistiger Volkssport Nummer eins ist, heißt es übrigens "Schachmaty" - da wird der König gleich im Namen matt gesetzt. Umso bitterer mag es für die Russen sein, dass der derzeitige Weltmeister keiner der Ihren ist, sondern der Inder Viswanathan Anand.

Genau genommen ist Schach, wie viele andere Brettspiele, ein transformiertes Kriegsspiel oder, wenn man’s ein wenig euphemistisch sagen will, ein Taktikspiel mit zwei gleich starken Truppen. Jede Figur hat bestimmte Wege zu gehen und jede kann den Ausschlag geben, dass der gegnerische König gefangen, also matt gesetzt wird. Irgendwie ist Schach auch ein Abbild des realen Lebens: Die Dame ist die stärkste Figur, der König eine der schwächsten.

So populär das Spiel ist, so dunkel ist seine Herkunft. Wahrscheinlich entwickelte es sich aus dem indischen Chaturanga, dessen Regeln nicht genau bekannt sind und das ab 450 n. Chr. nachweisbar ist. Über das persische Chatrang und das arabische Schatrandsch entwickelte sich das Schach, wie wir es heute kennen. Die islamische Expansion brachte das Spiel nach Europa, wo es spätestens ab dem 13. Jahrhundert fest etabliert war. Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelten sich die Turniere. 1886 wurde die erste Schachweltmeisterschaft ausgetragen, die Gegner im Finale waren der in Prag geborene, nach Nordamerika ausgewanderte Österreicher Wilhelm Steinitz und der Deutsch-Pole Johannes Hermann Zukertort, den Steinitz schließlich besiegte.

Kein anderes Spiel bekam auch politisch derartige Bedeutung wie Schach, als 1972 der Weltmeisterschaftskampf zwischen dem Amerikaner Bobby Fischer und dem Sowjet-Russen Boris Spasski zum Kampf zweier Weltanschauungen hochstilisiert wurde. Fischer siegte - die USA jubelten. Noch. Denn der Nationalheros Fischer erwies sich später als Anti-Amerikaner, der Terroranschläge lobte und antisemitische Thesen vertrat.

Dame hat gegenüber Schach an Popularität verloren. Der Ursprung des Dame-Spiels war das Frankreich des 10. Jahrhunderts, als Spielbrett dient das des damals bereits bekannten, aber noch nicht etablierten Schach. Ziel ist, dem Gegner jede Zugmöglichkeit zu nehmen, also seine Steine zu schlagen oder zu blockieren. Die Hochburgen von Dame sind heute die Niederlande und Russland. Die Dame-Variante der englischsprachigen Länder heißt "Checkers" und unterscheidet sich geringfügig in den Spielregeln.