Der Mann sieht nicht aus, wie Polizisten normalerweise aussehen, wenn sie Demonstranten in Schach halten. Er ist ziemlich vollständig in Ralph Lauren eingekleidet, seine Brille ist eine dezente Retroversion. Der Mann ist "Der Hipster Cop". Er hat es im Herbst zur Internetberühmtheit gebracht, weil seine modische Erscheinung am Rande des "Occupy Wall Street"-Camps für mildes Aufsehen gesorgt hat. In einem Interview mit einer Lifestyle-Postille hat er dann erklärt, wie ihm seine gepflegte Erscheinung im Umgang mit den Aktivisten hilft: "Wenn sie sehen, dass ich mich cool kleide, dass ich dünne Krawatten trage, überhaupt recht trendy aussehe, dann reißt das eine ganze Menge Mauern nieder." Da kann man sich jetzt aussuchen, ob die Aussage ein unerquickliches Licht auf die Mitglieder der "Occupy"-Bewegung wirft oder nur auf diesen Mann.

Hipster leben gefährlich: Künstler Jeff Greenspan stellt Subkultur-Fallen auf, typische Accessoires wie die Analogkamera, die Ray-Ban-Brille und die Fahrradkette locken arglose Hipster an. - © Greenspan
Hipster leben gefährlich: Künstler Jeff Greenspan stellt Subkultur-Fallen auf, typische Accessoires wie die Analogkamera, die Ray-Ban-Brille und die Fahrradkette locken arglose Hipster an. - © Greenspan

Die Bezeichnung "Hipster" ist im Fall des Hipster-Cops aber nicht nur der Hinweis auf sein wohlgestaltes Äußeres. Sie weist auch auf die mögliche Weiterentwicklung der jüngsten größeren Subkultur hin. Eine Subkultur, die nun sogar eine eigene Theorie verpasst bekommen hat. Sie steht in einem neongrünen Suhrkamp-Bändchen, das vor kurzem erschienen ist. Sein Herausgeber, der amerikanische Intellektuelle Mark Greif, wird als der ultimative Popkultur-Exeget gefeiert. Dabei erschöpft sich das Buch "Hipster. Eine transatlantische Diskussion" vor allem im Versuch einer Definition der Gruppierung, die sich Ende der Neunziger in New York zu formieren begann.

Turnschuh-Auferstehung

Das Fahrrad ist als Accessoire

obligat. Londoner Mainstream-Hipster im Bildband "Cycle Style" von Prestel.
Das Fahrrad ist als Accessoire
obligat. Londoner Mainstream-Hipster im Bildband "Cycle Style" von Prestel.

Der natürliche Lebensraum des "Hipsters" ist (beziehungsweise war) demnach Williamsburg in Brooklyn, er trägt mit Vorliebe sehr enge Jeans und sehr große Brillen (auch ohne Glas), er ist mit dem Fahrrad unterwegs und zwar am besten total simplifiziert: ohne Gangschaltung. Er hört Musik von Bands, die erst im Begriff sind, angesagt zu werden, und nennt ein ganzes Arsenal von Apple-Produkten sein Eigen. Sein Hobby ist das Durchkämmen von Flohmärkten auf der Suche nach Vintagemode oder -design, das sich zur Ironisierung eignet. So geschieht es, dass in angemessen langen Modezyklen bisher peinliche Turnschuhmarken ihre Auferstehung feiern - angefangen von Converse. Der Hipster ist auch ein ausgesuchter Kenner des Ray-Ban-Sonnenbrillenmodell-Archivs. Eine der amüsanteren Passagen des Buches "Hipster" beschreibt die Beobachtung, dass im selben Zeitraum, in dem sich Hipster für karierte Holzfällerhemden begeisterten und den Gummistiefel als Alltagsschuhwerk entdeckten, die beliebtesten Bands plötzlich alle mit Tiernamen hantierten: Grizzly Bear, Fleet Foxes, Wolf Parade und schließlich Animal Collective.

In Berlin siedelte sich der Hipster in Mitte an, in Wien wohl in der Leopoldstadt. Das ist nur eine Kurzfassung. Sie hinterlässt manchen wahrscheinlich mit eben jenen Worten, die der Vater eines der Autoren des Buchs gesagt hat: "Ach so, du meinst junge Leute!" Noch eine absurde Ebene bekommt das Ganze, wenn man im Internet weiterrecherchiert. Da wird erklärt, dass es vorkommen kann, dass man ein Hipster ist und es gar nicht weiß. Auf den Punkt bringen kann man all das wohl aber in einem Satz. Hipster sind manisch Trendsuchende und im Idealfall Trendsetzende.

Einen interessanten Aspekt beleuchtet das Buch am Rande: In die Kritik gerieten die Hipster großteils in ihrer Rolle als Gentrifizierer. In Williamsburg verdrängten sie mit schicken Sneakers-Geschäften alteingesessene jüdische Greißler. Dabei wurde ihnen vor allem vorgeworfen, dass sie die Unterlegenen mit der Chuzpe demütigten, die alten Geschäftsschilder hängen zu lassen - aus ästhetischen Gründen, der Liebe zum Retro geschuldet.

Hang zur Selbstbespiegelung

Doch wie prägend kann eine Subkultur sein, deren Leistung vor allem im Konsum und im Antreiben desselben besteht? Eine Subkultur, die sich darin gefällt, das Vergangene ohne jede neue Sinnstiftung zu feiern? Die Antwort darauf kann das Diskurs-Bändchen nicht geben. Vielleicht liegt es daran, dass es sich bei dem Buch nur um das handelt, was zum ureigenen Betätigungsfeld des Hipsters gehört: die oberflächliche Selbstbespiegelung. Unzählige Facebook-Profilfotos zeugen von der Lust an der hingebungsvoll substanzlosen Selbstinszenierung. Die Hervorbringung des Streetstyleblogs, in dem dokumentiert wird, wer welchen Flohmarktfund wie "dekonstruiert", ist wohl dieser Gruppe zuzuschreiben.

Doch wie sieht es sonst mit den Kulturleistungen dieser sogenannten Subkultur aus? Dass sie die Gesichtsbehaarung - vom Pornoschnauzer bis zum Rauschekinn - zurück in den Mainstream gebracht hat unter dem Sammelbegriff "der ironische Bart" kann’s ja nicht gewesen sein.

Tatsächlich ist es Subkulturen oder Gesellschaftsphänomenen natürlich eigen, dass sie Niederschlag in der Kultur finden, ob aktiv wie etwa die Punks oder passiv wie die Yuppies (in Literatur wie "American Psycho" oder Filmen wie "Wall Street"). Nichts dergleichen bei den Hipsters, nicht einmal bei schnell reagierenden Fernsehserien. Es gibt nur Musik, die Hipster gut finden, und Filme, die Hipstern gefallen (von Wes Anderson). Es geht also auch hier nur um - Konsum.