Beste Streite des Jahres: Was wäre ein Kulturjahr ohne anständige Anwürfe: Einen kleinen Theaterskandal gab es im Frühsommer in Wien, als ein Zerwürfnis zwischen Birgit Minichmayr und Regisseur Jan Bosse dazu führte, dass Wedekinds "Lulu" im Burgtheater abgesagt wurde. Dem Kulturboulevard zu Fleiß wurden kaum delikate Details bekannt. Auch die Differenzen zwischen Feministin Alice Schwarzer und Pop-Porno-Schriftstellerin Charlotte Roche hätten da mehr Potenzial gehabt. Verlass ist in Sachen Dramatik auf das Personal des Austropops. Nachdem sich Wolfgang Ambros in einem Radiointerview freimütig über die kokainintensive "Knopferlaugen"-Ära von Rainhard Fendrich ausgelassen hatte, brach Letzterer empört mit Ambros. Und das, obwohl der versöhnlich nachgereicht hatte, dass das "Schnee von gestern" ist.

Kuriose Karrieren des Jahres: Schon Anfang des Jahres kreißte das Internet und ein Money Boy ward geboren: Der Wiener, der unter normalen Umständen bestenfalls als Hobbyrapper durchgehen würde, landete mit "Dreh den Swag auf" einen reichlich seltsamen Hit, der ihn aber in die "Bild"-Zeitung hievte. Kurios oder einfach sehr geschickt auch die Karriere der New Yorker Popsängerin Lana Del Rey. Ein Album gibt es noch nicht, aber die paar Songs, die das Internet bereithält, lassen das Feuilleton weltweit jetzt schon frohlocken. Stockerlplatz gibt es für Jean "Verzeihung, wir haben es uns anders überlegt" Ziegler, der mit seiner nicht gehaltenen Salzburger Festspiel-Eröffnungsrede doch auf Platz eins der Sachbuchcharts landete.

Rücktritte des Jahres: Wer den schepperndsten Abgang hinlegte, darüber lässt sich streiten: War es MAK-Chef Peter Noever, der nach mehr als 20 Dienstjahren über Eigenveranstaltungen mit Human Touch stolperte (nämlich die Geburtstagsfeste für seine Mutter)? Oder schlugen die Berliner Philharmoniker lauter auf die Pauke, als sie ihren Abzug von den Salzburger Osterfestspielen kundtaten? Letzteres sorgte zwar für eine ebenso dramatische wie erfolgreiche Findungsmission (ab 2013 obwaltet Christian Thielemann mit der Staatskapelle Dresden); in puncto unfreiwilliger Humor aber ist wohl Noevers Fall führend. Nicht nur, dass sich das MAK-Kuratorium erst einen Monat nach Noevers Rückzug zur knallharten Entlassung des "Designpioniers" ermannte. Auch die Pro-Peter-Noever-Homepage hat’s in sich (Tadel am generösen Titanen? Kleingeistiges Österreich!).

Verschmähung des Jahres: "Fleisch essen" geriet im Frühling ins Visier gleich zweier zum Vegetarismus bekehrter Autoren - Jonathan Safran Foer und Karen Duve - und wurde zum beliebten Intellektuellenstreitthema. Das Image von Leberkäs und Schnitzel litt aber nicht allzu lang: Es folgte die EHEC-induzierte Demontage der spanischen Gurke, und als richtig gefährlich entpuppten sich irgendso Sprossen.

Ehrlichkeit des Jahres: "Ich habe keine Ahnung, wer der Lyriker ist." - Marcel Reich-Ranicki über den Literaturnobelpreisträger 2011.

Wahrheit des Jahres: "Dallas ist zeitlos, denn Arschlöcher gibt es immer", sagt Larry Hagman und hat auch etwas davon: 2011 begannen die Dreharbeiten für eine Fortsetzung der Kultserie. Selbstverständlich mit ihm.

Unbeliebtester Medienjob des Jahres: Noch vor dem endgültigen Abschied Thomas Gottschalks von der großen Showbühne mutierte "Wetten, dass . . ?" zu "Wer will mich?": Absagen für die Moderationsnachfolge kamen zuletzt auch von Kandidaten, um die gar nicht geworben wurde. Peter Rapp steht übrigens jederzeit zur Verfügung. Ruft! Ihn! An!

Wunsch des Jahres: "Lieber Gott, viel Spaß" stand auf einer Traueranzeige in der "Frankfurter Allgemeinen" vier Tage nach dem Tod Loriots.

Überraschender Vergleich des Jahres:"Das ist genauso absurd wie die Bankenkrise - unverständlich, albern, unangenehm." Der Maler Gerhard Richter hat einen lichten Moment über Auswüchse des Kunstmarkts: Sein Gemälde "Kerze" war vor einer Auktion auf bis zu zehn Millionen Euro geschätzt worden. Ersteigert wurde es übrigens um zwölf Millionen.

Comeback des Jahres:Das Tütü wurde nicht nur wieder gesellschaftsfähig, sondern nachgerade cool durch den Ballettthriller "Black Swan". Auch Wim Wenders’ 3D-Dokumentation "Pina" über die im Jahr 2009 verstorbene Choreographin Pina Bausch trug zum neuen Interesse am Tanz bei. Schließlich schaffte es die oft als nischenhaft belächelte Disziplin gar in die Klatschspalten: Als sich die Choreographin Anne Teresa de Keersmaeker echauffierte, die R’n’B-Sängerin Beyoncé hätte sich ungeniert an ihrem Bewegungsfundus bedient. Guttenbergianismus schreckt auch vor gekonnt verrenkten Gliedmaßen nicht zurück. Apropos Klatsch: Was wäre Gesellschaftsgetuschel ohne Karina Sarkissova? Nach der umstrittenen Veröffentlichung ihrer Nacktbilder ist die Solistin des Wiener Staatsballetts (zurzeit karenzierte Ballettöse) zu einem fixen Bestandteil der Bussi-Bussi-Gesellschaft und des ORF geworden.