Berlin. Die scharfe Kritik an Israels Atompolitik, die Literaturnobelpreisträger Günter Grass in Gedichtform vorgebracht hat, stößt zwar vorwiegend auf heftigen Protest. Vereinzelt springen dem 84-Jährigen Autor auch Verteidiger bei, die Verständnis für seine Position zeigen. Der israelische Historiker Tom Segev zum Beispiel nahm Grass vor dem Vorwurf des Antisemitismus in Schutz. Im Deutschlandradio sagte Sebev: "Er ist kein Antisemit, er ist nicht anti-israelisch."

Segev, der 2010 eine Biografie über den österreichischen "Nazi-Jäger" Simon Wiesenthal vorgelegt hatte, gilt als "Neuer Historiker", der sich kritisch mit der Geschichte Israels und des Zionismus auseinandersetzt.


Links

Haaretz: Gunter Grass' poem is more pathetic than anti-Semitic

wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Das Außenministerium in Jerusalem hat das Israel-kritische Gedicht von Literaturnobelpreisträger Günter Grass indes als "geschmacklos" kritisiert. Mit dem Gedicht habe Grass die Grenze zwischen Fiktion und Science-Fiction überschritten, sagte Ministeriumssprecher Yigal Palmor am Donnerstag der Nachrichtenagentur AFP. Es sei "erbärmlich" und "geschmacklos".

Segev nahm in der Zeitung "Haaretz" eine differenzierte Position ein und nannte das Gericht "eher pathetisch als antisemitisch". Er schrieb aber auch, dass es "ungerecht" sei, Israel und den Iran zu vergleichen. Im Gegensatz zum Iran habe Israel niemals damit gedroht, ein anderes Land von der Landkarte verschwinden zu lassen, schrieb Segev im Hinblick auf Drohungen des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad.

Auch der Präsident der deutschen Akademie der Künste, Klaus Staeck, nahm Grass in Schutz: "Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden", sagte Staeck der in Halle erscheinenden "Mitteldeutschen Zeitung". "Die reflexhaften Verurteilungen als Antisemit finde ich nicht angemessen." Grass habe "das Recht auf Meinungsfreiheit auf seiner Seite" und nur "seiner Sorge Ausdruck verliehen". Diese Sorge teile er "mit einer ganzen Menge Menschen".

Antisemitische Klischees

Die Reaktionen sind insgesamt von scharfer Kritik gekennzeichnet. Der Text wäre in der rechtsradikalen "National-Zeitung" "gut platziert" gewesen, empörte sich auch der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn im Interview mit Spiegel-Online. In dem Gedicht stehe "so ziemlich jedes antisemitische Klischee darin, das man aus der rechtsextremen Ecke kennt".

Grass hatte am Mittwoch unter anderem in der "Süddeutschen Zeitung" das Gedicht "Was gesagt werden muss" veröffentlicht. Darin heißt es: "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden." Sich selbst bezichtigte der Autor, zu lange dazu geschwiegen zu haben, und fuhr fort: "Ich schweige nicht mehr".

Politiker, jüdische Organisationen und Intellektuelle warfen Grass vor, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Nicht Israel, sondern das iranische Mullah-Regime bedrohe den Weltfrieden. Der Zentralrat der Juden in Deutschland nannte den Text "ein aggressives Pamphlet der Agitation". Der Publizist Ralph Giordano (89) nannte es einen "Anschlag auf Israels Existenz".

Grass hatte sich 2006 dazu bekannt, dass er als 17-Jähriger am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS war. Kritiker warfen ihm vor, seine SS-Zugehörigkeit jahrzehntelang verschwiegen zu haben, während er andere immer wieder wegen ihrer NS-Vergangenheit öffentlich kritisierte. Manch einer sprach ihm die moralische Integrität ab.