Zwei Wiener Kultdetektive: Szene aus dem Film "Müllers Büro" mit Christian Schmidt und Andreas Vitásek. Damals, 1986, waren die


beiden Ermittler in Wiens Unterwelt noch ziemlich konkurrenzlos unterwegs. Heute hat sich das massiv geändert. Foto: WEGA Film
Zwei Wiener Kultdetektive: Szene aus dem Film "Müllers Büro" mit Christian Schmidt und Andreas Vitásek. Damals, 1986, waren die

beiden Ermittler in Wiens Unterwelt noch ziemlich konkurrenzlos unterwegs. Heute hat sich das massiv geändert. Foto: WEGA Film

Wien. Gerade 18 Mal musste die Wiener Mordkommission im Jahr 2010 zu einem Tatort ausrücken. Also alle zwanzig Tage wurde in der Stadt ein Mord verübt. Statistisch gesehen hätten die Beamten also jeweils rund drei Wochen Zeit, das Verbrechen aufzuklären, bevor das nächste an der Tagesordnung stehen würde.

Analysiert man die Statistik jedoch genauer, dann tritt zutage, dass bei einer überwiegenden Anzahl der Taten der Mörder oder die Mörderin sich entweder noch am Tatort befanden oder nach kurzer Zeit von der Polizei geschnappt wurden. Taten, die im Familienkreis und/oder im Affekt begangen wurden, sind die häufigsten, die in der Kriminalstatistik aufscheinen. Die Aufklärungsquote liegt bei 94,5 Prozent, und Wien verzeichnet die geringste Mordrate Europas.

Zahlen und Fakten, die für eine Millionenmetropole beruhigend klingen, wenn man als Bewohner oder Besucher der Stadt nächtens nicht hinter jeder Ecke der verwinkelten Innenstadt einen Gewaltverbrecher vermuten muss. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Beamten der Mordkommission nicht dermaßen unterbeschäftigt sind, dass sie mit der Zeit ihren Spürsinn verlieren.

Jede Stadt von Welt hat ihren eigenen Detektiv

Unter Umständen verwenden sie ihre Wartezeit dafür, die vielen Neuerscheinungen von Kriminalromanen, die die Donaumetropole zum Schauplatz haben, zu lesen. Konkurrenzbeobachtung, quasi. Denn diese Bücher zeichnen mitunter ein ganz anderes Bild der an sich sicheren Stadt. Gemessen an der Vielzahl der Publikationen mit Wien-Bezug der letzen Zeit, fühlt man sich, ob der Fülle der Gewalttaten, ins Chicago der Bandenkriege rund um Al Capone der 1930er Jahre versetzt.

Die Morde der offiziellen Statistik werden mit einer brutalen Leichtigkeit übertroffen, dass es dem Leser kalt über den Rücken läuft. Diese Anzahl literarisch-krimineller Romane österreichischer Autoren war bis vor einigen Jahren nicht im Buchhandel zu finden. Wahrscheinlich ist es damit zu erklären, dass jede Stadt von Format, neben den kulturellen Errungenschaften, heutzutage zumindest auf einen respektablen Kommissar oder eigenbrötlerischen Detektiv verweisen können muss. Wie auf einen Remzi Ünal in Istanbul (Celil Oker), Kemal Kayankaya in Frankfurt (Jakob Arjouni), Guido Brunetti in Venedig (Donna Leon) oder Proteo Laurenti in Triest (Veit Heinichen).

Selbstverständlich ist Wien immer wieder Schauplatz von Mord und Totschlag gewesen, in Büchern ebenso wie in Filmen, TV-Sendungen und Liedern. Aber wie sehr die Bedeutung Wiens als Tatort in den letzten Jahren angewachsen ist, zeigt sich auch darin, dass im Jahr 2010 erstmals der Leo-Perutz-Preis vergeben wurde. Ein Literaturpreis der Gemeinde Wien und des Hauptverbands des österreichischen Buchhandels für das Genre Kriminalroman, mit der Auflage, dass die Verbrechen in Wien passieren müssen. Die Auszeichnung soll an den Schriftsteller Leo Perutz erinnern, der mit seinem 1923 erschienen Kriminalroman "Der Meister des jüngsten Tages" Literaturgeschichte geschrieben hat. Wobei Perutz selbst dieses Werk nicht sehr schätzte. Wie dem auch sei, es trägt mit Sicherheit dazu bei, dass die heutige (Krimi-)Autorengeneration einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt und der Stellenwert ihrer Arbeiten im literarischen Kanon gesteigert wird. Erster Preisträger ist übrigens der Autor Stefan Slupetzky mit seinem Roman "Lemmings Zorn".

Was zeichnet die Stadt Wien als Tatort aus? Grundsätzlich einmal die architektonische Vielfältigkeit. Morde können in einem prunkvollen Innenstadtpalais, wie im Roman "Wienerherz" von Marcus Rafelsberger, in einem heruntergekommenen Gemeindebau, wie in "Tödliches Rendezvous" von Beate Maxian, in einem dieser monumental-erschreckenden Flaktürme, wie in Wolf Haas "Wie die Tiere", oder überhaupt in einem Wiener Café, wie in der abwechslungsreichen Anthologie "Tatort Kaffeehaus" von Edith Kneifl, verübt werden. Die monarchistischen Repräsentationsbauten, das berühmte Kanalsystem, die Gemeindebauten, die Villenviertel oder die öden Reihenhaussiedlungen und die modernen Wolkenkratzer bieten in dieser Beziehung abwechslungsreiche Tatorte. Natürlich spielt auch Lokalkolorit eine wesentliche Rolle. Vom charmanten Bonvivant, über den grantigen Oberkellner, den rüpelhaften Praterstrizzi, den rassistischen, korrupten Krimineser bis zum opportunistischen Beamten bieten sich originäre Charaktere mit Abgründen an.

Der typische Wiener Schnüffler ist kein Kieberer

Was charakterisiert die Schnüffler? Eines zeigt sich vorweg: Ein Mehr an Arbeit überantworten die Autoren trotz der Opferflut nicht der Wiener Mordkommission. Denn die meisten Ermittler arbeiten nicht im Dienst der Polizei. Einmal haben sie den Polizeidienst quittiert und arbeiten als Privatdetektive wie der Brenner von Wolf Haas oder der Lemming von Stefan Slupetzky Ein anderes Mal sind sie Quereinsteiger wie die Journalistin Mira Valensky von Eva Rossmann oder die Redakteursaspirantin Sarah Pauli von Beate Maxian Entweder sie klären das Verbrechen im Alleingang oder bringen nachlässige verbeamtete Inspektoren auf die richtige Fährte. Auf jeden Fall pfuschen sie den Beamten ordentlich ins Handwerk. Meist nicht zu deren Freude, versteht sich. Richtige Kieberer als Hauptermittler finden sich in den Romanen von Andreas Pittler Gerhard Loibelsberger und Marcus Rafelsberger Wobei die beiden Erstgenannten ihr Setting in der Vergangenheit ansiedeln. Inspektor Joseph Maria Nechyba (Loibelsbeger) und Kommissar David Bronstein (Pittler) ermitteln im Wien der vorletzten Jahrhundertwende und in den 1920er- und 1930er-Jahren. Rafelsberger kreierte mit der Figur des Chefinspektors Laurenz Freund einen sehr heutigen Wiener Bullen, mit einem nervigen Polizeipräsidenten, der am Gängelband politischer Seilschaften hängt, renitenten Zeugen, Figurproblemen und klassischem Familienzoff zu Hause. Es sind oft die persönlichen Probleme der Schnüffler, die eine besondere Note in den Roman bringen. Menschlichkeiten, die Verbundenheit und Solidarität mit dem Leser fördern. Die kauzigen Typen, die das Schicksal (Verlust des Jobs, der Frau, gepaart mit Alkohol und Nervenzusammenbrüchen) oft dermaßen gezeichnet hat, dass man einfach mitzittern muss, wenn ihnen dann auch noch ein oder mehrere Morde dazwischenkommen. Da ist es dann oft auch gar nicht so sehr der Plot, der fesselnd wirkt, sondern die parzivalesken Entwicklungen, die der Protagonist zu überwinden hat.